Kapitän Moritz Müller bestreitet am Freitagabend in Iserlohn sein 1000. DEL-Spiel für die Kölner Haie. Martin Sauerborn unterhielt sich mit dem KEC-Kapitän über seine Pläne.
Kölner Hai Moritz Müller im Interview„Loyalität ist einer meiner Grundzüge“

Moritz Müller, Kapitän der Kölner Haie
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1000 Spiele für nur einen Verein: Nach Mirko Lüdemann ist Moritz Müller (36) der zweite Spieler, dem dies im Trikot der Kölner Haie gelingt. Martin Sauerborn unterhielt sich mit dem KEC-Kapitän über seine DEL-Premiere im Jahr 2003 und seine Pläne nach der Karriere.
Herr Müller, herzlichen Glückwunsch zu den nun bevorstehenden 1000 DEL-Spielen in 20 Jahren. Erinnern Sie sich eigentlich noch gut an Ihr Debüt?
Klar, das war am 18. Dezember 2003 gegen Düsseldorf vor ausverkaufter Arena. Mein Vater hat noch ein Foto von mir an diesem Tag, da ist als Gegenspieler Niklas Sundblad mit drauf.
Woran erinnern Sie sich noch? Sie waren erst einen Monat zuvor 17 Jahre alt geworden.
Ich war bei dieser Kulisse schon etwas eingeschüchtert. Obwohl ich ja nichts falsch machen konnte, als ich mit Gitter rumgelaufen bin. Wir sagen den jungen Spielern heute auch, dass sie Spaß haben und es genießen sollen. Aber es fühlt sich nicht so an. Man wird eben ins kalte Wasser geschmissen.
Ihre ersten Wechsel hatten Sie unter Trainer Hans Zach als Stürmer. Doug Mason hat Sie dann zum Abwehrspieler umfunktioniert.
Ja, Doug Mason hat mich so richtig umgeschult, Ich hatte aber schon immer eine defensive Ader. Schon bei den Jüngsten bin ich bei Angriffen der Gegner immer so weit rückwärts gelaufen, dass ich noch hinter dem Torwart auf der Linie saß und versucht habe den Puck mitzuhalten. Der Verein hat damals gesagt, ich soll ins Tor gehen. Das hat mir aber nicht so gut gefallen. Dann bin ich Stürmer geworden, weil alle meine Vorbilder Stürmer waren. Aber auch als Stürmer habe ich immer verantwortungsbewusst und eher sicher gespielt.
Und dann kam 2006 Doug Mason als neuer Trainer.
Er hat zu mir gesagt, dass ich bei ihm als Stürmer nicht über die dritte Reihe hinauskommen würde. Wir hatten dann ein Vorbereitungsspiel gegen Ratingen und weil Lasse Kopitz bei der Nationalmannschaft war, habe ich als Verteidiger gespielt. Dann hat Doug mich gefragt, ob ich das immer machen möchte und mir versprochen, dass ich dann in einem Jahr Nationalspieler werden würde. So ist es auch gekommen. Noch mal ein Dank an Doug, zu dem ich immer eine gute Verbindung hatte.
1000 Spiele bedeuten auch viele gute Momente. Welche haben bei Ihnen den meisten Eindruck hinterlassen?
Der 10:0-Heimsieg gegen Tabellenführer Ingolstadt und mein Faustkampf mit Christoph Melischko im November 2006 fällt mir ein. Oder das DEL-Rekordspiel 2008 im Playoff-Viertelfinale gegen Mannheim mit sechs Verlängerungen und Philip Gogullas Siegtreffer. Oder die Viertelfinalserie gegen Ingolstadt, als wir schon 1:3 zurücklagen und in Spiel sieben Zuhause noch 4:3 gewonnen haben. Das verlorene Finale gegen Ingolstadt 2014 in Spiel sieben in unserer Arena natürlich und die Winter Games. Und noch eine Szene geht mir nicht aus dem Kopf.
Welche?
Es war das erste Spiel der Finalserie 2008 gegen Berlin. Da bin ich aufs Eis gesprungen und habe gemerkt, dass ich an dem Tag keine Beine habe. Das konnte nicht sein, mein erstes Finalspiel und ich habe keine Beine.
Solche Tage gibt es doch aber immer mal wieder, oder?
Ja, es ist aber häufig eine mentale Geschichte. Bei unserem jüngsten Sieg in München habe ich mich vor dem Spiel katastrophal gefühlt. Dann habe ich das 1:0 geschossen und dachte ich wäre zehn Jahre jünger. Die Kunst ist es, an einem Tag, an dem man sich nicht gut fühlt, nicht ins Bodenlose zu fallen.
Welches war Ihr bestes Spiel?
