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Selma in KölnMigrationsmuseum soll doch nach Kalk – Einzug am Neumarkt nicht möglich

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In die Halle mit der Nummer 70 in Kalk sollte das Museum Selma einziehen: Im Oktober 2024 gab der Trägerverein Domid den Museumsnamen ebendort bekannt.

In die Halle mit der Nummer 70 in Kalk sollte das Museum Selma einziehen: Im Oktober 2024 gab der Trägerverein Domid den Museumsnamen dort bekannt.

Nach Einwand der Bezirksregierung: Das Migrationsmuseum der Bundesrepublik kann nicht an den Neumarkt umziehen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Das Museum Selma kann doch nicht ins Kulturzentrum am Neumarkt (KAN) ziehen. Das hat der Trägerverein Domid am Donnerstagnachmittag bekannt gegeben. Stattdessen will er prüfen, „durch starke Einschnitte im Raumprogramm“ das Museum wieder mit den Mitteln von Bund und Land in den ursprünglich vorgesehenen Hallen Kalk umzusetzen.

Wieso fällt der Neumarkt weg?

Die Verwaltung hat geprüft, ob das Museum Selma am Neumarkt entstehen könnte. So hatte der Rat im März entschieden. Jetzt veröffentlichte das Domid (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland) ein vorläufiges Ergebnis: Das Museum kann nicht an den Neumarkt ziehen. Der Grund ist, dass ein neues Vergabeverfahren für die Realisierung des Museums nötig wäre, so die erste Einschätzung der Bezirksregierung Köln als Prüfbehörde zum Zuwendungs- und Vergaberecht. Das bedeutet: Das Domid müsste mit der Planung von vorn beginnen. Das ist unter den vereinbarten Bedingungen der schon bestehenden Förderung nicht möglich.

Wie geht es weiter?

„Die anderen Wege sind versperrt. Weder gibt es mehr Mittel, noch ist die Integration in das KAN möglich. Das Museum Selma in der Halle 70 umzusetzen, geht nur, wenn das abgestimmte Raumprogramm erheblich eingeschränkt wird. Das schmerzt“, teilte der Verein mit.

„Wenn das Land NRW in Folge der Prüfungen Domids Planungsmittel aus den vorhandenen Fördergeldern für eine verkleinerte Umplanung in der Halle 70 in Kalk freigibt, kann Domid eine deutlich reduzierte Version des Museums planen.“ Eine solche Entwurfsplanung sei die Voraussetzung dafür, bis zum 31. Dezember 2026 die Bundesmittel abrufen zu können. Sie wurde bereits einmal um ein Jahr verlängert, ob ein Aufschub der Frist erneut gelingt, ist derzeit unklar. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) kündigte einen Runden Tisch mit allen Beteiligten, auch von Bund und Land, an.

Worum geht es beim Museum Selma?

Es soll die Migrationsgeschichte der deutschen Gesellschaft erzählen, und zwar in Köln als bundesweite Einrichtung. Land und Bund haben die Förderung des Museums Selma mit insgesamt 44 Millionen Euro zugesagt. Es sollte in den Hallen Kalk, den ehemaligen Industriehallen von Klöckner-Humboldt-Deutz an der Dillenburger Straße, entstehen. Die gehören der Stadt Köln, sie hätte keine direkten Kosten für das Museum getragen, außer das Grundstück zu stellen. Baubeginn hätte 2027 sein sollen, Fertigstellung 2029.

Das Konzept war eng mit dem Standort in dem Stadtteil Kalk verbunden,  in dem der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund wesentlich höher ist und in dessen Industriehallen die sogenannten Gastarbeiter in den 1950er und 60er Jahren ihr Leben als Kölner und Deutsche begannen.

Wieso sollte das Museum dann überhaupt an den Neumarkt ziehen?

Das Domid hatte am 17. März überraschend mitgeteilt, wegen gestiegener Baukosten doch nicht die Hallen Kalk nutzen zu können. Statt 44 sollte der Bau dort nun 77 Millionen Euro kosten. Für die Differenz wollen weder Bund, noch Land, noch Stadt aufkommen. Stadt und Domid stellten das KAN als Alternative vor.

Wieso ist der ursprüngliche Plan in Kalk nicht umsetzbar?

Umfangreiche Arbeiten an Dach, Boden und Gebäudehüllen sind an den Hallen Kalk nötig. Domid-Sprecher Timo Glatz erklärt: „Der Zustand hat sich vom Zeitpunkt, an dem wir die Halle angeboten bekommen haben, bis zum Abschluss des Erbbaurechtsvertrags verschlechtert.“ Fast sechs Jahre seien ins Land gezogen, in denen es in die Halle „reingeregnet hat“.  Aus einem älteren städtischen Gutachten ließ sich laut Glatz ein „derart großer Sanierungsbedarf“ nicht ablesen.

