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„Rheinische Pioniere“ (1)
Schwester Maria Clementine und das Geheimnis der Klosterfrau

Lesezeit 6 Minuten
Marie Clementine Martin

Marie Clementine Martin

Schwester Maria Clementine kam mit ihrem Melissengeist nicht überall gut an – man verdächtigte sie der Quacksalberei. Doch das konnte die Geschäftsfrau nicht von ihrem Erfolgsweg abbringen. Sie macht den Auftakt für unsere neue Serie „Rheinische Pioniere“.

Sie waren die ersten Startup-Gründer und Influencer: Menschen, die im Rheinland wirkten und deren Ideen bis heute faszinieren. Unsere Serie stellt die „Rheinischen Pioniere“ und ihre Erfolgsgeheimnisse vor.

Was machte Maria Clementine Martin zu einer Pionierin?

Vor knapp 200 Jahren, am 6. November 1825, findet sich in der Kölnischen Zeitung eine auffällige Anzeige mit folgendem Wortlaut: „Ein sich selbst empfehlend ächtes Kölnische Wasser, ist zu haben auf der Litsch Numero 1, die große Flasche zu 6 Silbergroschen und 3 Pfennig.“ Zwei Jahre später befindet sich auch „Ächtes Spanisches Carmeliter-Melissenwasser“ im Angebot. Maria Clementine Martin, rund 50 Jahre alt, erhofft sich in Köln ein einträgliches Geschäft mit ihrem Produkt, das allerdings nichts mit Parfüm und Duftwasser zu tun hat. Es soll bei Erkältung, Schlafstörungen und Magen-Darmbeschwerden helfen, ist zudem aufgrund des angenehmen Geschmacks und Effektes von rund 79 Prozent Alkoholgehalt beliebt. Heute kennt man es als „Klosterfrau Melissengeist“ – das Destillat aus 13 Heilpflanzen ist seit Generationen in deutschen Hausapotheken vorhanden. Die Erfinderin war Maria Clementine Martin, eine Ordensfrau und knallharte Unternehmerin.

Was ist über ihre Herkunft bekannt?

Wilhelmine Martin, so ihr bürgerlicher Name, kam 1775 in Brüssel zur Welt. Als sie acht Jahre alt war, wurde ihr Vater, ein kaiserlich-königlicher Offizier, am Hofe des Fürsten Friedrich August von Anhalt-Zerbst stationiert. Die Familie – Wilhelmine hatte eine jüngere Schwester – zog nach Jever in Friesland. Die Mutter Christine starb früh. Die eigentlich wohlhabende Familie geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Mit 17 Jahren trat Wilhelmine in das Annuntiatinnenkloster St. Anna zu Coesfeld ein. Sie hieß jetzt Maria Clementine, lernte Krankenpflege und sammelte Kenntnisse auf dem Gebiet der Naturarznei.

Was war die Grundlage für ihren Erfolg?

Schon früh ließ sie sich von Mitschwestern zur Verfeinerung des „Carmeliterwassers“ – ebenfalls ein Melissenschnaps – inspirieren und wandte das Getränk in der Krankenpflege an. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss wurde das Kloster 1803 aufgelöst. Martin fand im Kloster Glane bei Gronau ein neues Zuhause – die Säkularisierung sorgte jedoch auch hier 1811 für eine Schließung.

Nach der Vertreibung lebte sie in Tirlemont in der Nähe von Waterloo, wo 1815 die Entscheidungsschlacht der Alliierten gegen Napoleon stattfand. Als gelernte Krankenschwester war sie laut Überlieferung sofort zur Stelle, um die verwundeten Soldaten zu pflegen. Als Belohnung für ihren außergewöhnlichen Einsatz bewilligte ihr König Friedrich Wilhelm III. von Preußen eine jährliche Pension von 160 Talern.

Waren Widerstände zu überwinden?

Von 1821 bis 1825 lebte Maria Clementine in einem Haus des Münsteraner Domkapitels und behandelte Patienten. Dies weckte das Misstrauen der Behörden. Wegen des unerlaubten „Curirens von Fistel- und Krebsschäden“ strengten die ortsansässigen Ärzte ein Verfahren gegen die Ordensfrau wegen „Quacksalberei“ an. Später behauptete Maria Clementine, sie habe sich nach der Schlacht bei Waterloo acht Jahre im Kloster der Karmelitinnen in Brüssel aufgehalten und dort die „Verfeinerung der Kunst zur Herstellung eines Karmelitergeistes erlernt“ – doch dafür fehlt jeder Beweis.

So manches, was die Ordensfrau veröffentlichte, ist heute mit Zurückhaltung zu genießen – nicht nur das stark alkoholhaltige Getränk. Die preußischen Behörden in Münster erteilten ihr schließlich ein striktes „Praxisverbot“.

Wie gelang der Durchbruch?

