Weltmeister Pierre Littbarski, Sportchef Thomas Kessler und Ex-Funktionär Jörg Jakobs diskutierten bei „E Levve lang – der Talk zum FC“ über den Transfer-Sommer und den Saisonstart des 1. FC Köln.
DuMont-TalkKessler verrät fast geplatzten Transfer und verteidigt Trainerwahl

Plauderte aus dem Nähkästchen: FC-Geschäftsführer Thomas Kessler (2.v.r.).
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Ob er früher auch Krämpfe gehabt habe, wurde Pierre Littbarski augenzwinkernd gefragt. Der Hintergrund war durchaus pikant, schließlich waren alle, die es mit dem 1. FC Köln halten, zuletzt in Sorge um Jungstar Said El Mala, dessen Körper früh in der Saison in Streik getreten war. Littbarski aber umschiffte die Frage mit einer Leichtigkeit, die an die frühere Spielweise des begnadeten Dribblers erinnerte. Krämpfe habe er nie verspürt, berichtete der Weltmeister von 1990. „Ich bin ja nicht gelaufen.“ Auch auf die Frage, ob er besser gewesen sei als El Mala, hatte Littbarski eine schlagfertige Antwort parat: „Kleiner war ich in jedem Fall.“ Die Lacher der 150 Zuhörer im Fleischhauer-Audizentrum in Ehrenfeld hatte er damit sicher.
Es war dies der pointierte Auftakt zu einer weiteren Ausgabe von „E Levve lang – der Talk zum FC“, organisiert von „Kölner Stadt-Anzeiger“, „Express“ und „Kölnische Rundschau“. Zum Start in die neue Saison hätte die Besetzung des Podiums kaum prominenter sein können. Denn neben dem früheren FC-Star Littbarski stellten sich auch FC-Geschäftsführer Thomas Kessler sowie Jörg Jakobs, der sich in verschiedensten Funktionen um den FC verdient gemacht hat, den Fragen von KStA-Sportchef Christian Löer, KStA-Chefreporter Lars Werner und Express-Redakteur Uwe Bödeker. Wie es sich im Fußball gehört, wurde 90 Minuten gefachsimpelt.
Wir mussten um 19.55 Uhr noch was ausdrucken, auf einmal ist der Bildschirm eingefroren. Da habe ich das erste Mal gedacht: Okay, jetzt wird’s wirklich knapp
Ins Bild der lockeren Atmosphäre passte, dass Thomas Kessler, der für gewöhnlich nur selten Einblicke in sein Büro gewährt, aus dem Nähkästchen plauderte. So verriet der Sportchef, dass der FC die Leihe von Borna Sosa am letzten Tag des Transferfensters nur mit viel Glück noch rechtzeitig über die Bühne gebracht bekam und dabei einem Fax-Desaster wie einst bei Eric-Maxim Choupo-Moting nur knapp entging. „Der letzte Tag war schon ein bisschen turbulent“, räumte Kessler ein. Weil sich die Anreise Sosas aus England wegen vergessener Ausweispapiere verzögert hatte, musste der Medizincheck aus Zeitgründen kurzfristig ans Geißbockheim verlegt werden.
„Zum Glück waren unsere Ärzte sehr flexibel“, sagte Kessler. Fünf Minuten vor Ultimo hing die Verpflichtung des Linksverteidigers, der morgens noch bei Crystal Palace auf dem Trainingsplatz gestanden hatte, dennoch am seidenen Faden. „Wir mussten um 19.55 Uhr noch was ausdrucken, auf einmal ist der Bildschirm eingefroren“, berichtete der Sportchef. „Da habe ich das erste Mal gedacht: Okay, jetzt wird’s wirklich knapp.“ Es ging noch mal gut. „Drei Minuten vor Toreschluss waren alle Unterlagen eingereicht“, atmete Kessler nach dem Drama tief durch.

Ex-FC-Sportdirektor Jörg Jakobs (l.)
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Sosas Zugang in praktisch letzter Minute war bei weitem nicht die einzige Herausforderung, die der Ex-Torhüter in der zurückliegenden Transferperiode zu bewältigen hatte. „Wir mussten die ganze Zeit in Szenarien planen“, erklärte Kessler, der von „intensiven Wochen“ sprach. „Meine Kinder haben mich nicht viel gesehen.“ Das dominierende Thema des Sommers war die lange Zeit unklare Zukunft Said El Malas. „Ich bin total überzeugt, dass es die richtige Entscheidung für den Klub war“, sagte Kessler zur Vertragsverlängerung mit dem umworbenen Torjäger – und erntete dafür kräftigen Applaus.
Kessler räumte aber ebenso ein, dass der FC wirtschaftlichen Zwängen unterlegen sei. „Die Wahrheit ist auch, dass wir vielleicht anders hätten handeln müssen, wenn wir Jakub Kaminski nicht verkauft hätten.“ Zugleich bat der Sportchef um Verständnis dafür, dass El Malas Körper sich zuletzt bemerkbar gemacht hatte. „Es ist unglaublich viel auf Said eingeprasselt. Als der große Entscheidungsdruck abgefallen ist, hat der Körper losgelassen. Ich würde die Thematik daher nicht zu hoch hängen“, wollte Kessler von etwaigen Fitnessproblemen des 20-Jährigen nichts wissen.
