Der SC Magdeburg steht im Finale der Handball-Champions League. Der deutsche Vizemeister bezwang im Halbfinale Titelverteidiger FC Barcelona und trifft am Sonntag in der Kölner LanxessArena auf KS Kielce aus Polen.
Handball-Champions LeagueSC Magdeburg im Finale gegen Kielce und Andreas Wolff

Freudentaumel: der Magdeburger Jubel nach dem Halbfinalsieg gegen den FC Barcelona.
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Mike Jensen breitete noch einmal seine Arme aus und führte das Drama von Köln zu einem Happyend. Der dänische Keeper des SC Magdeburg hielt den letzten Versuch von Ludovic Fabregas im Siebenmeterwerfen und verschwand anschließend trotz seiner 2,07 Metern Körpergröße und 115 Kilogramm Gewicht fast in der Jubeltraube seiner Teamkollegen. Der deutsche Vizemeister hatte es tatsächlich geschafft und als Außenseiter den großen Favoriten und Titelverteidiger FCBarcelona im Halbfinale der Handball-Champions League mit 40:39 (16:18, 31:31, 38:38) bezwungen. Das Team von Trainer Bennet Wiegert hat damit die Chance, im Finale am Sonntag (18.15 Uhr/DAZN) erstmals nach 2002 wieder die Königsklasse zu gewinnen.
„Ich bin müde, aber auch sehr glücklich und stolz auf die Mannschaft. Das Spiel war ein Spiegelbild unserer Saison. Wir sind das ganze Jahr runtergedrückt worden, haben aber Charakter gezeigt und sind immer wieder aufgestanden“, freute sich Bennet Wiegert.
Kielce besiegt Paris, Wolff überragt
Im Finale trifft sein Team auf KS Kielce mit Andreas Wolff. Der deutsche Nationaltorwart war beim 25:24 (16:14) der Polen im zweiten Halbfinale am Samstagabend gegen Paris Saint Germain der alles überragende Spieler. Wolff hielt 13 von 35 Würfen und verteidigte den knappen Vorsprung in der letzten Minute des spannenden Spiels gleich zweimal gegen den besten Pariser Schützen Luc Steins (6 Tore) und gegen Elohim Prandi (4 Tore). Bei Kielce traf Trainersohn Alex Dushjebaev (6) am besten.

Kielces deutscher Torhüter Andreas Wolff jubelt während der Partie gegen Paris über einen abgewehrten Ball.
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Die Magdeburger starteten im ersten Halbfinale in ihre Final Four-Premiere, wie es sich für einen Novizen gehört. Aufgeregt, nervös und durchaus angespannt. Der sonst so sichere Siebenmeterschütze Kay Smits scheiterte bei seinem ersten Versuch und auch Spielmacher Gisli Kristjansson musste seine Sicherheit erst finden.
Anfangsprobleme schnell vergessen
Die Anfangsprobleme des deutschen Vizemeisters spiegelten sich aber nicht im Ergebnis wider, weil die Abwehr um Michael Saugstrup gut stand und Michael Darmgaard im Angriff keine Nerven zeigte. Der Däne traf bei fünf seiner ersten sechs Versuche und hielt seine Farben auf Augenhöhe mit dem großen Favoriten.
Hätte Barcelonas Emil Nielsen im Tor nicht acht Würfe pariert und Darmgaard nicht etwas überdreht (4 Fehlwürfe bei weiteren fünf Versuchen), die Magdeburger hätten zur Pause wohl vorne gelegen. So aber zog der zehnfache Champions League-Gewinner zum ersten Mal auf drei Tore davon (29./18:15) und führte nach 30 Minuten mit 18:16. „Wir haben es eng gehalten, aber am Ende der ersten Hälfte kurz unser System verlassen. Der Rückstand zur Pause entsprach nicht dem Spielverlauf“, analysierte Coach Wiegert.
Angeführt von den französischen Rückraum-Athleten Dika Mem (4 Tore) und Timothey N'Guessan (9) sowie mit dem treffsicheren Aleix Gomez (8) auf Rechtsaußen war Barca vor 20.000 begeisterten Zuschauern in der ausverkauften Kölner LanxessArena lediglich einen Tick effektiver gewesen.
Gisli Kristjansson kugelt sich die Schulter aus
SCM-Coach Bennet Wiegert entscheid sich dann zu Beginn der zweiten Hälfte für einen Wechsel zwischen den Pfosten. Nikola Portner kam für Mike Jensen. Nachdem Barcelona zunächst seinen zwei- bis Drei-Tore-Vorsprung transportieren konnte, leitete der Schweizer mit seinen Paraden die Aufholjagd ein, die er selbst in Überzahl mit einem Wurf ins verwaiste, katalanische Tor zum 21:21 krönte (38.).
Magdeburg hatte seine Nervosität abgelegt und lag beim 24:22 erstmals mit zwei Treffern vorne (43.). Als Portner noch einen Siebenmeter von Gomez hielt (45.), schien sich das Momentum endgültig auf die Seite des Außenseiters geschlagen. Doch es bleib launisch. Barcelona hielt weiter dagegen und glich zum 25:25 (49.) aus.

