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Interview

Joy-Lance Mickels
„Der Junge aus Siegburg spielt jetzt Champions League“

6 min
Joy-Lance Mickels erfüllt sich seinen Traum im Old Trafford bei Manchester United.

Joy-Lance Mickels erfüllt sich seinen Traum im Old Trafford bei Manchester United.

Joy-Lance Mickels glaubt während der Corona-Pandemie, seine Fußballkarriere sei vorbei. Am Dienstag spielt der Siegburger mit Sabah FK in der Königsklasse gegen Dortmund.

Herr Mickels, Sabah FK verlor das Hinspiel in den Champions-League-Playoffs gegen Hapoel Be’er Scheva mit 1:2, lag im Rückspiel zurück, gewann noch mit 5:2 nach Verlängerung und zog in die Königsklasse ein. Was ging in diesem Moment in Ihnen vor?

Joy-Lance Mickels. Es ist schwierig zu erklären, was das für ein Abend war. Wir hatten zunächst ein Tor weniger, und Hapoel war definitiv stark. Wir hatten ein mulmiges Gefühl, aber dafür 30.000 Zuschauer im Rücken. Nach zehn Minuten dachte ich: Okay, das könnte etwas werden, aber es wird knapp. Nach dem Treffer zum 2:2 dachten wir: Wir sind ganz nah dran, das Spiel zu kippen. In der letzten Minute der regulären Nachspielzeit hat es dann funktioniert mit dem Treffer für die Verlängerung. Bei uns sind alle Dämme gebrochen. Wir haben uns gesagt: Wenn wir jetzt weiterkommen, holen wir das Spiel. Danach haben wir sie auseinandergepflückt.

In der Verlängerung machten Sie mit Ihrem Treffer zum 5:2 den Einzug von Sabah FK in die Champions League perfekt.

Ja. Als ich den Ball angenommen habe und losgelaufen bin, hat sich alles wie aus einem Guss angefühlt. Ich habe vor dem Schuss noch den Übersteiger eingebaut. Ich wusste, dass der Ball reingeht. Dann ging er noch an die Unterkante der Latte. Das war heftig. Ich weiß selbst nicht, warum ich in der 119. Minute noch diesen Sprint gemacht und den Übersteiger eingebaut habe. Die Leute haben mich gefragt, ob ich gedopt sei, weil ich so viel gelaufen bin. Das war ich natürlich nicht. (lacht)

In der Königsklasse spielten sie direkt zum Auftakt gegen Manchester United (0:4-Niederlage). Sie sind Fan der „Red Devils“ – was war das für ein Gefühl?

Unbeschreiblich. Meine Brüder – Joy-Slayd (Hibernian FC) und Leroy Mickels (Waldhof Mannheim) – und ich lagen als Kinder zusammen im Bett und haben uns gefragt, in welchem Stadion wir unbedingt einmal spielen wollen. Meine Brüder haben Madrid und Barcelona gesagt, ich habe United gesagt. Und dann kam es dazu, dass ich mein erstes Champions-League-Spiel im Old Trafford gemacht habe. Das war verrückt. Ich schaue jede Woche United-Spiele, wenn es möglich ist. Und dann stehst du plötzlich dort vor ungefähr 75.000 Zuschauern. Ich musste mich selbst zwicken. Als ich das Stadion wieder verließ, fragte ich mich: Habe ich da überhaupt gespielt?

Sie spielen zudem gegen Barcelona, Arsenal, Neapel oder am Dienstag auch gegen Dortmund. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Viele sagen natürlich Barcelona. Die sind aktuell sehr stark, was sie in der Liga veranstalten. Ich freue mich auf jeden Fall auf die Duelle mit Villareal und dem BVB am meisten.

Zweifel und Ängste während Corona

Als gebürtiger Siegburger war Ihr Weg über Gladbach II, Schalke II, Aachen, Nordhausen, Jena und Maastricht kein typischer. Gab es eine Phase, in der Sie nicht mehr an den Durchbruch glaubten?

Ja. Das war nach der Saison mit Jena, während Corona. Ich war zu Hause und habe einfach angefangen zu weinen. Leute haben mir gesagt, das sei eine Depression. Ich dachte zuerst: Nein, das ist keine Depression. Aber es war eine. Ich habe mich gefragt: Was mache ich eigentlich, wenn ich kein Fußballer bin? Ich hatte mein ganzes Leben dem Fußball geopfert und dachte: Jetzt soll das vorbei sein? Ich wollte nicht wieder in die vierte Liga zurück. Das ist ein Sumpf. Es gibt dort viele gute Fußballer, die das Potenzial haben, aber nicht herauskommen.

Wer hat Ihnen in dieser Phase geholfen, weiterzumachen?

Meine Mutter und ich haben oft darüber gesprochen, ebenso wie mit meinen Brüdern. Sie haben gesagt: Mach weiter, auch wenn du einen Schritt zurückgehen musst. Was willst du denn sonst tun? Einfach alles wegwerfen? Dann kam die Station in Maastricht. Ein Freund hatte mir geschrieben, dass sein Berater ein Angebot für mich hätte. Für mich war es  ein großer Schritt. Ein anderes Land und eine andere Sprache. Am Ende war es aber eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Was genau hat sich für Sie dort verändert?

