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100 Tage im AmtRuppichteroths Bürgermeister Matthias Jedich zieht erste Bilanz

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Matthias Jedich ist seit 100 Tagen im Amt als Bürgermeister von Ruppichteroth.

Matthias Jedich ist seit 100 Tagen im Amt als Bürgermeister von Ruppichteroth.

Von Haushaltssorgen bis Kinderbesuch im Rathaus: Matthias Jedich spricht über Herausforderungen und Höhepunkte nach 100 Tagen im Amt.

Was hat Sie in Ihren ersten 100 Tagen als Bürgermeister von Ruppichteroth am meisten überrascht?

Was ich vorgefunden habe, war in einigen Bereichen schlimmer als erwartet, in anderen dagegen positiver als erhofft. Ich habe in Abgründe geblickt. Wir haben erhebliche strukturelle Probleme, zum Beispiel im Finanzbereich. Ich möchte klare Konzepte entwickeln und Strukturen aufbauen, die Arbeitsbelastung besser verteilt und Steuerungsdefizite abbauen, um Risiken bei Überstunden und Fristen transparenter zu machen. Die Mitarbeitenden sind nicht ansatzweise das Problem. Sie sind hochmotiviert, brauchen aber Strukturen, Zielsetzungen und Entscheidungen.

Wie will der Bürgermeister Matthias Jedich das angehen?

Seit 2022 haben wir keinen genehmigten Haushalt, da muss ein Haushalt samt Haushaltssicherungskonzept geschrieben werden. Wir haben einen immensen Sanierungsstau, zum Beispiel bei Schwimmbad, Turnhalle, am Rathaus und einen Investitionsrückstau etwa bei der Digitalisierung. Unsere Kinder schreiben in der Schule noch mit Kreide an die Tafel. Wir müssen Fördergelder beantragen. Die Expertise muss dabei noch mehr aus dem Rathaus kommen, derzeit wird viel zugekauft. Die differenzierte Hebesatzbesteuerung ist wichtig, und wir müssen raus aus der Opferhaltung. Wenn wir zu wenig Einnahmen haben, muss ich Geld ranschaffen, etwa durch Gewerbegebietsentwicklung.

Wie haben Sie die ersten 100 Tage verbracht?

Erste Aufgabe war es, die Sachverhalte zu analysieren, da hilft mir meine frühere Tätigkeit als Anwalt. Und ich musste Brände löschen. So musste ich beispielhaft einem Busunternehmen für den Schulverkehr kündigen. Die Bürgerinnen und Bürger haben es verdient, dass ich den Status Quo transparent mache. Es ist mir wichtig, unangenehme Wahrheiten auszusprechen.

Wie hat sich Ihr Blick vom Kandidaten zum Amtsinhaber verändert?

Die Herausforderungen sind größer, als ich mir das gedacht habe. Und sie verändern sich ständig, auch durch Entscheidungen von Bund, Land und Kreis. Als Bürgermeister bin ich für alles zuständig. So fehlte beispielhaft überraschend die Struktur, und ich musste die konstituierende Ratssitzung vorbereiten. Es sind viele unangenehme Dinge auf dem Tisch, die möchte ich transparent und ehrlich kommunizieren.

Bürgermeister Matthias Jedich (CDU, r.)  wird vom dienstältesten Ratsmitglied, Jürgen Altwicker (CDU), vereidigt.

Bürgermeister Matthias Jedich (CDU, r.) wird vom dienstältesten Ratsmitglied, Jürgen Altwicker (CDU), vereidigt.

Wie würden Sie Ihren Stil als Bürgermeister beschreiben?

Offen, ehrlich, kommunikativ, klar in der Haltung.

Was konnten Sie in den ersten 100 Tagen bereits erreichen?

