Spitzenpolitiker Martin Schulz über die WM und seinen Lieblingsklub 1. FC Köln, für den er kurzzeitig eine Präsidentschafts-Kandidatur erwogen hatte.
„Fifa steht nicht auf Seite des Sports“Martin Schulz über die WM, Trump und den 1. FC Köln

Martin Schulz kürzlich zu Gast in der Talkshow „Caren Miosga“
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Martin Schulz, 69, war Kanzlerkandidat der SPD, langjähriger Präsident des Europäischen Parlaments und ist Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er ist bekennender Fan des 1. FC Köln, dessen Beirat er einige Jahre angehörte. Mit dem gebürtigen Rheinländer sprach dieser Zeitung über die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko, über den Weltverband Fifa, über Donald Trump – und über die Zukunft des FC, für den er zwischenzeitig „ernsthaft erwogen“ hatte, als Präsident seines Herzensklubs zu kandidieren.
Herr Schulz, Sie sind leidenschaftlicher Fußballfan und bekennender Anhänger des 1. FC Köln. Die WM läuft seit einigen Tagen. Wie intensiv verfolgen Sie das Turnier?
Schon intensiv – wie die meisten Bürgerinnen und Bürger, die Fußball lieben. Was mich in den ersten Tagen überrascht hat, war die Stimmung: die Freude der Menschen in den Stadien, diese Lust am Fußball. Und auch das sportliche Niveau hat mich überzeugt – es gibt Höhen und Tiefen, aber insgesamt sehe ich ein Turnier, das Fahrt aufnimmt.
Hat Sie das Niveau positiv überrascht?
In jedem Fall. Das Spiel Niederlande gegen Japan war spannend – wie kampfstark die Japaner waren, hat mich beeindruckt. Brasilien gegen Marokko hat Schwächen offengelegt, die mich erstaunt haben. Und Deutschland gegen Curaçao kann eigentlich jeden Deutschen nur zufriedenstellen.
Der 7:1-Auftaktsieg – hat er Sie beruhigt?
Die deutsche Nationalelf trägt ein Trauma mit sich. 2014 Weltmeister, danach zweimal früh ausgeschieden, bei der EM durch eine schwerwiegende Schiedsrichterfehlentscheidung im Viertelfinale rausgeflogen. Deshalb hatte ich nach dem zwischenzeitlichen 1:1 das Gefühl, jetzt schlägt das Trauma wieder zu. Das Wichtigste war, dass genau das nicht der Fall war. Die Mannschaft hat sich zusammengerissen – und ich halte das für psychologisch wichtiger als für fußballerisch.
Was ist für das DFB-Team möglich?
Ich glaube, sie wird weiter kommen, als viele annehmen. Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz spielen sehr gut zusammen, Felix Nmecha hat gezeigt, was er kann. Wenn sie das defensive Mittelfeld und das Abwehrzentrum stabilisieren, können sie weit kommen.
Trauen Sie Julian Nagelsmann einen großen Wurf zu?
Ja. Ein Trainer muss aus Modulen ein Ganzes zusammensetzen – und das gelingt Nagelsmann Schritt für Schritt besser. Aus individuellen Größen ein homogenes Ganzes zu formen ist eine echte Herausforderung. Ich glaube: Die haben eine echte Chance. Weltmeister wäre toll, aber schon das Halbfinale wäre ein großer Erfolg.
Wen sehen Sie als Favoriten?
Spanien und Frankreich sind stark, kochen aber, wie man bei den Spaniern bei der 0:0-Sensation gegen die Kapverden sehen kann, auch nur mit Wasser. Die Engländer sollte man nicht unterschätzen. Und Portugal – ein ganz starkes Team mit tollen Individualisten, ganz unabhängig vom mittlerweile 41-jährigen Cristiano Ronaldo. Da steckt sehr viel drin.
Das Sommermärchen 2006 und der WM-Titel 2014 haben gezeigt, wie ein Turnier ein ganzes Land aufhellen kann. Ich wünsche mir, dass das wieder gelingt.
Deutschland steckt in einer schwierigen Phase. Kann ein gutes Abschneiden der Nationalmannschaft die Stimmung im Land wirklich heben?
Ja, ich glaube fest an diesen Zusammenhang. Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft – er kann sie aber auch prägen. Wenn dieser Mannschaft gelingt, individuelle Stärken zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen, wird etwas sichtbar, was wir gerade dringend brauchen: das Bewusstsein, dass wir als Land mehr können, als wir uns im Moment zutrauen. Industriell, forschungspolitisch, kulturell, sozial – die Stärken sind da. Das Sommermärchen 2006 und der WM-Titel 2014 haben gezeigt, wie ein Turnier ein ganzes Land aufhellen kann. Ich wünsche mir, dass das wieder gelingt.
Ist die Gesellschaft nicht zu gespalten für kollektive Euphorie?
Nein – und ich verwahre mich gegen dieses Bild. Die Einschaltquoten sind extrem hoch, die Menschen fiebern mit. Die Gesellschaft ist nicht so gespalten, wie manche uns weismachen wollen. Wenn die AfD 20,25 Prozent bekommt, reden alle darüber. Wir müssen viel mehr darüber reden, dass 75,80 Prozent sie nicht gewählt haben. Die überwältigende Mehrheit will, dass wir zusammenhalten, dass es aufwärts geht, dass Respekt und Toleranz herrschen. Das ist die eigentliche Botschaft – und der Fußball kann sie verstärken.
104 Spiele, 48 Mannschaften, Ticketpreise von Hunderten bis Tausenden Euro, kaum bezahlbare Unterkünfte, riesige Distanzen – eine WM für Fans oder reiner Kommerz?