Große Anstrengungen waren auch erforderlich, um Mikey Moore von Tottenham Hotspur loszueisen. Erst am vorletzten Tag der Transferperiode gab der Premier-League-Klub das englische Toptalent frei für eine Leihe nach Köln. „Wir wollten den Spieler unbedingt, und der Spieler wollte unbedingt zu uns. Mikey hat die ganze Zeit Wort gehalten. Wir waren früh an ihm drin und freuen uns sehr, dass wir ihn diese Saison bei uns haben“, erklärte Kessler. Jörg Jakobs zeigte sich begeistert von der ersten Kostprobe des Offensiv-Talents: „Wenn Mikey Moore das bestätigt, was er in Stuttgart gezeigt hat, dann wird das auch Said helfen, dass der Fokus nicht nur auf ihm liegt und der Rucksack nicht zu schwer wird“, sagte der FC-Experte. Pierre Littbarski ging sogar noch einen Schritt weiter. El Mala und Moore seien „zwei Edelsteine“. Der junge Engländer verfüge über Qualitäten, „die ich bis auf El Mala beim FC in den letzten Jahren nicht gesehen habe. Das gibt dem FC andere Möglichkeiten“, schwärmte der Weltmeister.
Mit der Mannschaft kann man gut durch die Saison kommen, ohne allzu viele Sorgen und Situationen, in denen zu viel Druck auf den Kessel kommt
Auch auf den neuen Mittelstürmer Thijs Dallinga hält Littbarski große Stücke. „Dallinga finde ich fantastisch. Er ist aus meiner Sicht am Ball besser als Ache. Das ist wichtig, weil der FC viel mit langen Bällen agiert. Ich glaube, dass er den FC nochmal weiterbringt.“ Um die Offensive macht sich Littbarski deshalb keine Sorgen: „Der FC ist so aufgestellt, dass er mehr Tore schießen kann, als er reinbekommt. Wir werden uns hoffentlich auf Offensivfußball einstellen können.“ Jakobs sieht das ähnlich: „Mit der Mannschaft kann man gut durch die Saison kommen, ohne allzu viele Sorgen und Situationen, in denen zu viel Druck auf den Kessel kommt. Ich glaube, dass wir offensiv sehr viele Möglichkeiten haben und immer wieder unsere Tore machen sollten.“
Doch Jakobs hat auch „Schwachstellen“ ausgemacht. Ein Fragezeichen setzte er hinter die Abwehr, die gegen Hoffenheim (3:2) und vor allem in Stuttgart (1:4) große Defizite offenbarte. „Ich hoffe, dass wir defensiv gut durch die Saison kommen“, sagte Jakobs mit hörbarer Skepsis. Die fehlende Stabilität führt er nicht zuletzt auf die schwere Knieverletzung von Timo Hübers zurück. Der Ausfall des Abwehrchefs tue dem FC „sehr weh. Das haben wir erst gemerkt, als er nicht mehr gespielt hat.“
Eine tragende Rolle im Defensivverbund soll dafür Rückkehrer Ellyes Skhiri einnehmen. Littbarski ist sich aber nicht sicher, ob der Tunesier noch einmal zur Form früherer Tage zurückfindet. „Skhiri ist ein 50:50-Ding. Die WM war nicht gut“, gab Littbarski zu bedenken. Grundsätzlich verfüge der Tunesier über die Qualitäten, um dem FC im Zentrum zu helfen. „Ich weiß aber nicht, ob er noch so mobil ist wie vor ein paar Jahren.“
Der FC ist so aufgestellt, dass er mehr Tore schießen kann, als er reinbekommt
Im zweiten Teil des Abends waren die Zuschauer an der Reihe, und ihre Fragen drehten sich insbesondere um René Wagner, dessen Beförderung zum dauerhaften Cheftrainer im Umfeld nach wie vor von Diskussionen begleitet wird. Der häufig so bedacht auftretende Thomas Kessler sah sich deshalb am Dienstagabend aufgefordert, in ungewohnt emotionaler Art für seine Entscheidung einzustehen. Kessler wehrte sich gegen den Eindruck, die Personalie „durchgezogen“ zu haben. „Wir haben einen Neuanfang gemacht.“ Der gerade so errungene Klassenerhalt spiele in der aktuellen Bewertung keine Rolle mehr. „Einen Rucksack sehe ich daher nicht bei René“, stellte Kessler klar. Vielmehr lobte er „Expertise, Akribie und Fleiß“ des jungen Cheftrainer-Debütanten. Wagner habe „sehr klar aufgezeigt, wie er den FC Stück für Stück nach vorne bringen will“.
Eine Sache beeindruckt Kessler ganz besonders: „René ist teilweise morgens um 5 Uhr im Büro. Ich habe es noch nicht ein Mal geschafft, vor ihm am Geißbockheim zu sein.“ Jörg Jakobs lobte Kessler für dessen „Mut, einen jungen Mann zum Cheftrainer zu machen“: „Ich schätze René Wagner sehr und finde die Entscheidung gut.“ In einem wesentlichen Punkt widersprach der Ex-Funktionär Kessler jedoch: „Ich sehe das schon mit dem Rucksack.“ Die Vorbehalte gegen Wagner seien im Heimspiel gegen Hoffenheim auf den Rängen früh zu spüren gewesen. „Er wird Erfolg haben müssen.“