Abo

UrteilLeverkusener Senior kommt nach Angriff mit Fleischerbeil ins Heim

3 min
justiz_symbol

Symbolbild

Leverkusen – Ein greiser gebrechlicher Mann greift mit dem Fleischerbeil eine junge Polizeibeamtin an. Warum überwältigt sie ihn nicht? Eine der Fragen, auf die das Landgericht Köln am Freitag Antworten suchte. Bei der Fortsetzung im Prozess gegen Josef L. (Namen geändert), kam der vom Gericht eingesetzte psychiatrische Gutachter zu Wort. Lange rang die Kammer, ob Josef L. unter einer unentdeckten Psychose leidet. Ein Blick in seine Vergangenheit sollte Aufschluss geben.

Keine Schulbildung

„Ich habe die Schule nur von außen kennengelernt“, erzählte Josef L. im Gespräch mit dem Gutachter Dirk M. Im ländlichen Spanien wächst er als Kind eines Tagelöhners auf, die Mutter stirbt früh. Der Junge muss zum Einkommen der Familie beitragen. Erst später in der Armee lernt er bruchstückhaft lesen, schreiben und rechnen. Anfang der 70er kommt er nach Leverkusen. Seine Frau und er finden Anstellung bei Bayer. „Josef L. ist optimistisch an diese neue Lebenswelt herangetreten“, schildert Dirk M. seinen Eindruck aus den Erzählungen des Beschuldigten. Mitte der 80er Jahre geht Josef L. mit seiner Familie zurück nach Spanien und macht sich selbstständig. Doch der Lebenstraum, der Versuch ein Unternehmen aufzubauen, scheitert. Die Familie muss zurück nach Leverkusen.

Das könnte Sie auch interessieren:

In den späteren Jahren dreht sich im Leben von Josef L. alles um die Pflege seiner sieben Jahre älteren Frau. Sie erleidet Schlaganfälle, wird dement. Ihre Pflege erledigt Josef L. aufopferungsvoll. „Das macht nicht jeder. Sie war seine Aufgabe, das hat ihm sehr am Herz gelegen“, erzählt Dirk M. Der Gutachter berichtet von Spannungen im Haus, zwischen Josef L. und der Familie seines Sohnes, die im ersten Stock wohnt. Die Haushaltskasse war knapp bemessen, die Wohnverhältnisse eine Quelle von Streit.

Wegfall der Lebensaufgabe

Über den Angriff sagt der psychiatrische Gutachter: „Was passiert ist, ist nicht einfach so vom Himmel gefallen. Josef L. lebte ein sehr abgesondertes Leben ohne größere Verbindungen zu der jungen Familie im Haus.“ Dazu kam der Wegfall seiner Lebensaufgabe. Die Pflege der Ehefrau. Dirk M. hält es für möglich, dass all dies bei Josef L. eine akute psychotische Störung auslöste. Ein solcher Schub klinkt nach einiger Zeit wieder ab. Für eine schon länger andauernde Schizophrenie sieht er keine Hinweise. Er widerspricht damit Gutachten der Ärzte, die Josef L. seit dem Angriff im Dezember 2019 in der Psychiatrie betreuen. Die vorübergehende Unterbringung dort sieht Dirk M. kritisch. Den Beschuldigten habe er als aktiven und konzentrierten Menschen kennengelernt: „Der körperliche und psychische Zustand hat sich seitdem er in der Psychiatrie verschlechtert“, sagt er. „Man denkt das wäre ein anderer Mensch“

Unbefriedigende Diagnose

Für den Psychiater und Arzt Dirk M. bleibt die eigene Diagnose unbefriedigend. „Ich kann mir die Situation nur schwer vorstellen. Eine junge Kriminalpolizistin mit Nahkampfausbildung, die den greisen Mann nicht sofort von den Füßen holt“, gibt er zu Bedenken. Trotzdem kommen er und die Kammer überein, dass sich die Situation so zugetragen hat, wie von der Zeugin geschildert.

Keine Gefahr für die Allgemeinheit

Es gehe in diesem Verfahren nicht um eine Bestrafung von Josef L., sondern die beste Möglichkeit der Unterbringung, so die Staatsanwaltschaft im Schlussplädoyer. Eine Gefahr für die Allgemeinheit sieht sie aufgrund des gesundheitlichen Zustandes des 76-Jährigen kaum gegeben, Beweise für eine längerfristige Psychose liegen nicht eindeutig vor. Der Leverkusener wird künftig in einem Altenheim leben. „Ich bedaure was passiert ist, ich kann es leider nicht rückgängig machen“, sagte Josef L. am Ende der Verhandlung.