Cheftrainer René Wagner versucht beim 1. FC Köln etwas, das bislang kaum einer gewagt hat – ruhig zu bleiben, wenn alle anderen laut werden
René Wagner vor LeverkusenDer FC-Trainer, der nach innen lauter ist als nach außen

René Wagner kommuniziert klar, das tut dem Verhältnis zu seinen Spielern wie etwa Linton Maina gut.
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René Wagner hat von seinem Vorgänger auch die Fragen nach Said El Mala geerbt. Wie es um die WM-Chancen des Kölner Nachwuchsphänomens bestellt sei, erkundigte sich ein Reporter also vor dem Spiel gegen Bayer 04 Leverkusen (Samstag, 15.30 Uhr) beim Cheftrainer des 1. FC Köln. Die Entscheidung liege „wie immer beim Bundestrainer“, antwortete Wagner und wollte es dabei belassen.
Doch ließ man ihn nicht. So wagte sich der 37-Jährige auf ungewohntes Gebiet. Lief zwar in keine Erklärungsfalle. Aber erläuterte, warum er geantwortet hatte, was er beim nächsten Mal wieder antworten wird. Denn inhaltlich habe er nichts zu sagen zu Julian Nagelsmanns Planung. „Das Problem bei der Sache ist: Wenn ich von außen auf die Nationalmannschaft schauen soll, kenne ich die Absprachen nicht. Wie es für einen anderen Trainer schwer ist, bei uns reinzuschauen und zu sagen, welche Rollen wir verteilt haben. Wie wir Spieler sehen und wie wir mit ihnen sprechen. Für mich ist es unfassbar schwer, da eine Meinung abzugeben“, beschrieb Wagner. Immerhin stellte er noch klar, was für ihn ohnehin feststeht: „Ich würde mich unfassbar für den Spieler freuen.“
Die Situation passt zu Wagners öffentlicher Linie, die er konsequent durchzieht, seit er nach dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach zum Cheftrainer befördert wurde. Einen Monat ist das nun her, und die Punkteausbeute seitdem ist bemerkenswert: Lukas Kwasniok hatte mit den Kölnern einen Schnitt von knapp unter einem Punkt pro Spiel erreicht, auf die gesamte Saison gerechnet wären es bei gleichbleibender Ausbeute rund 33 Punkte geworden, die diesmal womöglich zum Klassenerhalt reichten.
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Wagner steht nach drei Partien bei fünf Zählern, mit einem solchen Schnitt spielt man um die internationalen Plätze.
Wagners Art zu kommunizieren unterscheidet sich allerdings drastisch von der seines Vorgängers. Kwasniok schweifte ständig ab, sah Pressekonferenzen auch als Möglichkeit, sein öffentliches Profil zu schärfen und widmete sich auch Themen, die man ihm zuvor auszureden versucht hatte. Auch nach innen kommunizierte Kwasniok kaum berechenbar. Die Kommunikation war eine der Facetten des Trainers, die rund um seine Verpflichtung mehrfach angesprochen worden war. An einem Standort wie Köln derart redselig zu sein, könnte ein Problem werden, bei aller fußballerischen Kompetenz. Das war Kwasniok nicht nur so erklärt worden. Er hatte es auch verstanden – hielt sich dann aber in den entscheidenden Momenten regelmäßig nicht daran.

René Wagner hat aus den drei Partien als Cheftrainer des 1. FC Köln fünf Punkte geholt.
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So wurde der Trainer zu einer der interessanteren Persönlichkeiten der jüngeren Kölner Vergangenheit. Weder Steffen Baumgart noch die Nachfolger Timo Schultz oder Gerhard Struber hatten sich durch besonders originelle Ansätze hervorgetan, wenngleich Baumgart es immerhin gelungen war, den Vater der Kompanie zu geben. Besonders im Umgang mit der Mannschaft hatte Kwasniok rasch viel Kredit aufgebraucht.
Anders René Wagner, der weiterhin das Wir in den Mittelpunkt stellt und auch die Hilfe seiner Assistenten schätzt. Armin Reutershahn (66) als im Wortsinn graue Eminenz. Dazu Lukas Sinkiewicz (40), der ehemalige FC-Kapitän und Nationalspieler, der in den vergangenen Wochen viele Gespräche mit FC-Profis geführt hat, die Wagner mit seiner Spielervita ganz anders hätte führen müssen. Der junge Cheftrainer, so ist zu hören, ist hochzufrieden mit dem Team, das man für ihn zusammengestellt hat.
Wagner mag die Analyse, daher kommt er nicht auf den Gedanken, ein so wichtiges Spiel wie das gegen Leverkusen emotional aufzuladen. „Das nächste Spiel ist wieder das wichtigste“, sagte er auf der Pressekonferenz. „Wir wollen drei Punkte sammeln. Darum geht’s, um mehr kümmern wir uns aktuell nicht.“ Es würde ihm nicht guttun, die Atmosphäre im Stadion zu sehr auf sich wirken zu lassen. „Wir fokussieren uns auf das Spiel. Es gibt eine Aufgabe zu erfüllen, auf der liegt der Fokus“, sagt der Sachse.
Wir wollen drei Punkte sammeln. Darum geht’s, um mehr kümmern wir uns aktuell nicht
In den Gesprächen nach innen, die seit seiner Amtsübernahme in einem veränderten Ton stattfinden, wie zu hören ist, gibt er sich dagegen deutlich mehr Mühe. „Ich habe diese Rolle mit dem Anspruch begonnen, viel zu kommunizieren. Ich bin ein logischer Mensch, deswegen würde ich jetzt nicht verstehen, warum ich damit nachlassen sollte. Ganz im Gegenteil geht es darum, dass wir berechenbar bleiben und die Spieler wissen: jede Woche wird gleich kommuniziert. Auch wenn es schwerer wird“, erklärt er.
Die Spieler sollen wissen, wo sie dran sind. „Ich will mich erklären, ohne den Jungs Ausreden zu geben. Klar und deutlich, mit einer Ansage, mit einer Vorgabe, mit einer Erwartungshaltung“, beschreibt Wagner.
Sportlich ist er damit bislang erfolgreich, wenngleich er eine emotionale Leerstelle lässt. Eine Leerstelle, die im Verein an den verantwortlichen Stellen nicht unbemerkt bleibt. Auch die Risiken, die sich durch Kwasnioks Persönlichkeit ergaben und die dazu führten, dass der 44-Jährige nicht einmal seine erste Kölner Saison zu Ende bringen konnte, waren besprochen. Nun schickt man Wagner ins Rennen, obwohl infrage steht, ob der Profifußball bereit ist für einen, der auf große Worte verzichtet und versucht, auf einer Basis von Zuverlässigkeit, Fleiß und Akribie Erfolge entstehen und Emotionen wachsen zu lassen. In Köln wäre einer, der emotional kaum verfügbar ist, eine charmante und selten versuchte Konstellation: ein Trainer, der einen Standort, der ohnehin ständig in Flammen steht, mit der Kraft der Ruhe zum Erfolg führen will. Wagners Bindung zur Mannschaft wirkt jedenfalls stabil – kurzfristig scheint das den Mangel an Emotionalität zu kompensieren. Gegen Leverkusen wird sich zeigen, ob der Trend unter René Wagner auch gegen einen Gegner hält, der fußballerisch so überlegen ist, dass es auch über die Emotionen funktionieren muss.
