Bayer 04 kann den Sekt kalt stellenLeverkusens „Mister Nachspielzeit“ rettet nächsten Sieg

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Robert Andrich Bayer Leverkusen jubelt nach seinem Tor zum 1:1 Leverkusen BayArena

Der Moment, der das Spiel änderte: Robert Andrich jubelt nach seinem Tor zum 1:1.

Bayer 04 Leverkusen bleibt in der Saison 2023/24 unbesiegbar. Beim 2:1 gegen Hoffenheim fiel der Siegtreffer wieder erst in der Nachspielzeit.

Bayer 04 Leverkusen bleibt in der Saison 2023/24 ein unfassbares Phänomen. Der Tabellenführer der Fußball-Bundesliga wendete am 27. Spieltag gegen die TSG 1899 Hoffenheim die erste Saisonniederlage ab und machte in einer irren Schlussphase aus einem 0:1-Rückstand durch Robert Andrich (88.) und Patrik Schick (90.+1) noch einen nicht mehr für möglich gehaltenen Heimsieg. 

Der Werksclub blieb damit im 39. Pflichtspiel der Saison ungeschlagen und hat sich bereits am 27. Spieltag sicher für die Champions League qualifiziert. „Es ist wieder ein Spiel weniger und unsere Situation hat sich weiter verbessert. Wir haben aber noch etwas zu tun“, kommentierte Bayer-Coach Xabi Alonso den fünften Bundesliga-Sieg in dieser Saison, den sein Team in der Nachspielzeit perfekt gemacht hatte.

Es ist wirklich eine unglaubliche Serie.
Pellegrino Matarazzo, Trainer TSG 1899 Hoffenheim

Spanisches Understatement. Tatsächlich benötigt Leverkusen nach der 0:2-Pleite des FC Bayern München gegen Borussia Dortmund im Abendspiel bei nun 13 Punkten Vorsprung auf den Verfolger aus den verbleibenden sieben Spielen nur noch drei Siege, um zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte Deutscher Meister zu werden. Der Werksclub kann den Sekt kalt stellen. „Es ist wirklich eine unglaubliche Serie“, fand auch Hoffenheims Trainer Pellegrino Materazzo anerkennende Worte für Bayers Unbesiegbarkeit. 

Zwei Männer umarmen sich auf einem Fußballplatz.

Patrik Schick umarmt Trainer Xabi Alonso beide Bayer 04 Leverkusen nach Schlusspfiff und sie freuen sich gemeinsam über den Sieg.

Alonso hatte am Karfreitag die Euphorie rund ums Bayer-Kreuz weiter angefacht, als er seinen Verbleib für mindestens ein weiteres Jahr in Leverkusen verkündete. Der Erfolgstrainer der Werkself bekam nach zwei Wochen Länderspielpause auch alle seine Spieler von den Nationalmannschaften heil zurück und veränderte seine Startformation gegenüber dem jüngsten 3:2 in Freiburg auf drei Positionen.  Jonas Hofmann, Edmond Tapsoba und Robert Andrich kamen für Exequiel Palacios (Aufbautraining nach Muskelverletzung), Josip Stanisic und Adam Hlozek ins Team. 

Matarazzo verordnete dem Tabellenachten eine Defensivtaktik und bot eine Fünferkette auf. Nachdem die Gäste vier Minuten mitspielen konnten, ergab sich das erwartete Bild. Leverkusen hatte den Ball, spielte um den gegnerischen Strafraum herum und suchte eine Lücke. Weil Hoffenheim im Zentrum konzentriert gegen Patrik Schick verteidigte und Jeremie Frimpong gegen den tief stehenden TSG-Linksverteidiger David Jurasek keine Räume fand, kam Bayer zunächst nur aus der Distanz zum Abschluss. Granit Xhaka (11./18.) und Florian Wirtz (19.) fehlte dabei aber das Glück. 

13. Saisontreffer für Hoffenheims Beier

Die kompakt und diszipliniert agierenden Gäste durften sich nach 25 Minuten befreien und gingen mit ihrer ersten Chance in Führung. Jung-Nationalspieler Maximilian Beier spielte am Strafraum Doppelpass mit Wout Weghorst, nahm so Tapsoba aus dem Spiel und tauchte frei vor Lukas Hradecky auf. Leverkusens Keeper kam zwar noch an den Schuss des Hoffenheimers, konnte den Einschlag aber nicht verhindern (33.).  Für den erst 21-jährigen Beier war es bereits sein 13. Saisontreffer.

