Steffen Baumgart spricht über die Kritik an René Wagner, den FC, die Trennung von Union, seine Ambitionen, Said El Mala und die Debattenkultur.
Unmut gegen FC-Trainer WagnerSteffen Baumgart: „Habe kein Verständnis für die Rufe“

Zwei, die unterschiedlich sind, die sich aber verstehen: Steffen Baumgart (r.) und FC-Trainer René Wagner vor dem Bundesligaspiel des FC gegen Union am 20. Dezember 2025 in Müngersdorf. Damals war Baumgart noch Trainer der Berliner.
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Montagabend in Köln. Steffen Baumgart ist mit seiner Frau Katja in der Stadt, und der Abend gehört dem Musik-Liebhaber: Stevie Wonder in der Lanxess-Arena. Am Dienstag (20.45 Uhr) stehen sich der FC und Union in der zweiten DFB-Pokalrunde gegenüber, am Sonntag folgt das Bundesliga-Duell in Berlin. Baumgart verfolgt beide Partien, am Dienstag im Kölner Stadion, am Sonntag an der Alten Försterei, diesmal nicht an der Seitenlinie, sondern auf den Zuschauerplätzen. Es sind die Duelle seiner Ex-Klubs, und Baumgart wohnt unweit des Stadions in Köpenick. Zuletzt war er Trainer bei Union, am 11. April kam das Aus.
Ein neuer Job ist für ihn denkbar, er wartet ab, was kommt. Mit Horst Heldt, dem früheren Sportchef des 1. FC Köln und aktuellen von Union Berlin, gibt es keinen Kontakt mehr: „Das ist erledigt.“ Über diese Trennung, die Kritik an René Wagner, seine Beziehung zum FC, den Hype um Said El Mala und die Frage, wo im Internet die Grenze verläuft, spricht er im Interview mit unserer Redaktion. Und Baumgart stellt klar, dass man ihn in Zukunft nicht mehr mit der einstmals kultigen Schiebermütze am Spielfeldrand sehen wird: „Alles hat seine Zeit.“
Fühlt sich diese Woche für Sie nicht besonders emotional an, mit den Spielen Ihrer beiden Ex-Klubs?
Eher nicht. Denn jetzt geht es ja ins Berufliche. Ich hatte eine lange Pause, zumindest für meine Verhältnisse. Ich hatte in Köln eine tolle Zeit, aber das ist ein anderes Kapitel. Und jetzt beginnt langsam wieder die Zeit, wo ich sage: mal wieder gucken, was los ist, dabei sein, Spieler angucken.
Gab es schon konkrete Möglichkeiten, die Sie nicht wahrgenommen haben?
Nein, gar nichts. Ich habe kein einziges Gespräch geführt, das in irgendeine Richtung ging, einen Verein zu übernehmen. Ich habe nie gesagt, dass ich will, und niemand hat gesagt: Guck mal, den wollen wir unbedingt haben.
Sind Sie offen für vieles, sogar fürs Ausland?
Ja. Wünsche mache ich mir aber keine, das finde ich immer Blödsinn. Ich warte, was kommt, und wenn es interessant ist, dann guckt man. Aber es gab keinerlei Gespräche. Das ist meistens nur heiße Luft.
Die Trennung von Union ist also verarbeitet?
Ja, aber das geht ja eher um die Geräusche drumherum, davor und danach. Ich habe zweimal ganz klar die Liga gehalten. Ich kenne die Verantwortlichen teilweise seit 20 bis 25 Jahren. Und dann binnen weniger Minuten ist alles vorbei. Ich bin Dauerkartenbesitzer bei Union. Das ist einfach auch das Traurige.
Haben Sie noch Groll gegenüber Präsident Dirk Zingler und Sportchef Horst Heldt?
Es gibt keinen Groll. Es gibt auch keinen Kontakt mehr. Das ist erledigt. Jeder hat seine Aufgaben, jeder hat sein Leben.
Wie schätzen Sie die beiden Spiele sportlich ein?
Ich würde immer nur von einem Spiel ausgehen. Na gut, man kann auch unentschieden spielen, dann entscheidet es sich im Elfmeterschießen. Am Ende geht es im ersten Spiel ganz klar darum, die nächste Runde zu erreichen, und aus meiner Sicht völlig egal wie. Das Gute daran ist vielleicht, dass man gleich wieder aufeinandertrifft. Der Pokal hat nichts mit dem Spiel am Sonntag zu tun, und umgekehrt. Beide Mannschaften werden alles dafür geben, beide Spiele zu gewinnen. Das ist doch normal: Im Pokal willst du weiterkommen, im Punktspiel willst du gewinnen.
Ist der FC vor heimischem Publikum favorisiert?
