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Analyse des 2:2 in BerlinNach den Wechseln kamen die Gegentore

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René Wagner versuchte, in der Trinkpause seine Mannschaft neu zu sortieren. Doch der FC brachte die 2:0-Führung in Berlin nicht ins Ziel.

René Wagner versuchte, in der Trinkpause seine Mannschaft neu zu sortieren. Doch der FC brachte die 2:0-Führung in Berlin nicht ins Ziel. 

Die Mannschaft gibt eine 2:0-Führung aus der Hand, der Trainer ist anschließend zufrieden – Köln muss weiter hoffen und bangen.

Das Wichtigste zuerst

Der 1. FC Köln hat die große Chance auf den entscheidenden Sieg im Abstiegskampf vergeben und trotz eines zwischenzeitlichen 2:0-Vorsprungs bei Union Berlin noch 2:2 gespielt. Nach Bülters Treffer in der 33. Minute gingen die Kölner mit einer Führung in die Pause. Eine Stunde war gespielt, als Said El Mala auf 2:0 erhöhte. Gegen eine offensiv vollständig harmlose Berliner Mannschaft schien Köln dem Sieg entgegenzusegeln. Doch wie so oft in dieser Saison kassierte der Aufsteiger ein Standardtor: Tom Rothe traf nach einem Eckball zum Anschluss – und plötzlich war das Stadion wieder da. Und Köln kam kaum noch aus der eigenen Hälfte.

Wagner hatte viermal gewechselt – von der Kölner Kontergefahr war nichts mehr übrig. Livan Burcu gelang kurz vor Schluss noch mit einem sehenswerten Treffer aus der Distanz der Ausgleich. „Es ist extrem bitter, auch zu diesem späten Zeitpunkt eine 2:0 Führung aus der Hand zu geben und ein bisschen niederschmetternd“, sagte Torhüter Marvin Schwäbe nach dem Schlusspfiff.

Trainer René Wagner hatte nach einer Stunde Luca Waldschmidt durch den jungen Felipe Chavez ersetzt und zehn Minuten später Jan Thielmann, Linton Maina und Youssoupha Niang für Marius Bülter, Jakub Kaminski und Said El Mala eingewechselt. Eine Minute nach dem Wechsel fiel Unions Anschluss auch, weil Niang gegen Rothe nicht zum Kopfball ging.  Vor dem 2:2 war Jan Thielmann nicht auf der Höhe, nachdem Union zuvor offensiv erwartungsgemäß unauffällig geblieben war.

Die Tore

Vor dem 1:0 spielte Kristoffer Lund einen Pass in die Tiefe. Said El Mala startete zunächst zum Ball, kannte aber seine Abseitsposition und brach seinen Lauf ab. Stattdessen kam Jakub Kaminski aus regulärer Position an den Ball und setzte den Angriff fort. Über Luca Waldschmidt landete der Ball bei Marius Bülter, der aus rund 20 Metern in den Winkel traf.

Regeltechnisch war die Szene heikel, weil der Assistent kurz die Fahne gehoben hatte. Doch maßgeblich ist die Entscheidung des Schiedsrichters, ob ein strafbares Abseits vorlag. Deshalb liefen die Berliner Proteste ins Leere, der Treffer zählte.

Das 2:0 erzielte Said El Mala mit dem linken Fuß im ersten Kontakt, nachdem Lund ihm den Ball von der linken Seite scharf in den Strafraum gepasst hatte.

Vor dem Berliner Anschlusstreffer schlug Trimmel einen Eckball in den Kölner Strafraum, wo sich der lange Tom Rothe gegen Niang durchsetzte und den Ball ins entfernte Toreck beförderte. Eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit trug Union einen Angriff über die lausig bewachte rechte Kölner Abwehrseite vor, Burcu schoss aus der Distanz mit rechts ins kurze Eck – Marvin Schwäbe sah den Ball zu spät, um reagieren zu können.

Das war gut

Das Wetter. Und der wilde Kölner Auswärtsblock, der nach dem 2:0 das Lied vom „Europapokal“ anstimmte. Man muss als FC-Fan die Feste feiern, wie sie fallen – und den Optimismus nie aufgeben. Zeitweise schien aus Kölner Sicht auch das Ergebnis gut zu werden. Doch die späten Gegentreffer trübten den eigentlich prächtigen Nachmittag im Osten der Hauptstadt.