Timo Glatz, Sprecher des Domid, in der Halle 70 in Kalk, wo das Museum Selma entstehen soll.

Timo Glatz, Sprecher des Domid, in der Halle 70 in Kalk, wo das Museum Selma entstehen soll.

Und: „Der eigentliche Kostentreiber war der Faktor Zeit.“ Denn in dem Zeitraum der Verhandlung von 2020 bis 2025 bis zur  Erbbaurechtsbestellung der Stadt an das Domid, also dem Punkt, ab dem das Domid auch tatsächlich über die Halle verfügen konnte, haben sich die Baukosten in Deutschland enorm verteuert, um die 30 Prozent laut Statistischem Bundesamt.

Wann war klar, dass das Museum zu den bisherigen Kosten nicht in den Hallen Kalk entstehen kann?

Das Domid empfing finanzielle Mittel im Jahr 2024, um ein Verfahren auszurichten, und beauftragte im April 2025 ein Generalplanungsteam, das Atelier Brückner, mit dem Museumsbau. Erst dann begann die tiefere Planung des Museums. Laut Domid-Sprecher Timo Glatz lag im August 2025 die erste Kostenschätzung der Architekten vor, im Dezember die finale Berechnung, in die die Ergebnisse diverser Gutachten eingeflossen sind, die einzelne Gewerke wie Statik und Brandschutz im Fokus hatten. Glatz sagte: „Als Zuwendungsempfänger konnten wir vorher keine Aussage über den Zustand treffen.“

Wieso wurde die Öffentlichkeit und Politik dann erst am 17. März informiert?

Das beantwortete die Stadtverwaltung auf Anfrage nicht. Die Ratsmitglieder hatten nur zwei Tage Zeit, eine Entscheidung zu treffen – die Stadtverwaltung hatte klargemacht: Würden sie nicht in jener Ratssitzung am 19. März eine Entscheidung treffen, drohten Bundesfördermittel zu verfallen.

Ist das ein Problem?

Durch den intransparenten Prozess blieben viele Fragen offen, was eine breite Diskussion hervorrief. Zuletzt schrieb der Vorsitzende des Kulturausschusses des Bundestags, Sven Lehmann (Grüne), einen offenen Brief unter anderem an den Kölner Kulturdezernenten Stefan Charles. In Kalk gründete sich die Initiative „Museum Selma bleibt“.

Im Stadtrat sprach sich zwar eine Mehrheit unter dem Zeitdruck für die Prüfung des Neumarkts als neuen Standort aus, verlangte aber weitere Antworten, ob nicht doch ein Bau in irgendeiner Weise in Kalk möglich sei. Der Rat stellte in seinem Beschluss das KAN als Interimslösung dar – das Land hatte danach aber mitgeteilt, nach dem Förderrecht stünden die Mittel nur für einen dauerhaften Museumsbau zur Verfügung.

Zudem wurden durch den so zustandegekommenen Dringlichkeitsentschluss mehrere Gremien übergangen, wie der Ausschuss für Chancengleichheit und Integration. Der erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Stadt.

Wieso übt der Integrationsrat Kritik am Vorgehen?

Die beiden stellvertretenden Vorsitzenden Ahmet Edis (über die grün-offene Liste gewählt) und Malik Karaman (SPD) sagen, es sei „respektlos“ das Gremium nicht einbezogen zu haben, obwohl der Integrationsrat (Vorgänger des Ausschusses) maßgeblich dafür verantwortlich war, dass das bundesweit geplante Museum 2016 überhaupt nach Köln ging. „Paternalistisch“ sei es, sie zu übergehen, weil 42 Prozent der Menschen in Köln eine internationale Familiengeschichte haben und es „im Jahr 2026 eine Selbstverständlichkeit“ sein sollte, sie bei so einem relevanten Thema einzubeziehen. 

Ahmet Edis ist stellvertretender Vorsitzender des Integrationsausschusses in Köln.

Ahmet Edis ist stellvertretender Vorsitzender des Integrationsausschusses in Köln.

Zum Vorschlag der Stadt, das Museum am Neumarkt im selben Haus unterzubringen, wo schon das Museum Schnütgen, das Rautenstrauch-Joest-Museum  und die Volkshochschule sitzen, sagte Edis: „Die Stadt Köln brüstet sich damit, Integrationshauptstadt Deutschlands zu sein, aber jetzt vermittelt sie das Gefühl, uns in die Ecke zu drücken.“