Viele Sachen sind bereits angegangen. Dazu gehört das Sportförderprogramm, das wir für die Turnhalle in Schönenberg und das Schwimmbad in Ruppichteroth genutzt haben. Wir sind bereits intern an strukturellen Themen in der Organisation dran. Das Ehrenamtstreffen ist terminiert, das Unternehmerfrühstück konzeptioniert. Außerdem erarbeiten wir ein Gemeindeentwicklungskonzept und führen dazu viele Gespräche mit Investoren. Und ich habe mich mit den Schulen an den Tisch gesetzt.

Welche Themen haben am meisten Zeit und Energie gekostet?

Das waren die interne Umstrukturierung und die Vielzahl an Gesprächen. In den ersten Wochen waren es rund 300 Terminanfragen. Gerne hätte ich noch mehr Zeit gehabt, die Mitarbeitenden besser kennen zu lernen. Der Druck ist hoch, alles unter einen Hut zu bekommen.

Was funktioniert in der Verwaltung besser als erwartet, was nicht so gut?

Das Problembewusstsein funktioniert gut, von den Mitarbeitenden kommen viele  konkrete Vorschläge. Der Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern ist zwischenmenschlich gut und wertschätzend. Was fehlt, sind, wie gesagt, Strukturen.

Wie ist die das Verhältnis zum neuen Gemeinderat und den Fraktionen?

Die Zusammenarbeit ist ausgezeichnet. Da werde ich parteiübergreifend wertgeschätzt. Die Parteibücher bleiben bislang weitgehend draußen. Die CDU hat gut 54 Prozent, die Wünsche der anderen Fraktionen werden aber berücksichtigt und aufgegriffen.

Der Haushalt setzt enge Grenzen. Wo mussten Sie in den ersten 100 Tagen schon Nein sagen?

Im Moment muss ich überall Nein sagen. Die Devise ist: Sparen, wo wir können, investieren, wo wir müssen. Und ich verspreche nichts, was ich nicht halten kann.

Welches Feedback bekommen Sie bisher aus der Bevölkerung?

Das ist durchweg positiv und wertschätzend. Da kommt ganz viel Wärme und Freundlichkeit bei mir an. Das ist schon komisch, wenn ich als Herr Bürgermeister angeredet werden, ich bin doch nach wie vor der Matthias Jedich. Es hat mich überrascht, wie sehr ich in der Öffentlichkeit stehe. Bei einem Spaziergang durch die Gemeinde komme ich schlecht voran, weil ich ganz oft angesprochen werde. So bin ich zwar immer gut informiert, lege aber nicht viel Strecke zurück. 

Gibt es ein Ereignis, bei dem Sie gemerkt haben, dass Sie im Amt angekommen sind?

Die Schulklassen und die Sternsinger waren zu Besuch bei mir. Sie haben ganz tolle Fragen gestellt. Wenn ich dann durchlese, was sie an Wünschen und Ideen aufgeschrieben habe, merke ich, dass ich an der richtigen Stelle sitze. Klar gibt es da die Vorstellung, einen McDonalds anzusiedeln. Aber eben auch die Forderung, dass alle Menschen glücklich sind.

Was sind die drängendsten To-dos, was wollen Sie bis zum Ende des Jahres auf den Weg bringen?

Ich wünsche mir vor allem einen Übersicht über die Haushaltssituation, um einen genehmigungsfähigen Haushalt und ein Haushaltssicherungskonzept aufzustellen. Das Gemeindeentwicklungskonzept muss an den Start gebracht werden, Gewerbegebiete wollen wir ausweisen. Die Flächen haben wir dafür. Und dringend ist ein Sanierungsfahrplan für Schulen und Kindertagesstätten.

Was kommt im Bürgermeister-Alltag zu kurz, und was gibt Ihnen Kraft?

Zu kurz kommen die Mitarbeitenden in der Verwaltung und natürlich die Familie, für die viel zu wenig Zeit bleibt. Aber sie gibt mir auch ganz viel Energie. Die Treffen mit den Kindern aus den Schulen und Kindergärten, mit den Sternsingern, das gibt Energie pur. Das gilt auch für den Kontakt mit Menschen im Karneval oder bei Veranstaltungen.