Siegburg – Er wird es nie vergessen, das schreckliche Geschehen, das sich vor seinen Augen abspielte – am 9. April 1945 in der Wilhelm-Ostwald-Straße. Noch heute sieht er vor seinem geistigen Auge, wie die kleine Heidi am Vorgartenzaun zusammenbricht und ins Haus getragen wird. Zum letzten Mal hat Hans D. Weitermann damals seine Spielgefährtin gesehen. Sie starb zwei Stunden später im Beisein ihrer Eltern, nur wenige Tage nach ihrem sechsten Geburtstag.
Das Drama begann am Nachmittag dieses warmen Frühlingstages mit anhaltendem Gewehrfeuer. Mit seiner Mutter und seiner zwölfjährigen Schwester hockt Hans, gerade sechs Jahre alt, im Keller des Wohnhauses Wilhelm-Ostwald-Straße 15, als ein Dutzend GIs, die Gewehre im Anschlag, die Menschen nach draußen befiehlt und Richtung Michaelsberg treibt. Wenig später heißt es „Kommando zurück“. Alle müssen sich in der Straßenböschung auf den Boden werfen, doch Heidis Vater, Oberingenieur der Phrix-Werke, verliert die Nerven und springt auf. Schüsse fallen, der Ingenieur blutet und schreit, das Kind bricht zusammen.
Unterdessen werden die Bewohner der Werkssiedlung zum Siegufer getrieben, müssen zunächst „fremdartige Landeboote“ besteigen, wie sich Weitermann erinnert, und dürfen dann nach Protesten der Mütter doch in der Flussböschung lagern, während vom Buisdorfer Ufer aus Leuchtmunition abgeschossen wird. Bei Tagesanbruch dürfen sie sich waschen und die Zähne putzen. Mit einer „fremd schmeckenden Zahnpasta“. Später gibt’s für die Kinder sogar Kekse, Schokolade, Apfelsinen und Kaugummi. „Alles sah ganz fremd aus und schmeckte auch so“, beschreibt Weitermann. Den Geschmack von Chewinggum hat er heute noch im Mund: „Er hatte etwas mit Kirschen zu tun.“ Der Geschmack der Freiheit: Denn an diesem Tag, dem 10. April 1945, erobern die Amerikaner die Kreisstadt, befreien Siegburg von der Schreckensherrschaft der Nazis.
Was für die Eroberer nicht viel mehr als ein Spaziergang war, zumal die Volksfront nur aus „kleinen Jungen und alten Männern“ bestand, wie es in der Chronik der 97. US-Infanterie-Division aus Texas heißt. Zudem hatte der Wolsdorfer Pfarrrektor Heinrich Dresen zur Kapitulation aufgerufen: „Siegburger Männer und Frauen, macht die weißen Fahnen fertig! Besenstiel und Handtuch genügen“, stand auf den Flugblättern.
„Für uns Kinder“, so schreibt Weitermann, der heute als pensionierter Maschinenbau-Ingenieur in Essen lebt, „eröffnete sich eine völlig neue Zeit“. Auch wenn die Familie sechs Wochen im Kesselhaus der Phrix-Werke unter Rohrleitungen hausen musste, konnten die Kinder doch immer wieder ausbüxen, auf dem stillgelegten Werksgelände auf Beutesuche gehen und im Feldlager der Amis auf dem Mühlentorplatz über die „Armeefahrzeuge der Eroberer“ und die schwarzen Männer staunen. Ab und zu erwischten sie ein Tütchen Nescafé, das zu Hause große Freude bereitete.
Manchmal streuten die Kinder das Pulver aber auch auf unreife Äpfel, um deren Geschmack zu verfeinern. Wahre Schätze fanden die Pänz im Schlamm des abgelassenen Mühlengrabens: Nazi-Embleme und Waffen aller Kategorien, die freilich von den Eltern gleich wieder beschlagnahmt wurden. Eine Merkwürdigkeit aber konnten die Kinder erst viel später begreifen: Allabendlich drang von irgendwo her aus der Siedlung ein Warnruf, der alle Mädchen und Frauen aufscheuchte und in ihre Verstecke trieb. Dann, so Weitermann, seien Gruppen von Soldaten und nicht uniformierten Ausländern gekommen und hätten, mit Waffen und Gewalt drohend, „Fräuleins“ gefordert. Unter Heulen und Geschrei seien Mädchen und Frauen weggezerrt worden. „Sie müssen viel mitgemacht haben“, vermutet er. Denn ganz offensichtlich waren die Amerikaner nicht für alle als Befreier gekommen.
Und die kleine Heidi ist nicht die einzige, die in den letzten Minuten des Zweiten Weltkriegs ihr Leben lassen musste, woran der Geschichts- und Altertumsverein sowie die Katholische Kirchengemeinde St. Servatius mit Gottesdienst und Schweigemarsch (siehe „Gedenken“) heute Abend erinnern will.