Bei den 999 war das ein oder andere sehr gute dabei. Das Beste war vielleicht gegen Edmonton mit Leon Draisaitl, aber das war kein DEL-Spiel. Mir fällt auch eines in Iserlohn ein, als wir nach Verlängerung gewonnen haben. Die Roosters haben sich in der Saison von der Niederlage nicht mehr erholt.
Mit Iserlohn verbindet Sie sowieso eine besondere Geschichte, nicht nur weil sie dort am Freitag Ihr 1000. Spiel bestreiten. Kanadische 1c-Nationalmannschaft ist das Stichwort.
Ich habe auf einen Missstand hingewiesen. Es ist nicht gut für den deutschen Eishockey-Nachwuchs, wenn so viele Spieler eingebürgert werden. Iserlohn hatte damals nur zwei deutsche Spieler. Ich habe meine Meinung dazu gesagt, dann kamen noch der Kampf mit Colton Teubert und unsere schlechte sportliche Situation dazu. Da sind die Gäule mit mir durchgegangen.
Jetzt wird es speziell. DEL-Rekordspieler Mirko Lüdemann hat als Verteidiger sein 1000. DEL-Spiel für die Haie am 24. Februar 2013 gemacht. Genau zehn Jahre später knacken Sie als Verteidiger der Haie die Marke am 24. Februar 2023.
Wahnsinn, oder?
Allerdings, ist „Lüde“ für Sie ein Vorbild gewesen?
In gewisser Weise auf jeden Fall. Er hat mich mitgeprägt und ich habe ihm immer sehr gerne beim Spielen zugeschaut.
Welcher Typ Mensch ist man, wenn man 1000 Spiele nur für einen Club macht?
Ein Geisteskranker? (lacht). Nein, ich würde lügen, wenn ich nicht sage, es gab keine Momente, in denen ich weg wollte. Aber immer wenn die Entscheidung anstand, habe ich es nicht gemacht. Loyalität ist einer meiner Grundcharakterzüge. Wenn mich jemand hintergangen hat, kann ich danach nur ganz schwer noch einmal Vertrauen aufbauen. Jemand hat mal zu mir gesagt, ich hätte es mir leicht gemacht, nur bei einem Verein zu blieben. Ich finde, es ist genau das Gegenteil, weil es hier in Köln viele schwierige Phasen gab, die ich auch richtig zu spüren bekommen habe. Da wäre es einfach gewesen, alles hinter sich zu lassen und zu gehen, um etwas Neues zu machen.
Sie übernehmen gerne Verantwortung?
Ja, ich wollte schon immer gerne Verantwortung haben. Und mit dem Älterwerden habe ich gelernt, wie ich besser mit ihr umgehen kann.
Wie lange wollen Sie noch spielen? Den Rekord von „Lüde“ mit 1199 Spielen knacken?Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. So etwas kann man nicht im Voraus planen. Aktuell fühlt es sich noch sehr gut an. Körperlich ist alles da, die Leistung stimmt und es macht Spaß. Ich klammere mich aber auch nicht dran.
Es heißt, Sie würden nach ihrer Karriere in den Nachwuchsbereich gehen?
Ich habe mich den Junghaien angeboten, aber das ist nur ehrenamtlich. Ich möchte den Kindern gerne möglichst viel von meinen Erfahrungen weitergeben und so auch dem Eishockey verbunden bleiben.
Und ein Job als Trainer?
Kommt nicht in Frage, ich sehe ja wie anstrengend das ist. Außerdem ist der Trainerjob zeitlich begrenzt und nicht Standortbezogen. Ich denke da vor allem an meine Familie. Ich möchte meine drei Töchter nicht aus der Schule nehmen wollen. Auch oder gerade, weil ich als Kind viel rumgekommen bin.
Vielleicht spielen Sie so lange, bis Sie Meister geworden sind. Ihre Karriere ist ohne Titel doch unvollendet. Die bislang letzte Meisterschaft der Haie war 2002, also kurz bevor Sie Ihr Debüt gegeben haben?
Irgendwie schon. Das schmerzt und wird zur Sache. Und die Sache dann zu dir, an der du gemessen wirst. 2014 hatten wir gegen Ingolstadt die Chance. Da hatten wir die Mannschaft für einen Titel. Danach in den Jahren waren die Haie eher auf der Suche nach ihrer Seele und nicht in einer Position, Meister werden zu können. Diese Saison ist das erste Mal das Gefühl wieder da, in die richtige Richtung unterwegs zu sein.
Also ist nach dem 1000. Spiel auch noch der erste Titel drin?
Die direkte Qualifikation für das Viertelfinale wäre wichtig, um sich gut vorbereiten zu können. Es ist alles drin. Und einen Titel habe ich schon. Ich bin 2004 mit den Haien Deutscher Pokalsieger geworden (lacht).

