Vor Spiel gegen USAIran droht Familien von Nationalspielern offenbar mit „Gefängnis und Folter“

Lesezeit 3 Minuten
Irans Saeid Ezatolahi (l-r), Ramin Rezaeian, Morteza Pouraliganji, Milad Mohammadi und Majid Hosseini stehen bei der Nationalhymne nebeneinander.

Irans Nationalspieler Saeid Ezatolahi, Ramin Rezaeian, Morteza Pouraliganji, Milad Mohammadi und Majid Hosseini stehen bei der Nationalhymne nebeneinander.

Das Schweigen der iranischen Nationalspieler beim WM-Spiel gegen England fand international viel Beachtung – den Angehörigen der Spieler wurde einem CNN-Bericht zufolge jedoch mit harten Konsequenzen gedroht.

Den Familien der Spieler der iranischen Fußball-Nationalmannschaft wurde vor dem WM-Spiel gegen die USA am Dienstagabend bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar mit Folter und Gefängnis gedroht, sollte sich die Mannschaft vor der Partie gegen das US-Team nicht „benehmen“. Das berichtet der US-Sender CNN unter Bezugnahme auf eine „mit der Sicherheit der Spiele“ befasste Quelle.

Die iranischen Spieler hatten beim zweiten Gruppenspiel bei der WM in Katar die Nationalhymne wieder mitgesungen. Zuvor aber hatte die Mannschaft beim Auftaktspiel gegen England ein viel beachtetes Zeichen gesetzt und bei der Nationalhymne geschwiegen. CNN zufolge wurden die Spieler nach der Aktion zu einem Treffen mit Mitgliedern der iranischen Revolutionsgarde gerufen. Die Revolutionsgarde wird von den USA als terroristische Organisation eingestuft.

CNN-Bericht: Revolutionsgarden überwachen iranische Spieler in Katar

Der Quelle zufolge sei den Spielern bei diesem Treffen mitgeteilt worden, dass ein weiteres Schweigen bei der Hymne oder andere politische Protestaktionen gegen das Regime in Teheran „Gewalt und Folter“ für ihre Familie zufolge haben könnte. Beim Sieg gegen Wales am vergangenen Freitag sangen die iranischen Spieler die Hymne dann wieder mit.

Laut CNN seien „Dutzende von Offizieren“ der Revolutionsgarden zur Überwachung der iranischen Spieler während der WM in Katar abgestellt worden. „Es gibt eine große Anzahl iranischer Sicherheitsbeamter in Katar, die Informationen sammeln und die Spieler überwachen“, sagte die Quelle gegenüber dem US-Sender demnach. Den iranischen Spielern sei es nicht erlaubt, sich außerhalb der Mannschaft zu bewegen oder Ausländer zu treffen.

Strategiewechsel in Teheran: Erst „Geschenke und Autos“, dann „Gewalt und Folter“

Die Drohung durch die Revolutionsgarden sei demnach eine Abkehr von der bisherigen Strategie Teherans. Vor der Auftaktpartie gegen England seien den Spielern noch „Geschenke und Autos“ angeboten worden. Nach der Protestaktion setze man in Teheran nun auf Drohungen, um die Mannschaft von weiteren politischen Aktionen abzuhalten.

Laut der Quelle sei auch die Stimmung im Stadion beim zweiten Spiel der iranischen Mannschaft manipuliert worden. „Im letzten Spiel gegen Wales schickte das Regime Hunderte Schauspieler, um bei den Fans ein falsches Gefühl der Unterstützung und Gunst zu erzeugen“, zitiert CNN den Informanten. „Für das nächste Spiel gegen die USA plant das Regime, die Zahl der Schauspieler deutlich in die Tausende zu erhöhen.“

Irans Nationaltrainer Carlos Queiroz bestritt am Mittwoch, dass es die Drohungen gegen seine Spieler gegeben habe. „Wenn jemand eine Information von einer anonymen Quelle nimmt, ist das nicht professionell. So etwas ist traurig. Innerhalb von zwei Stunden wird aus einer Dummheit eine vermeintliche Wahrheit. Aber das ist die Welt, in der wir leben“, sagte Queiroz.

Der Iran trifft am Dienstagabend um 20 Uhr auf das Team aus den USA. Seit Wochen kommt es im Iran bereits zu innenpolitischen Unruhen und eindeutigen Protesten gegen das religiös-fundamentalistische Regime in Teheran. Auslöser der Protestwelle, die von vielen Experten bereits als mögliche Revolution betrachtet wird, war der Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini.

Die junge Frau war Mitte September von der iranischen Sittenpolizei in Gewahrsam genommen worden, weil sie ihr Kopftuch angeblich nicht ordnungsgemäß getragen hatte. Misshandlungen durch die Sittenpolizei sollen der Grund für ihren Tod gewesen sein.

Iran: Menschenrechtsorganisationen gehen von mindestens 450 Todesopfern aus

Bei den anhaltenden Protesten sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wie der „Human Rights Activists News Agency“ oder „Amnesty International“ mindestens 450 Demonstranten getötet worden. Mehr als 15.000 Menschen seien unterdessen festgenommen worden. Teilweise droht den Inhaftierten nun die Todesstrafe.

Am Dienstag räumte ein iranischer General derweil erstmals viele Todesopfer seit Beginn der Proteste ein – nannte jedoch lediglich eine Zahl von mindestens 300 getöteten Menschen. Darunter seien auch „Märtyrer“ – damit sind getötete Sicherheitskräfte und Polizisten gemeint.

Rundschau abonnieren