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Seelsorger im Rhein-Sieg-KreisEin streitbarer Kirchenmann geht in den Ruhestand

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Pfarrer Fred Schmitz wird 70 Jahre alt und geht in den Ruhestand mit der Spiegel-Ausgabe vom ersten Tag im Priesterseminar.

Sankt Augustin/Lohmar – Auf dem gerahmten Spiegel-Cover vom 18. Oktober 1971 hinter seinem Schreibtisch prangt die Headline „Priester – ein Beruf ohne Zukunft?“, rechts neben der Bürotür zeigt ein Kalender den Dezember 2016 mit dem Gedicht „Gegenreden“. Zwei Blätter, die als Symbol für das Berufsleben von Fred Schmitz stehen können. Der katholische Pfarrer ist ein Freund klarer Worte, was ihm im Erzbistum nicht nur Freunde gemacht hat. Jetzt, mit 70, geht er in den Ruhestand. Zeit, um Bilanz zu ziehen.

Eine Kirche im Aufbruch, wie sich doch der Anfang und das Ende ähneln. Der in der Troisdorfer Gemeinde engagierte Abiturient entschied sich im Sog des Zweiten Vatikanischen Konzils, Priester zu werden. „Es war, als wenn man Türen und Fenster öffnet.“ Ihn bewegt das „Getümmel der Gesellschaft“, er sucht den Dialog mit den Menschen, den Kontakt zu denen am Rande, wird Gefängnisseelsorger. „Da habe ich ganz viel über das gelernt, was eigentlich wichtig ist.“

Mit der Kirche liegt er oft über Kreuz, schaut ungläubig auf Pomp und Prunk, Stichwort Tebartz van Elst und die goldene Badewanne: „Da kann man sich doch nur schämen.“ Die Verweigerung der Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete wundert Schmitz: „Schlimm genug, dass das zu einem Problem geworden ist.“ Menschen, die Gott suchten, dürfe man nicht abweisen. Das Diakonat für Frauen, längst überfällig. Der Zwangszölibat? „Mein Eindruck aus vielen Gespräch mit Kollegen ist, dass diese Frage längst beantwortet ist.“ Er wird deutlicher: Die Kirche könnte diese Verpflichtung zur Ehelosigkeit, die auf einem kirchlichen Gesetz aus dem 13. Jahrhundert fußt, abschaffen.

Hoffnung nicht verloren

„Das ist ein Schmerz, heute zu erleben, worauf ich verzichtet habe“, sagt Schmitz, der mehrfacher Onkel und Großonkel ist. Er habe lernen müssen, allein zu leben. Die Entscheidung fürs Priesteramt würde er gleichwohl immer wieder treffen, aber „verknüpft damit, dass ich weiß und es auch vertrete, dass sich diese Regelung ändern muss“. Er hat die Hoffnung nicht verloren, im Gegenteil, unter dem neuen Papst wehe ein solch frischer Wind, „ich hätte das nicht für möglich gehalten“. Eine Kirche, die sich nicht nur um sich selbst dreht, sondern ihren Platz hat mittendrin in der Gesellschaft, dafür steht er.

Dass die Institution ihre privilegierte Stellung verloren hat, sei eine Chance. Und dass viele Menschen sich nicht mehr so gebunden fühlten an eine Gemeinde, heiße nicht, dass sie nicht religiös seien. Dennoch: Leere Gottesdienste seien ein deutliches Signal, „das lässt mich nicht ruhig sein“. Die Austritte, „da kann man nicht sagen, das ist nur Statistik“.

Zu den Menschen zu sprechen in ihrer Sprache, mit ihnen zu sprechen, das ist sein Rezept – doch nicht jedes seiner Schäfchen schätzte ein offenes Wort. Er eckte an mit Predigten über die Schöpfung, über Umwelt- und Tierschutz. Es habe eine Zeit gegeben, „als Denunzianten Konjunktur hatten“, das sagt er in der ihm eigenen, sehr freundlichen und sehr sanften Art, „das ist bei dem neuen Erzbischof nicht mehr so“. Der alte Kardinal sprach im Streit um die Ökumene damals in Lohmar ein Machtwort nach einem unerfreulichen, persönlichen Gespräch, so Schmitz: „Was uns alles verboten wurde, eine Katastrophe.“

Fred Schmitz deutet auf das Spiegel-Cover. An diesem 18. Oktober 1971, einem Montag, war er gerade ins Priesterseminar eingezogen, wollte sich wie jede Woche – bis heute – den Spiegel kaufen und sah am Kiosk die Titelgeschichte: „Priester, das war meine Zukunft.“ Um die Versetzung in den Ruhestand hat er gebeten, der Seelsorge widmet er aber weiterhin Zeit, betreut Todkranke auf der Palliativstation und im Hospiz. Menschen in ihrer letzten Grenzsituation.