Siegburg – Manchmal braucht es nur wenige Worte, um ein großes Publikum so in den Bann zu ziehen, dass bei den Stellen, an denen der obligatorische Applaus hätte einsetzen müssen, zunächst Fassungslosigkeit, Staunen oder Bewunderung herrschen.
„Müll 2.0 – We’re Burning Now“
Letzteres für eine großartige mimische und tänzerische Leistung des Ensembles der Studiobühne Siegburg, des Theaters Tollhaus und der Schauspielschule Siegburg, die sich mit einem Tanztheater eines drängenden Umweltthemas annahmen. Titel des Stücks: „Müll 2.0 – We’re Burning Now“.
Selten hat man auf dem Siegburger Marktplatz eine Aufführung erlebt, die alle Generationen so spürbar tief im Gemüt anfasste, selbst die Kleinsten. Wobei der lautstarke Appell eines Trios, das sich wenige Meter vor dem Publikum aufgebaut hatte, vor allem an die Erwachsenen richtete, die mit ihrem Konsumverhalten und dem Raubbau an der Natur ihren Kindern die vielen schwelenden Probleme hinterlassen. Im weiteren Verlauf formulierte es eine größere Gruppe im lauten Sprechgesang fordernder: „Sorgen Sie dafür, dass Ihre Handlungen Ihre Worte widerspiegeln.“
Auftritt des letzten Vogels
In mehreren Episoden verarbeiteten Choreografin und Regisseurin Maike Mielewski und Julie Fees den Klimawandel und das daraus resultierende Artensterben, die Vermüllung der Weltmeere mit Plastik, die Folgen der Digitalisierung und vor allem die Ignoranz, mit der Politik und Bürger allem begegneten. Als Kulisse hatten die Macher das rund 15 mal 30 Meter große Bühnengeviert auf der Marktmitte mit Plastiktüten, Kartonagen und anderen Resultaten aus Umweltsünden „verziert“.
Den größten Symbolgehalt hatte indes ein Zehn-Tonnen-Monstrum aus gepressten Umverpackungen und allen Formen von Plastik, das tags zuvor mit einem Kran aufgebaut wurde. In einer Art Trauerzug trat das Ensemble auf den Plan, in tristen Einheits-Monteuranzügen, Konformität hinsichtlich Gleichgültigkeit und Gewissenlosigkeit verdeutlichend und das adaptierte Kinderlied „Alle Vögel sind schon weg . . . “ auf den Lippen.
Das einzig verbliebene Vögelchen hatten die Mimen geschultert: ein exotisches Exemplar mit blauem Federschmuck. In der Rolle steckte mit Maxi Meyer (bei weiteren Aufführungen im Wechsel mit Elea Osterholt) ein junges Mädchen, was die Sensibilität, Einfachheit und den Freiheitsdrang der gefiederten Winzlinge unterstrich.
Künstler zeigen Konsequenzen aus Handy-Dauernutzung
Wie in der Folge die Nashörner, Wasserbüffel, Elefanten und Fische hatte der kleine Vogel keine Chance gegen die erdrückende Übermacht der Menschen, die Schindluder mit dem blauen Planeten treiben. Ernüchternd zeigten die Künstler die Konsequenzen aus der Handy-Dauernutzung auf, der Ressourcenverschwendung und die Ausbeutung der Minenarbeiter im Kongo.
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Für das soziale Miteinander wiegt jedoch der Empathie-Verlust schwerer, dargestellt durch das ehemalige Vögelchen, das jetzt als Kind am Bühnenrand seine Runden drehte, monoton nach der „Mama“ rufend. Die bleibt anonym im Knäuel der anderen Mimen, die sich wie hypnotisiert einzig ihren Handys widmen.
Drastisch war der Zeitdruck dargestellt, der das über der Menschheit schwebende Damokles-Schwert immer schwerer werden lässt. Ein Schauspieler („Die Zeit läuft“) umkurvte im Dauertrab die Bühnenfläche, zwischendurch mahnende Plakate empor streckend: „Der Mensch hat das Netz des Lebens nicht gewebt, er ist nur ein Strang dieses Netzes. Was immer er dem Netz antut, tut er sich selbst an!“



