Serie

Rheinische Pioniere (2)
Von Leichlingen zum Zuckerhut – das Leben von Julius Pohlig

Lesezeit 6 Minuten
Die 1911 bis 1913 von der J. Pohlig AG erbauten beiden Seilbahnen zum Zuckerhut.

Die 1911 bis 1913 von der J. Pohlig AG erbauten beiden Seilbahnen zum Zuckerhut.

Im Leben des Seilbahn-Konstrukteurs Julius Pohlig ging es immer bergauf. In Kapstadt, Rio, Hongkong waren die Gondeln aus dem Kölner Werk im Einsatz. Aber dann hatte eine Fehlentscheidung schwere Folgen.

Sie waren die ersten Startup-Gründer und Influencer: Menschen, die im Rheinland wirkten und deren Ideen bis heute faszinieren. Unsere Serie stellt die „Rheinischen Pioniere“ und ihre Erfolgsgeheimnisse vor.

Was macht Julius Pohlig zu einem Pionier?

Als am 27. Oktober 1912 die liebevoll „Bondinho“ genannte Seilbahn an der Guanabara-Bucht in Rio de Janeiro erstmals auf Fahrt ging, konnte die rheinische Firma Julius Pohlig einen großen Erfolg feiern. Ihre weltweit beachtete Technologie und die Arbeit mutiger brasilianischer Architekten hatten die ersten Gondeln auf den Zuckerhut gebracht. Mit der „Bondinho“ fuhren seitdem Millionen Touristen rund 400 Meter hoch auf den berühmten Gipfel. Auch Albert Einstein und John F. Kennedy bestiegen die gelben Kabinen aus Köln. Die Grundlagen für diese aufsehenerregende Seilbahnkonstruktion hatte Julius Pohlig gelegt, der Ingenieur aus dem bergischen Leichlingen.

Was ist über seine Herkunft bekannt?

Julius Pohlig wurde am 17. November 1842 geboren. Die im 16. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnte Familie stammt vom Pohligshof in Leichlingen. Sein Vater war Bäcker und Ackerer. Vom Bergischen Land führte es den jungen Julius Pohlig nach dem Besuch der Elementar- und Bürgerschule sowie der Gewerbeschule in Elberfeld zum Maschinenbau-Studium an das Polytechnikum Karlsruhe. Die Technische Hochschule verließ er jedoch 1865, ohne einen formellen Abschluss. Seine erste Anstellung fand er als beratender Ingenieur der Friedrich-Wilhelms-Hütte bei Troisdorf. Später war er als Lehrer für Mathematik, Mechanik und technisches Zeichnen tätig, ab 1868 Zivilingenieur – alles jedoch ohne seine Leidenschaft, die Unternehmertätigkeit, ausleben zu können.

Was war die Grundlage für seinen Erfolg?

Sein Unternehmergeist ließ Pohlig nicht los – der „Bergische Jung“ war zu Höherem berufen. So gründete er 1874 eine Firma zur Herstellung von Bergwerks- und Hüttenanlagen in Siegen. Vier Jahre später übernahm er vom Ingenieur Theodor Otto aus Schkeuditz den Lizenzbau von Seilbahnen für Westdeutschland. 1879 erfolgte der Bau der ersten Seilbahn von der Grube „Alte Dreisbach“ zum Bahnhof Eiserfeld bei Siegen.

Zwar hatte Adam Wybe bereits 1644 eine erste Seilschwebebahn in Pommern konstruiert, Pohlig hatte jedoch 1873 eine grundlegende erste Materialseilbahn im Siegerland gebaut und spezialisierte sich auf die Konstruktion von Seilbahnen für den Einsatz beim Kohle- und Erztransport in den Bergwerken. Dr. Ulrich Sóenius, Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv (RWWA), beschreibt Julius Pohlig als „kreativen Ingenieur, der den Bergwerksanlagenbau revolutioniert hat“.

In der Mitte seines Lebens ging Pohlig seine Aufgaben mit großem unternehmerischem Geschick an: Durch die Unternehmensentwicklung zum Umzug in eine Großstadt gezwungen, wählte er 1890 Köln aus, wo er 1894 eine Fabrik in Zollstock in Betrieb nahm, die „Pohlig-Fabrik“. Noch heute erinnert dort die Pohligstraße an den Firmengründer.

1892 hatte er sämtliche Patente von seinem Ingenieurskollegen Theodor Otto erworben. Bald war er ein vermögender Mann, denn die Seilbahnen zum Kohle- und Erztransport wurden weltweit ein Erfolg. Schon in dieser Zeit lag der Schwerpunkt des Verkaufs im Export.

Wie gelang der Durchbruch?

Das Geschäft lief erstaunlich gut. Pohlig hatte bald mehr als hundert Mitarbeiter und zudem Kunden in aller Welt. Zunächst baute das Werk Materialseilbahnen, wie etwa die Schlacke-Seilbahn für die Bremer Hütte im Siegerland. Wegen des Bedarfs an Drahtseilen kooperierte Pohlig ab 1900 mit dem Kölner Felten & Guilleaume Carlswerk in Köln-Mülheim. 1901 entstand ein Zweigwerk in Berzdorf bei Wesseling.

