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Interview mit Wladimir Kaminer„Sehr viele Russen sind für Deutschland“

7 min

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer, 1967 in Moskau geboren, lebt seit fast 30 Jahren in Berlin.

Im Gespräch mit Christiane Mitatselis erzählt der Autor des Bestsellers „Russendisko“, wie er auf das am Donnerstag beginnende Turnier blickt und was die WM  für Russland bedeutet.

Herr Kaminer, als wir vor dem Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi mit Ihnen sprachen, sagten Sie, für viele Russen sei Eiskunstlauf die großartigste Sportart der Welt. Erinnern Sie sich?

Ja natürlich, Russen sind traditionell am besten in Sportarten, die mit schnellem Laufen auf dem Eis zu tun haben. Das hat mit der russischen Geschichte und dem Klima zu tun. Sie wissen ja: Bei uns ist es sehr kalt.

Welchen Stellenwert hat der Fußball?

Einen sehr hohen. Wir haben alle als Kinder Fußball gespielt. In der Sowjetunion war Fußball sehr populär, und er ist auch im heutigen Russland nicht weniger berühmt. Nur hat Russland damals die besten Spieler ans Ausland verloren. Ich meine: Die Besten in der Sowjetunion spielten bei Dynamo Kiew oder Dynamo Tiflis. Das sind heute andere Staaten. Fußball ist aber, wie gesagt, nach wie vor, sehr populär in Russland.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die Russen auf die WM freuen?

Ja! Sie freuen sich sehr. Es war ein Geschenk von Präsident Wladimir Putin an alle Männer des Landes. Dafür, dass sie ihn wieder gewählt haben, für das Zeichen der Loyalität.

Wieso an die Männer des Landes? Mögen die Russinnen den Sport nicht?

Es ist so: Putin weiß, dass Männer Fußball wollen. Es gibt ein Sprichwort auf Russisch: Blumen für die Frauen, Eis für die Kinder und Fußball für die Männer. Nach diesem Motto hat er die Fußball-Weltmeisterschaft ins Land geholt. Es ist das erste Mal, dass sie in Russland stattfindet, und es freuen sich alle wie Bolle. Es gibt einige Verrückte: In der letzten Umfrage, von ich gehört habe, gaben 17 Prozent der Russen zu Protokoll zu glauben, dass die russische Mannschaft ins WM-Finale kommen kann, Das ist natürlich Quatsch. Selbst wenn sich Putin persönlich ins russische Tor stellen sollte, würde das nicht klappen. Denn wir haben gar keine richtige Mannschaft.

Zur Person

Wladimir Kaminer, Schriftsteller und Kolumnist, wurde 1967 in Moskau geboren. Etwas unklar sind die genauen Umstände der Übersiedlung nach deutschland. Laut Munzinger-Archiv bekam Kaminer 1990 humanitäres Asyl in der DDR. Noch vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober erhielt er die Staatsbürgerschaft der DDR und deshalb danach automatisch die bundesdeutsche Staatsbürgerschaft. Dem widerspricht, dass er in einem Interview im September 2012 berichtete, 14 Jahre lang mit einem „Alien-Pass“ gelebt zu haben, also für mehrere Jahre kein deutscher Staatsbürger gewesen zu sein.

Bekannt wurde er im Jahr 2000 mit seinem Buch „Russendisko“, das eine Gesamtauflage von mehr als 1,3 Millionen Exemplaren erreicht hat. Sein jüngstes Werk heißt „Ausgerechnet Deutschland: Geschichten unserer neuen Nachbarn“. Kaminer lebt mit seiner Frau Olga und zwei Kindern in Berlin.

Putin wäre mit seinen knapp 1,70 Metern auch viel zu klein für einen Torwart.

Ja, das stimmt. Aber egal, wie die russische Mannschaft am Ende abschneidet – die Menschen freuen sich, die großen Mannschaften und Stars aus der ganzen Welt zu empfangen. Sehr viele Russen sind für Deutschland. Ich weiß nicht, warum das so ist. Es gibt in Russland sehr viele Bayern-Fans und Deutschland-Fans, was Fußball betrifft.

Sie haben Putin erwähnt. Er ist ein großer Sportfan...

.. für ihn ist Sport wichtig .Putin spielt Eishockey mit seinen Ministern. Wenn er auf das Eis kommt, dann springen alle zur Seite.

Wie beurteilen Sie den politischen Aspekt der Fußball-WM?