Die Flügelspieler durften dort etwas Besonderes machen. Mein damaliger Trainer Darije Kalezic hat gesagt: Nimm den Ball, verlier ihn zehnmal, geh wieder ins Dribbling, und beim elften Mal kommst du durch und entscheidest das Spiel. Das hat wieder meine Liebe zum Fußball geweckt. Die Kabine war laut und multikulturell. Es lief ständig Musik. Wenn der Trainer dir etwas sagen wollte, musste er fast ins Ohr schreien. Genau das brauchte ich.

Sie wechselten danach Richtung Aserbaidschan zu Sabah FK. Nach einer erfolgreichen Saison (17 Tore, elf Vorlagen) gingen Sie 2023 zu Al-Faisaly nach Saudi-Arabien. Was haben Sie dort über sich gelernt?

Der Ort lag ungefähr eineinhalb Stunden von der Hauptstadt Riad entfernt. Und es war mitten in der Wüste. Einmal wollte ich zum Training, da kam ein Sandsturm. Das Auto blieb stehen, und ich hatte Angst, dass mir jemand hinten reinfährt. In solchen Situationen kann man nicht einfach weiterfahren. Das war schwierig und irgendwie auch unwirklich. Die Kultur war ungewohnt. Einige Menschen waren sehr konservativ.

Ihre Frau und Ihre Tochter waren zunächst bei Ihnen. Wie haben die beiden die Zeit erlebt?

Meine Frau sagte nach zwei Monaten: „Lance, ich gehe jetzt für drei Wochen in die Niederlande und komme dann zurück.“ Aber sie kam nach drei Wochen nicht zurück, sondern erst nach drei Monaten. Dann sagte sie, dass sie es dort nicht mehr aushalte. Sie hielt mir die Pistole auf die Brust: Entweder wir verlassen Saudi-Arabien, oder sie bleibt dort. Für sie und meine Tochter habe ich gesagt: Ich breche hier alles ab.

Sie wechselten erneut zu Sabah. Ihre dortigen, starken Leistungen machten den ruandischen Fußballverband auf Sie aufmerksam. Sie debütierten im März gegen Grenada (4:0). Eine große Ehre?

Eine sehr große. Ich war vorher noch nie in Ruanda. Ich kam in die Hauptstadt Kigali und dachte nur: Das ist alles auf europäischem Niveau. Das Stadion (Anm. d. R. Amahoro National Stadium) ist auf dem neuesten Stand.

Der Traum vom Afrika-Cup

Sie erwähnten vorher Ihre Brüder. Sie spielen ebenfalls in der Nationalmannschaft.

Es ist besonders, dass ich das mit ihnen erleben darf. Allein wäre das schon etwas ganz Neues gewesen. Aber mit meinen Brüdern gemeinsam als professionelle Fußballer in einer Nationalmannschaft zu spielen, ist ein großes Privileg. Die ganze Familie steht dahinter und schaut sich die Spiele an. Wir haben sogar Verwandte aus Ruanda kennengelernt, von denen ich vorher nichts wusste. Durch die Nationalmannschaft hat sich mein Blick auf meine Herkunft verändert.

Wie groß ist die Aufmerksamkeit in Ruanda inzwischen?

Die Menschen halten dich ständig an und wollen Fotos machen. Seitdem ich in der Königsklasse spiele, ist es mehr geworden. Meine Brüder sagen, dass sie mit mir nicht mehr durch die Stadt laufen können. Ich werde „Mr. Champions League“ genannt. Die Liebe dort ist ganz heftig. Ich bin inzwischen so was wie ein Held.

Die letzten Spiele gegen Liberia (3:1) und Kap Verde (2:1) haben Sie gewonnen. Ruanda führt die Qualifikationsgruppe für den Afrika-Cup an.

Ja, der Start war gut, aber wir können noch ausscheiden. Mit einem Sieg in Mali könnten wir uns direkt qualifizieren. Dann wird im Land sehr viel los sein. Ich glaube, im Stadion wären nicht nur 40.000 Zuschauer, sondern eher 50.000 oder sogar noch mehr. Die Straßen in Ruanda wären voller Feiern, es wäre verrückt.

Auch bei Sabah läuft es derzeit. Sie sind Tabellenführer. In der Champions League haben Sie zuletzt gegen Slavia Prag gewonnen, sie erzielten ein Tor. Was wollen Sie in dieser Saison erreichen?

Gewinnen. Die Doppelbelastung ist schwierig, aber wir haben einen großen und starken Kader. In der Champions League wollen wir gegen Viking Stavanger drei Punkte holen. Danach wollen wir versuchen, die anderen Mannschaften zu ärgern. Wenn du gegen Barcelona spielst, denkst du natürlich: Das wird nicht einfach. Aber vielleicht können wir Geschichte schreiben und ein paar Punkte sammeln. Qarabağ Ağdam hat in der vergangenen Saison gezeigt, dass das möglich ist, und hat gegen Benfica und Frankfurt gewonnen.

Wenn Sie nun auf Ihren Weg zurückblicken: Was denken Sie über den Profi, der glaubte, der Fußball sei vorbei?

Der Junge aus Siegburg spielt jetzt Champions League. (lacht) Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich einmal im Old Trafford spiele, für Ruanda auflaufe und in der Champions League treffe, hätte ich das nicht geglaubt.