Die 1899 gegründete Aktiengesellschaft hatte ein Stammkapital von 1,5 Millionen Mark. Die Übernahme einer österreichischen Seilbahnfabrik sowie ein Lizenzabkommen mit einem amerikanischen Hersteller für Entlade- und andere Bergwerksanlagen förderten den Ausbau des Unternehmens. 1900 lieferte die AG den ersten Schrägaufzug zur vollautomatischen Begichtung von Hochöfen in Europa an das Eisen- und Stahlwerk Hoesch in Dortmund.

Julius Pohlig war inzwischen Direktor der AG. 1908 errichtete das Unternehmen im Auftrag seiner Majestät, des britischen Königs Edward VII., bei Hongkong seine erste Personen-Seilschwebebahn.

Gab es auch Niederlagen? Und wie ging er damit um?

Pohlig hatte ungeheuren Ehrgeiz und großen Erfolg – bis er einen Fehler machte und daraus sofort Konsequenzen zog. Trotz seines unternehmerischen Wissens verzockte sich Pohlig mit seiner Risikobereitschaft und seinen Visionen ein entscheidendes Mal: 1903 schied er nach einem missglückten ausländischen Engagement aus dem Unternehmen aus. Sein Sohn Julius Pohlig junior stieg in den Vorstand auf. 1914 übernahm das Konkurrenzunternehmen Bleichert aus Leipzig die Aktienmehrheit.

Was für ein Mensch war Julius Pohlig?

Über den Menschen Julius Pohlig ist wenig bekannt. Er war mit der vier Jahre jüngeren Hermine Fuhr verheiratet und hatte drei Kinder. Dass er bereits mit 25 Jahren einen Lehrstuhl an der Siegener Baugewerbeschule übernommen hatte und ein Buch über Maschinenteile veröffentlichte, spricht für seinen Fleiß und sein außerordentliches Talent.

Aufzeichnungen oder Briefe von Julius Pohlig gibt es kaum. „Als Korrespondenzpartner tritt er nicht in Erscheinung“, sagt Dr. Ulrich Sóenius. „Vermutlich ist nach seinem Ausscheiden einiges an Quellen im Unternehmen verloren gegangen. Vielleicht hat er auch generell lieber geschwiegen“.

Was ist aus seinen Ideen geworden?

Die Seilbahn in Brasilien war ein weltweit bestaunter Coup – auch wenn Julius Pohlig bereits die Firma verlassen hatte. 1910 hatten die Planungen begonnen, 1912 konnte das erste Teilstück auf den Morro da Urca in Betrieb genommen werden, 1913 das zweite, welches hoch bis auf den Zuckerhut führte. Die Gondeln des Unternehmens wurden berühmt, das Projekt war ein Meilenstein für das damals als rückständig angesehene Brasilien. Die Bahn überwand eine Strecke von 800 Metern ohne einen einzigen Stützpunkt, frei am Seil schwingend. Auch auf den Tafelberg bei Kapstadt fuhr ab 1929 eine Pohlig-Bahn.

Kaum weniger spektakulär und genauso zuverlässig funktionierten die Wallbergbahn (1951) und eine neue Seilbahn zur Zugspitze (1955). 1955 ging auch die Sesselbahn in Koblenz zur Festung Ehrenbreitstein in Betrieb.

Was bleibt von dem Seilbahn-Pionier?

Vieles, was wir heute über Julius Pohlig und sein Unternehmen wissen, bleibt dank der Veröffentlichungen und Recherchen des RWWA in Erinnerung. Dass seine Firma in den zwanziger Jahren ausgerechnet von dem ehemaligen Partner Felten & Guilleaume in Köln übernommen wurde, hat Julius Pohlig nicht mehr miterlebt.

Ab 1949 erfolgte nach dem Krieg der Wiederaufbau des Kölner Pohlig-Werks durch Wilhelm Heidrich und Leonhard Arenz. 1962 kam es zur Fusion mit der Kölner Bleichert Transportanlagen GmbH zu „Pohlig-Heckel-Bleichert“ (PHB), die dadurch zu einem der größten Seilbahnhersteller der Welt aufstiegen und in Zollstock über ein Werksgelände von rund 43 000 Quadratmetern verfügten.

Das zweite Standbein des Unternehmens waren Bergwerks- und Transportanlagen, die weltweit verkauft wurden. Im Mai 1980 kam es zur Fusion mit dem Eisenwerk Weserhütte in Bad Oeynhausen, einer Tochtergesellschaft der Otto Wolff AG aus Köln, zur PHB-Weserhütte. Im Dezember 1987 folgte der Konkurs. Auf dem brachliegenden Zollstocker Gelände entstand zwischen 1994 und 1996 die Zentrale der Gothaer Versicherungsbank.

Julius Pohlig verstarb am 30. Januar 1916 in Köln, mitten im ersten Weltkrieg. Seine Frau Hermine überlebte ihn um weitere 12 Jahre. Seine letzte Ruhestätte fand Pohlig auf dem Evangelischen Friedhof in Leichlingen. Noch heute erinnert eine Büste im Alten Stadtpark von Leichlingen an den Sohn der Stadt, das Bronze-Bildnis schuf der Bildhauer Kurt Arentz. Das Denkmal würdigt sein Lebenswerk als „international bedeutendes Unternehmen der Fördertechnik.“

In der nächsten Folge: Die modernen Ideen des Adolph Kolping.

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