Ich finde diese Favoritenrolle immer schwierig. Da denke ich immer: Es sind zwei Bundesligisten, die aufeinandertreffen. Sie stehen ähnlich in der Tabelle, der Kader ist ähnlich. Wer da eine Favoritenrolle zuspricht, dem sage ich: Na ja, dann mach das eben. Es gibt Mannschaften, bei denen du morgens aufwachst und schon weißt, dass sie Favorit sind. Und dann gibt es welche, bei denen beide die Chance haben, das Spiel zu gewinnen. Für mich bedeutet Pokal: eine Runde weiterkommen. Wenn du nicht weiterkommst, hast du etwas falsch gemacht. Wenn du weiterkommst, hast du das Ziel erreicht.
Welche Entwicklung macht René Wagner, Ihr früherer Co-Trainer, als Cheftrainer beim FC durch?
Ich bin relativ sicher, dass ich seine Entwicklung mit beeinflusst habe, und das in sehr hohem Maße. Ich hatte mit René immer einen absolut loyalen Mitarbeiter, der, als er mein Co-Trainer war, alles für den Erfolg getan hat. Jetzt ist er ein junger Cheftrainer. Ein Cheftrainer hat viele Aufgaben zu lösen, die man im ersten Moment nicht sieht. Da wächst er rein. René ist fokussiert. Er war immer der Erste oder einer der Ersten im Trainerteam und meistens der Letzte, der gegangen ist. Ein absoluter Vollbluttrainer, der mit Leidenschaft seinen Job macht. Was ihn ausgezeichnet hat, ist, dass er bis zum letzten Moment loyal war. Trotzdem wissen wir: Das ist kein Wunschkonzert.
Es gibt keine Schuldfrage, das ist Sport, und zum Sport gehört alles dazu. Da sollte man ein bisschen Geduld haben und nicht gleich alles erwarten.
Können Sie die Kritik nachvollziehen, die René Wagner entgegenschlägt? Nach dem 0:0 gegen Schalke waren am vergangenen Samstag im Stadion lautstarke „Wagner raus“-Rufe zu hören.
Ich habe kein Verständnis für die Rufe. Vor allem dann nicht, wenn es so schnell in diese Richtung geht. Natürlich gibt es Frust, wenn man nach einem Heimspiel gegen einen direkten Konkurrenten nur einen Punkt holt und gerne drei gehabt hätte. Aber dann fangen alle sofort an, den einen zu suchen, der schuld ist. Es gibt keine Schuldfrage, das ist Sport, und zum Sport gehört alles dazu. Da sollte man ein bisschen Geduld haben und nicht gleich alles erwarten. Und man muss sehen: Das ist für den 1. FC Köln das zweite Bundesligajahr nach dem Aufstieg, nach einem großen Umbruch im Sommer. Dazu kommen die Verletzungen. Gegen Schalke fehlten die Stürmer Thijs Dallinga und Ragnar Ache, dazu Imad Rondić. Ellyes Skhiri, der auf der Sechs spielen sollte, ist langzeitverletzt. In der Abwehr fehlten Timo Hübers und Rav van den Berg. Das gehört alles zum Bild, nicht nur das Ergebnis. Vieles von dieser Kritik hat mit René gar nicht mehr zu tun. Man hat das Gefühl, dass Leute nur noch Frust ablassen.
Wie erleben Sie das Forum Internet?
Ich höre mir nicht die einzelnen Meinungen von irgendwelchen Leuten an, die sich in irgendeinen Keller setzen, Kopfhörer aufsetzen, sich vor ein Video stellen und dann irgendeinen Scheiß erzählen. Fünf Leute gucken zu und glauben, sie machen Fußball. Wenn du solche Geschichten siehst, weißt du gar nicht, ob du darüber lachen sollst. Die machen sich am Ende selbst lächerlich. Die Leute, die etwas positiv oder gut finden, schreiben nicht. Ganz viele Menschen glauben, sie wissen, wie dieser Job funktioniert, und sind klüger als der Trainer. Mittlerweile gibt es gar nichts Positives mehr. Das alles ist leider ein Phänomen unserer Gesellschaft und eine Entwicklung, die mich besorgt und nachdenklich macht.
Ist für Sie irgendwann eine Grenze überschritten?
Sie ist schon lange überschritten. Wir haben doch gar keine Grenzen mehr. Viel schlimmer ist für mich, dass die Vereine nicht dagegen vorgehen und es laufen lassen unter der Prämisse, dass jeder eine Meinung hat. Dabei reden wir teilweise von Beleidigungen. Wir dürfen dir sagen, du bist ein „Blinder“, aber umgekehrt geht es nicht. Das ist Polarisieren.

So kannte man ihn beim FC: Steffen Baumgart emotional am Spielfeldrand und mit Schiebermütze. Auf das einstmals kultige Käppi wird er nicht mehr zurückgreifen: „Alles hat seine Zeit.“
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Kommen wir zurück zum FC: Sie haben zweieinhalb Jahre für den Verein gearbeitet. Wie stark ist die emotionale Bindung noch?