Gisli Thorgeir Kristjansson vom SC Magdeburg bleibt verletzt am Boden liegen.
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Der Boden für eine dramatische Schlussphase war bereitet. Bei wechselnder Führung konnte sich keines der beiden Teams absetzen. Drei Minuten vor dem Ende machte sich dann Entsetzen im Magdeburger Fanblock breit. Gisli Kristjansson blieb nach einem Zusammenstoß mit Barcas Abwehrkoloss Goncalves dos Santos minutenlang benommen am Boden liegen und musste in die Kabine gebracht werden. „Mir wurde mitgeteilt, dass Gisli sich die Schulter am rechten Wurfarm ausgekugelt hat. Jeder weiß, was das für einen Handballer bedeutet. Diese Verletzung schmälert unseren Sieg nicht nur ein bisschen“, trauerte Wiegert, der mit einer langen Ausfallzeit seines isländischen Spielmachers rechnet.
Aus meiner Sicht hätten wir gar nicht in die Verlängerung gehen dürfen.
Als Gomez dann wenig später aus unmöglichem Winkel einen Nachwurf mit seinem sechsten Treffer zum 31:30 für Barcelona ins lange Eck setzte (60.), schien das Unglück der Magdeburger bei ihrer Final Four-Premiere besiegelt. Wiegert nahm 13 Sekunden vor dem Ende aber eine Auszeit und sagte den passenden Spielzug an. Kay Smits, der sich nach seinem verworfenen Siebenmeter mit am Ende zwölf Treffer zum Topschützen der Partie aufschwang, glich fünf Sekunden vor Schluss zum umjubelten 31:31 aus.
„Wir waren voll drin in der zweiten Hälfte, haben das Momentum zu uns gezogen und hatten einen überragenden Torwart“, lobte Wiegert sein Team und Nikola Portner: „Aus meiner Sicht hätten wir gar nicht in die Verlängerung gehen dürfen.“
Marko Bezjak geht in der Verlängerung voran
Die zwei Mal fünf Minuten Extrazeit begann der Bundesligist ohne Kristjansson, aber mit dem Mute der Verzweiflung, die ein Underdog in einem solchen Spiel entwickeln kann. Und so ein Halbfinale bringt eben auch immer Helden hervor. Der aus Magdeburg hieß Marko Bezjak. Der schon 36-jährige Slowene sprang für Kristjansson in die Bresche, übernahm die Verantwortung und sorgte mit drei Toren für eine 36:34-Führung der Ostdeutschen (66.). „Er hat so viel Handball-Gefühl. Das war allein seine Leistung und hatte nichts mit Coaching zu tun“, ehrte Bennet Wiegert seinen Routinier, der seine vier Würfe des Spiels alle ins Ziel brachte.
Aber auch Bezjak konnte Barcelona nicht den K.o. versetzen. Die Katalanen ließen sich nicht abschütteln und glichen auch die letzten beiden Treffer des Niederländers Smits zum 38:38 wieder aus. Das maximale Drama musste also im Siebenmeterwerfen entschieden werden. Erst dort verlor Barcelona die Nerven und nach der Pleite im Superglobe, der Club-WM, gegen Magdeburg erst zum zweiten Mal überhaupt in der Saison 2023/24 ein Pflichtspiel. Gleich vier Spanier vergaben, während beim SCM Kay Smits und Tim Hornke trafen.
Das genügte und als Mike Jensen gegen Fabregas den entscheidenden Wurf abwehrte, konnte die erste Magdeburger Party in Köln beginnen. Die zweite und noch größere soll dann am Sonntag im Finale folgen. „Wir haben dreimal hintereinander die beste Mannschaft der Welt besiegt. Jetzt kommt der finale Akt einer Saison, in der wir immer wieder All in gehen mussten. Das werden wir auch ohne Gisli wieder tun“, gab sich Bennet Wiegert trotzig und selbstbewusst.