Der Tabellenführer reagierte mit noch mehr Druck auf den Rückstand. Xhaka zwang 1899-Torwart Oliver Baumann von linken Strafraumeck mit einem überraschenden Schlenzer zu einer Glanztat (42.), Hofmann bekam erst nicht genügend Druck hinter seinen Versuch (44.), dann wurde sein Versuch von Ozan Kabak geblockt (45.+2). Und Andrich setzte seinen Kopfball nach Flanke von Alejandro Grimaldo am kurzen Eck vorbei (45.+2). Auf der anderen Seite hatten allerdings auch Andrej Kramaric (40.) und Weghorst nach Fehler von Jonathan Tah (43.) gute Möglichkeiten. 

Bayer 04 erhöht nach der Pause den Druck

Die Werkself musste das Tempo erhöhen und tat dies nach dem Seitenwechsel mit mehr Risiko im Spiel nach vorne auch sofort. Wirtz hatte die erste Chance, scheiterte nach einem Solo von rechts aber an Baumann (54.). Alonso reagierte dann nach 58 Minuten erstmals und brachte Amine Adli für den enttäuschenden Hofmann.

Bayer 04 drückte aufs Gaspedal, tat sich aber weiter schwer, zu klaren Abschlüssen zu kommen. Ein abgefälschter Frimpong-Schuss, der auf dem Hoffenheimer Tor landete, war noch die beste Chance (64.). Auch, weil Grimaldo frei stehend aus sieben Metern über den Ball säbelte (68.).  

Die Gastgeber ließen nicht locker und suchten gegen leidenschaftlich verteidigende Hoffenheimer mit Dauerdruck weiter ihr Glück. Alonso stellte Schick mit Borja Iglesias einen zweiten Stoßstürmer an die Seite. Schick und Adli scheiterten aber mit einer Mega-Doppelchance am überragenden Baumann. Nach der anschließenden Ecke zielte Andrich etwas zu hoch (76.). 

Es war längst ein einziges Anrennen der Leverkusener - und es wurde belohnt. Nachdem Iglesias nur die Latte getroffen hatte (87.), sprach alles dafür, dass sich das Glück an diesem Samstag gegen Bayer 04 gewandt hatte. Doch der nimmermüde Wirtz behielt in der nächsten Szene Ruhe und Übersicht und fand Tah am langen Pfosten. Der Innenverteidiger legte den Ball per Kopf zurück, wo Robert Andrich überlegt mit der Innenseite zum überfälligen Ausgleich traf (88.).  Eine überragende Aktion des Nationalmannschaft-Trios des Werksclubs.

Patrik war geduldig und zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Xabi Alonso, Cheftrainer Bayer 04 Leverkusen

„Wir brauchten ein Tor, um das komplette Mindset zu verändern. Robs Treffer war der Schlüssel, um mehr Energie und noch mehr Glauben zu bekommen“, freute sich Xabi Alonso über die Mentalität seiner Mannschaft, immer weiterzumachen: „Ich hatte nie den Gedanken, dass wir verlieren. Ein Moment kann alles verändern. Diesen Glauben haben wir diese Saison für uns erschaffen und alle Spieler haben den Willen.“

Deshalb war es mit dem 1:1 auch nicht genug. Grimaldo verpasste das 2:1 noch knapp (89.). Als der eingewechselte Nathan Tella dann aber von rechts flankte, war der bis dahin mit Ball nahezu unsichtbare Patrik Schick zur Stelle und machte seinem neuen Ruf als Mister Nachspielzeit wie schon in der Europa League gegen Karabach mit dem 2:1-Siegtreffer alle Ehre (90.+1).„ Ich freue mich für ihn. Patrik war geduldig und war im richtigen Moment am richtigen Ort“, lobte Alonso seinen Mittelstürmer. 

Die BayArena war ein einziger Freudentaumel und kochte über, als die Mannschaft vor die eigenen Fans trat. Der Leverkusener Trainer fehlte allerdings noch. Allerdings nur, bis ihn die Anhänger mit „Xabi, Xabi“-herbeiriefen und dem 42-jährigen Spanier die nächste Liebeserklärung machten.  „Ein sehr spezieller Moment, vor dem Spiel und nach dem Spiel“, reagierte Alonso gerührt, nachdem die Fans ihm vor dem Anpfiff von der Tribüne aus ein großes Herz entgegengehalten hatten.


Statistik zum Spiel:

Bayer Leverkusen: Hradecky - Tapsoba (86. Stanisisc), Tah, Hincapié (72. Iglesias) - Frimpong (86. Tella), Xhaka, Andrich, Grimaldo - Hofmann (58. Adli), Wirtz - Schick. -  TSG 1899 Hoffenheim: Baumann - Kabak, Grillitsch, Drexler - Kaderabek, Stach, Tohumcu (72. Geiger), Jurásek - Kramaric (58. Pröml) - Weghorst (78. Bülter), Beier (72. Bebou). - Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach). - Zuschauer: 30.047. - Tore: 0:1 Beier (33.), 1:1 Andrich (88.), 2:1 Schick (90.+1). - Gelbe Karte: Drexler.

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