Das würde ich bejahen. Mir ist niemand bekannt, der länger in Köln gearbeitet und die Bindung zu diesem Verein verloren hat. Köln wird immer eine Station bleiben, die – auch nach vier Jahren sehr guter und erfolgreicher Arbeit in Paderborn – für mich noch mal das Highlight war, das ich bisher hatte.
Welche Momente sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Die Derbys, die wir gewonnen haben, natürlich. Dann der Heimsieg gegen Dortmund, und da erinnere ich mich immer noch gerne an Jan Thielmanns legendäre Grätsche an der Grundlinie. Nizza bleibt in meiner ewigen Erinnerung, und das nicht nur wegen des Ergebnisses. Davor war der Fanmarsch der FC-Fans reine Gänsehaut. Das Spiel selbst hatte leider auch heftige Ausschreitungen. Dazu gehört für mich auch das legendäre „Callcenter“ am Geißbockheim, damit meine ich unser Trainerteam beim FC. Das war im Nachhinein betrachtet mit Abstand das beste Trainerteam, das ich je hatte. Nicht nur wegen des Co-Trainers oder Torwarttrainers, sondern wegen der Zusammenarbeit, der Offenheit und der Klarheit, die wir miteinander hatten. Aber auch dort, wo es dann zur Trennung kam, hat das Ganze schon wehgetan, das muss man sagen. Aber eben weil es aus meiner Sicht eine große Nähe war.
Zu wem haben Sie beim FC noch Kontakt?
Zu einigen. Etwa zu Zeugwart Kreso Ban, den Vereinsärzten Peter Schäferhoff und Paul Klein, Pressesprecherin Lil Zercher oder Co-Trainer Kevin McKenna. Mit ihnen besteht noch Kontakt.
Und Ihr früherer Mitarbeiter Hannes Dold gehörte zum Trainerteam beim FC. Er klagt gegen seine Freistellung nach über zwölf Jahren beim FC. Wie schätzen Sie den Fall ein?
Dazu kann ich gar nichts sagen. Ich weiß, dass Hannes in seinem Bereich einer der Besten ist, die ich je kennengelernt habe. Er war morgens um 6 Uhr da und hat gearbeitet, solange die Augen eben offen waren. Jetzt wird man sehen, was bei dieser Geschichte herauskommt.
Ich bin mir relativ sicher, dass mich jetzt keiner mehr mit der Schiebermütze sieht. Alles hat seine Zeit.
Sie hatten auch eine starke Verbindung zu den Fans, auch mit Ihrer Schiebermütze. Hat Ihnen die Mütze damals einfach gefallen, oder was steckte dahinter?
Das war einfach, dass ich sie gesehen habe, und dann habe ich sie getragen. Wenn der Erfolg kommt, lässt du das Ding auf dem Kopf, und wenn nicht, dann nimmst du es weg. Vielleicht sogar ein bisschen zu lange draufgehabt, aber so ist das halt. Ich bin mir relativ sicher, dass mich jetzt keiner mehr mit der Schiebermütze sieht. Alles hat seine Zeit.
Wo steht der FC heute, sportlich und strukturell, von außen betrachtet?
Ich finde, dass sich das alles sehr gut weiterentwickelt, mit normalen Schritten. Die Mannschaft hat einen riesigen Umbruch erlebt. Viele Jungs, die ich noch mit dabei hatte, sind so gut wie weg. Das zeigt die Schnelllebigkeit im Fußball. Für mich ist der FC in einer sehr guten Entwicklung. Die finanzielle Seite ist jetzt besser aufgestellt. Trotzdem muss das erste Augenmerk immer auf der Klasse in der Liga liegen. Der erste Schritt ist für mich immer der Ligaerhalt, und darauf jedes Jahr aufzubauen.
Um Said El Mala ist ein richtiger Hype entstanden. Was halten Sie davon?
Said ist noch ein ganz junger Spieler, und wenn er in Köln auch noch Erfolg hat, ist das eine schöne Geschichte. So würde ich es mir gerne wünschen. Da gibt es doch schon ein Beispiel über einen ganz langen Zeitraum, mit Poldi (Lukas Podolski, d. Red.). Ich sehe absolutes Talent, das seinen Weg gehen wird. Der Junge muss natürlich auch lernen. Da musst du schon erst mal einen Trainer finden, der ihn verändert. Ich finde es immer witzig, wenn er aus Nachwuchsbereichen aussortiert wird, weil er angeblich nicht gut genug ist. Aber das ist dann wieder Klugscheißern vom Fernseher aus.
Was wünschen Sie dem 1. FC Köln zum Schluss?
Den Klassenerhalt, und dann natürlich den höchstmöglichen Erfolg. Die Dinge, die wir uns alle wünschen.