Das ist Kommerz – das muss man nüchtern so sehen. Dieses Turnier ist ein Stück zu groß, zu voluminös. Katar davor war schon politisch problematisch. Und diese WM in drei Ländern ist politisch ebenfalls nicht ganz einfach, allein wegen der Spannungen zwischen Kanada und Mexiko auf der einen und den USA auf der anderen Seite. Die Stadien sind voll, ja – aber für den normalen Fan ist das längst nicht mehr nachvollziehbar. Das Turnier ist überdimensioniert – in jeder Hinsicht. Das wird am Ende mehr Leute verschrecken als anziehen.
Infantino und Trump feiern diese WM als die „größte aller Zeiten“. Ist das eine gigantische Selbstinszenierung zweier Männer, denen der Sport egal ist?
Bei Trump kann ich das klar bejahen. Und eines ist sicher: Beide sind einen Deal miteinander eingegangen, bei dem sie glauben, davon zu profitieren. Infantino bekommt die große Bühne, Trump die Imagekulisse eines globalen Ereignisses. Finanziell mag das aufgehen. Vom Image her ganz sicher nicht.
Die Anbiederung an Trump ist eine Frechheit gegenüber dem kanadischen Ministerpräsidenten und der mexikanischen Staatspräsidentin, die dieses Turnier mitausrichten.
Was haben Sie gedacht, als Infantino Trump einen selbst kreierten Friedenspreis überreicht hat?
Es gibt den Begriff des Fremdschämens – und der trifft es genau. Dass ein Präsident eines Weltsportverbandes sich so tief vor einem Machthaber verbeugt, ist beschämend. Es ist auch eine politische Botschaft: Diese Fifa stellt sich auf die Seite der Mächtigen, nicht auf die Seite des Sports. Und die Anbiederung an Trump ist eine Frechheit gegenüber dem kanadischen Ministerpräsidenten und der mexikanischen Staatspräsidentin, die dieses Turnier mitausrichten.

Martin Schulz mit jungen Fußballerinnen des 1. FC Köln im Rhein-Energie-Stadion.
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Fußball gilt als Völkerverbinder. Aber eine WM, bei der der Gastgeber Mauern baut und Visa als politisches Instrument einsetzt – ist das nicht eine Bankrotterklärung dieses Mythos?
Sportler sollte man damit in Ruhe lassen. Was kann ein Spieler der Elfenbeinküste gegen Trumps Mauerbau ausrichten? Gar nichts. Das ist Aufgabe der Politik. Wir haben schon in Katar gesehen, was passiert, wenn wir Sportler für politische Differenzen in Haftung nehmen: Es überfordert sie, es spaltet die Öffentlichkeit, und es ändert gar nichts. Ganz anders sieht es bei den Funktionären aus. Infantino hätte die Möglichkeit – und ich würde sagen: die Pflicht –, offen zu sagen, dass es ein Unding ist, wie in den USA Menschen ohne amerikanischen Pass behandelt werden. Dass er das nicht tut, sagt alles über seine Prioritäten.
Kommen wir zum 1. FC Köln: Ihr Lieblingsklub hat den Klassenerhalt gerade noch gesichert. Wie blicken Sie auf die neue Saison?
Ich habe den Eindruck, dass der neue Vorstand den Verein stabilisieren kann. Der FC hatte mehr Potenzial, als das Punktekonto zuletzt gezeigt hat. Wir verlieren einige gute Spieler – ich hoffe, dass der Ersatz gut genug ist. Denn der FC muss weg vom Fahrstuhl-Mannschaft-Image. Sportchef Thomas Kessler traue ich eine gute Kaderplanung absolut zu. Und es hilft, dass der Verein mittlerweile finanziell deutlich besser aufgestellt ist als noch vor einigen Jahren. Ich gehe deshalb zuversichtlich in die nächste Saison.
Es gab Leute, die mir gesagt haben, du solltest das machen, das wäre gut für den Verein. Und ich habe ernsthaft erwogen, ob das der richtige Schritt wäre.
Rund um das Rhein-Energie-Stadion in Müngersdorf gibt es erneut Diskussionen über einen Ausbau. Wie stehen Sie dazu?
Ich bin klar dafür. Köln hat eine der lautesten, leidenschaftlichsten und größten Fangemeinden im deutschen Fußball – die verdient ein Stadion, das dieser Begeisterung gerecht wird. Mehr Plätze, mehr Fans, noch mehr Atmosphäre: gut für den Verein, gut für die Stadt. Einen Ausbau an derselben Stelle sollte man einem Neubau immer vorziehen. Und wenn das in Müngersdorf gelingt, sollte man es tun – und zwar entschlossen.
Sie gehörten über mehrere Jahre dem Beirat des 1. FC Köln an. Nach Informationen dieser Zeitung haben Sie ernsthaft über eine Kandidatur als FC-Präsident bei den Wahlen 2025 nachgedacht. Was hat Sie abgehalten?
Da muss ich korrigieren: Ich selbst habe nicht über eine Kandidatur nachgedacht. Es gab Leute, die mir gesagt haben, du solltest das machen, das wäre gut für den Verein. Und ich habe ernsthaft erwogen, ob das der richtige Schritt wäre. Aber am Ende habe ich Nein gesagt. Der Vorsitz der Friedrich-Ebert-Stiftung ist ein Amt, das mich vollständig ausfüllt – und welches ich nicht leichtfertig mit einer anderen großen Aufgabe verbinden wollte. Ein FC-Präsident muss präsent sein, den Verein nach innen und außen repräsentieren. Das hätte ich so nicht leisten können. Das wäre dem Verein gegenüber nicht fair gewesen.