Im April 1825 zog sie nach Köln, als Pflegerin des Domvikars Gumpertz, direkt neben dem Haupteingang des noch unvollendeten Domes. 1826 eröffnete sie dort ihr Unternehmen, die Destillerie „Maria Clementine Martin, Klosterfrau“, nachdem sie das Wässerchen schon jahrelang vorher gelegentlich zum Verkauf angeboten hatte. Nach dem Tod des Domvikars 1827 zog Maria Clementine Martin in das Haus Domhof 19. Angesichts von 13 duftenden Kräutern im Melissengeist hatte Martin offensichtlich den richtigen Riecher: Das preußische Köln entwickelte sich zur Wirtschaftsmetropole und wuchs gewaltig.

Mit dem Bevölkerungswachstum kam auch der Bedarf nach mehr medizinischer Versorgung und Beruhigungsmitteln verschiedenster Art. Nach den damals geltenden gesetzlichen Bestimmungen war es jedoch verboten, Melissen- oder Karmelitergeist als Arzneimittel anzubieten. Martin bewarb daher das Produkt als „Wasch- und Riechmittel“.

Ihr Vorteil war jedoch, dass sie so gut wie keine Mitbewerber hatte, die Melissengeist anboten. Und mit einer zündenden Idee gelang Maria Clementine Martin bald ein besonderer Coup: Sie bat die preußischen Behörden um die Erlaubnis, den königlichen Adler Preußens auf ihren Flaschen abzudrucken. Dieser Anfrage wurde tatsächlich stattgegeben – ab 1829 prangte das Abzeichen nur auf ihren Produkten und macht diese bis heute einzigartig.

Was gab ihr Kraft? Welche Charaktereigenschaft stach hervor?

Maria Clementine Martin war eine ausgefuchste Strategin: Sie führte den Konkurrenzkampf weniger als fromme Klosterfrau denn als ehrgeizige Geschäftsfrau: Wiederholt verklagte sie Mitbewerber für Geschäftspraktiken, derer sie sich selbst bediente: Martin zeigte 1835 eine Mitbewerberin, die in Köln den aus Regensburg eingeführten Karmelitengeist als Medizin verkaufen wollte, erfolgreich an, obwohl sie selbst ganz ähnlich mit ihrem Produkt verfuhr.

Ebenso hartnäckig verteidigte sie den katholischen Glauben und schien die protestantischen Preußen nicht sehr zu schätzen. Als diese im Rahmen ihrer Stadtverwaltung den recht unbeliebten, katholisch-frömmelnden Erzbischof Droste zu Vischering 1837 unter Hausarrest gestellt hatten, soll sie womöglich anonyme Schmähschriften gegen die preußischen Behörden verschickt haben – dies ist jedoch nicht mehr endgültig zu klären.

Ihre Hartnäckigkeit in geschäftlicher Hinsicht bedeutete jedoch einen Durchbruch: Am Ende ihres Lebens hatte ihr Unternehmen Filialen in Bonn, Aachen und Berlin.

Was ist aus ihren Ideen geworden?

1843 verfügte sie in ihrem Testament, dass ihre rechte Hand Peter Gustav Schaeben als Alleinerbe das Unternehmen übernehmen solle. In welcher Form der junge Mann ihr noch zur Seite stand, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass er ihr gegenüber sehr loyal war und später das Unternehmen auch international ausbaute. Bis 1929 blieb das Unternehmen unter der Führung von Schaeben in Familienhand. 1933 wurde es von Wilhelm Doerenkamp übernommen, der es sanierte und erfolgreich ausbaute.

Heute beschäftigt die „Klosterfrau Healthcare Group“ rund 1700 Mitarbeiter weltweit und machte 2021 – auch dank der Pandemie rund 13 Millionen Euro Umsatz, nachdem es zuvor ein paar Jahre rote Zahlen geschrieben hatte. Das Unternehmen vertreibt neben zahlreichen medizinischen und homöopathischen Produkten unter anderem auch Kondome.

Was bleibt von ihr? Was steht auf ihrem Grabstein?

Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild einer gewieften Geschäftsfrau und überzeugten Katholikin, die am 9. August 1843 in Köln verstarb und auf dem Melaten-Friedhof als „ehrwürdige Klosterfrau“ – wie auf dem Grabstein steht – ihre letzte Ruhe fand.


Lebenslauf von Maria Clementine Martin

1775: geboren am 5. Mai in Brüssel 1783: Umzug nach Jever 1792: Eintritt Annuntiatinnenkloster Coesfeld 1803: Eintritt Kloster Glane (Gronau) 1811: Umzug nach Tirlemont (Brabant, Belgien) 1815: Tätigkeit in preußischen Lazaretten, eventuell bei der Schlacht von Waterloo 1821: Umzug nach Münster 1825: Umzug nach Köln 1826: Unternehmensgründung (Eintragung im städtischen Magistratsregister), Firmenname „Maria Clementine Martin Klosterfrau“. 1827: Erste Herstellung und Verkauf eines Karmelitengeistes in Köln 1829: Königliches Wappen als Markenzeichen ihrer Produkte bestätigt 1831: Hinterlegung ihres „Fabrikzeichens“ beim Rat der Gewerbeverständigen der Stadt Köln 1838: Teilnahme an der Kunst- und Industrie-Ausstellung auf dem Heumarkt 1843: Tod am 9. August, Übernahme des Unternehmens durch Peter Schaeben 1851: Erste internationale Auszeichnung des Melissengeistes auf der Londoner Weltausstellung (jsp)

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