Der Schütze und sein Vorbereiter: Said El Mala und Kristoffer Lund.

Der Schütze und sein Vorbereiter: Said El Mala und Kristoffer Lund.

Das war schlecht

Die Lautstärke in der Alten Försterei ist bemerkenswert; der Klub hat sich trotz Champions-League-Teilnahme und fortschreitender Kommerzialisierung etwas Besonderes bewahrt. Sich jedoch ohne Pause als Mythos zu inszenieren, überschreitet irgendwann die Grenze zum zu sehr Gewollten. Den Kult abzukulten, könnte früher oder später das Erlebnis verderben.

Schlecht waren allerdings auch die vier Wechsel zwischen der 62. und der 72. Minute, die René Wagner so erklärte: „Wir haben in der Phase ein bisschen den Druck am Ball verloren – gegen den Ball – und wollten dann mit drei neuen Spielern Energie bringen. Das war die Begründung, um einfach ein richtiges Zeichen zu kriegen: Wir bleiben hier weiter dran, wir wollen weiter vorwärts spielen.“

Spieler des Spiels

Es war kein Tag für Individualisten. Said El Mala war einmal mehr auffälligster Kölner Angreifer. Was der 19-Jährige an Tempo und Körperkraft auf den Rasen bringt, macht ihn neben seinen Dribbelkünsten zu einem Spieler, dem zu Recht der Durchbruch auf höchstem Niveau zugetraut wird. Doch hielt er bei sommerlichen Temperaturen nicht länger als 70 Minuten durch – und hätte zuvor wie schon gegen Leverkusen seine Aktionen klüger zu Ende bringen können.

Das sagen die Trainer

Marie-Louise Eta (1. FC Union Berlin): Wir können heute glücklich sein, nach dem 0:2 zurückgekommen zu sein. Die Jungs haben ihr Herz auf dem Platz gelassen, die Jungs haben gelebt. Auch in der Halbzeitpause haben wir darüber gesprochen, dass wir jetzt dranbleiben, dass wir die zweite Halbzeit für uns entscheiden wollen. Und dann kommt natürlich das 2:0, nachdem wir Zeit gebraucht haben, um das zu verdauen. Standards sind eine riesige Stärke der Mannschaft – und das bringt dich dann zurück. Dann kommt das Stadion nochmal zurück und dann setzt sich nochmal viel Energie frei. Der Glaube war einfach immer da. Am Ende haben wir verdient einen Punkt mitgenommen.

René Wagner (1. FC Köln): Wir gehen 2:0 in Führung, wir spielen eine erste Halbzeit, die richtig gut war von uns. Wir mussten dagegenhalten, die Jungs haben sich in jeden Zweikampf geschmissen, jeden zweiten Ball. Wir waren immer wieder dabei und haben es in Phasen auch gut geschafft, mit Ball ein bisschen Kontrolle über das Spiel zu bekommen. Wir gehen mit dem 1:0 in die Halbzeit, kommen dann raus und schaffen es auch da wieder in Phasen mit Ball, ein paar Akzente zu setzen, kommen dann zum 2:0.

Union hat mit den Standards zurückgefunden, das ist immer schwer zu verteidigen. Bis dahin haben wir jeden Standard eigentlich sehr, sehr gut wegverteidigt, dann passt mal einer nicht, dann kommt das Stadion zurück – und dann, glaub ich, durch ein Traumtor zum 2:2. Am Ende sind wir zufrieden mit dem Punkt.

Das sagen wir

Mit einem Punkt darf man zufrieden sein – nicht aber, wenn man in einem so wichtigen Spiel wie diesem 2:0 geführt hat. Je nach Verlauf des restlichen Spieltags und mit Blick auf das Heimspiel gegen Heidenheim könnte der Punkt noch entscheidend sein. Doch angesichts des Spielverlaufs und seiner folgenschweren Wechsel war René Wagner nach der Partie – zumindest nach außen – zu wenig selbstkritisch.