Die WM ist ein Teil der Politik, und ich hoffe sehr, dass sie ein erfolgreicherer Teil sein wird. Wenn die Politiker nicht miteinander klarkommen, dann können doch vielleicht die normalen Menschen miteinander in Kontakt treten. Und einander zeigen, dass sie keine Schurken sind. Ich sehe es so, dass man die WM durchaus nutzen kann und sogar muss, um die schräge politische Lage wieder ein wenig aufzurichten. Das Schlimmste, was in der Politik passieren kann, ist, dass die Konfliktparteien nicht mehr miteinander sprechen. Das ist eine Sackgasse, daraus kann nichts Gescheites mehr entstehen. Um im Gespräch zu bleiben, braucht man manchmal unkonventionelle Mittel und Wege. Wenn die Politiker auf ihrer Ebene nicht klar kommen, dann können solche Sport-Events sicher dazu beitragen, dass sich beide Seiten nicht gleich versöhnen. Aber immerhin mehr Verständnis füreinander entwickeln.

Also hoffen Sie auf Völkerverständigung durch Sport?

Ja, Sie müssen sehen: Russland ist nicht Putin. In Russland gibt es sehr viele Menschen, die anders denken und sich eine andere Zukunft für ihr Land wünschen. Diese Menschen sind vielleicht auf der höchsten politischen Ebene nicht repräsentiert, weil es das autoritäre System nicht zulässt. Aber für die Stimmung im Land spielen diese Menschen eine sehr wichtige Rolle. Und das kann durch eine solche Veranstaltung eben auch zum Vorschein kommen. Es wird ein Russland nach Putin geben. Die autokratische Regierung geht früher oder später zu Ende. Für diese Zukunft brauchen wir jetzt diese Fußball-WM. Man muss auch sehen: Solange die WM läuft, wird das Regime gastfreundlich sein müssen. Es wird keine Verhaftungen geben. Die liberale Opposition bekommt somit eine Verschnaufpause. Auch das ist gut.

Es gibt in Deutschland viel Kritik an Russland. Wie gehen Sie damit um? Es ist ja immer etwas anderes, wenn die Kritik von außen kommt als wenn man sein eigenes Land selbst kritisiert.

Damit habe ich kein Problem. Denn ich stehe meinem Land ja auch sehr kritisch gegenüber. Allerdings kommt man nicht weiter, wenn man sich nur ärgert, man muss eine positive Kritik entwickeln. Vieles ist nicht in Russland so, wie wir es gerne hätten. Trotzdem sollte man das Land nicht verdammen oder verteufeln, denn Russland bleibt ein Teil Europas. Ich wünsche mir, dass Russland wieder mitgenommen wird auf dem europäischen Entwicklungsweg. Denn Russland hatte seine besten Zeiten immer dann, wenn es mit Europa zusammen aktiv war.

Sie stammen aus Moskau und leben seit fast 30 Jahren in Berlin. Sind Sie beim Fußball eher für Russland oder Deutschland?

Ich fände es nicht schlecht, wenn die Deutschen die WM wieder gewinnen würden. Sie brauchen in Europa Respekt. Jetzt, wo sie – teilweise unfreiwillig – in die Rolle der europäischen Lokomotive der freien Welt gerückt werden. Ich meine: Wenn der große amerikanische Bruder sich plötzlich mit dem Hintern nach Europa wendet, dann braucht Deutschland als Land mehr Respekt als je zuvor. Und nichts kann so viel Respekt in so kurzer Zeit besorgen wie ein großer Fußballsieg. Die Deutschen spielen vernünftig, sie rennen nicht zu viel und nicht zu wenig. Sie machen im Fußball immer genau das, was nötig ist, um zu gewinnen. Und zeigen, dass man alles erreichen kann, wenn man fleißig und diszipliniert ist. Ich finde, das ist ein Bild, das Europa wirklich braucht.

Werden Sie zur WM nach Russland reisen?

Nein, ich werde sie von Deutschland aus verfolgen und während der WM in der ein oder anderen Sendung als Russland-Experte im Einsatz sein. Ich werde immer viel zu Russland befragt und fühle mich inzwischen als Experte für alle Fragen: Fußball, Eishockey, Politik.

Haben Sie auch einen sportlichen Wunsch für die WM?

Ja, sogar zwei: Ich wünsche mir sehr, dass die Russen das Achtelfinale erreichen. Gegen ihren Gruppen-Gegner Saudi-Arabien werden sie schon bestehen können, denke ich. Und wenn sie auch gegen Ägypten gewinnen, dann kommen sie weiter ins Achtelfinale, dann ist die Ehre gerettet, dann können alle aufatmen. Und für die Deutschen wünsche ich mir, dass sie ins Finale kommen. Wie gesagt: Deutschland braucht gerade besonders viel Respekt.