Abo

Interview

Wunderlich und Westendorf
„Wir bleiben mit Fortuna und Viktoria im Schatten des 1. FC Köln“

8 min

Fortuna Kölns Präsident Hanns-Jörg Westendorf (links) und Viktoria Kölns Sportvorstand Franz Wunderlich zu Gast im Neven DuMont Haus.

Der Viktoria-Sportvorstand und der Fortuna-Präsident sprechen über das Pokalfinale, die Rivalität der Klubs, die Infrastruktur in Köln und die Herausforderungen der Dritten Liga.

Herr Wunderlich, was gefällt Ihnen bei Fortuna Köln besonders gut?

Franz Wunderlich: Die persönlichste Verbindung habe ich zu Hanns-Jörg Westendorf und seinem Sohn Timo. Es wurde immer gesagt, dass mein Sohn Mike und ich die Viktoria sind. Dann sind die beiden die Fortuna. Sie leben für den Verein, stecken enorm viel Zeit und Mühe rein. Das kann kaum jemand so gut nachvollziehen wie ich selbst. Und wenn du jetzt nach sieben Jahren in der Regionalliga Meister wirst, dann ist es ein verdienter Aufstieg. Davor habe ich einen Riesen-Respekt. Gerade, weil die Fortuna finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Wie wir es, das muss man klar sagen, auch nicht mehr sind.

Herr Westendorf, was imponiert Ihnen bei Viktoria Köln?

Hanns-Jörg Westendorf: Vor allem der Einsatz von Franz Wunderlich. Niemand anders hatte so großen Einfluss auf Franz-Josef Wernze (früherer Mäzen der Viktoria, d. Red.). Nur dank Franz gab es die finanziellen Möglichkeiten für die Viktoria, um sich so gut aufzustellen. Jetzt ist der Verein seit sieben Jahren in der Dritten Liga, inzwischen fest etabliert und richtig konstant – wie man in der aktuellen Saison gesehen hat. Dem gebührt viel Respekt, zumal ihr ja inzwischen auch gucken müsst, dass ihr euer Geld zusammenhaltet.

Ist der geglückte Aufstieg inzwischen richtig angekommen?

Westendorf: Mittlerweile ja. Aber es waren emotionale Tage, gerade nach dem Paderborn-Spiel, wenn man auf der Zielgeraden ist und einem plötzlich Szenarien durch den Kopf gehen, was vielleicht noch passieren kann. So war es dann wie gemalt: Heimspiel mit vollem Südstadion, schönes Wetter, einem Sieg und einer großen Euphorie. Wir haben ziemlich gut gefeiert.

Die Fortuna hat ihr Umfeld in der Südstadt, wir haben unseres im Rechtsrheinischen. Letztlich werden beide Vereine aber weiter im Schatten des 1. FC Köln bleiben
Franz Wunderlich, Sportvorstand des FC Viktoria Köln

Sind die letzten Details der Lizensierung geklärt?

Westendorf: Ja, wir als Vorstand haben eine Bankbürgschaft nachgereicht. Jetzt gibt es nur noch das Thema Modernisierung des Flutlichts, aber da sind wir in Gesprächen mit der Stadt. Ich habe keinerlei Zweifel, dass wir alle Auflagen und Bedingungen erfüllen werden.

Köln ist nun die einzige Stadt in Deutschland mit drei Profifußballvereinen.

Wunderlich: Das ist natürlich sehr schön für Köln. Ich glaube auch, dass die Stadt das gut verkraften kann. Die Fortuna hat ihr Umfeld in der Südstadt, wir haben unseres im Rechtsrheinischen. Letztlich werden beide Vereine aber weiter im Schatten des 1. FC Köln bleiben.

Herrscht beim Thema Sponsoren nun eine noch größere Konkurrenzsituation mit zwei Drittligisten?

Wunderlich: Erst einmal gräbt der FC ja das allermeiste ab, das ist bei seiner Größe ja auch ganz normal. Dann kommen noch die Kölner Haie, die eine super Saison gespielt haben. Die Fortuna und wir müssen dann gucken, was noch bleibt, jeder für sich. Wenn wir dann einen Sponsor verlieren und der auf die andere Rheinseite geht, dann wird er seine Beweggründe haben. Aber die mittelständigen Unternehmen aus dem Rechtsrheinischen, die bleiben bei uns in der Regel. Und umgekehrt wird auch keine kleinere Firma aus der Südstadt nach Höhenberg gehen.

Fußball Mittelrheinpokal Finale SC Fortuna Köln - Viktoria Köln am 21.05.2022 im Sportpark Höhenberg in Köln Tor zum 2:0 durch Youssef Amyn  Köln  *** Soccer Mittelrheinpokal Final SC Fortuna Köln Viktoria Köln on 21 05 2022 at Sportpark Höhenberg in Cologne Goal to 2 0 by Youssef Amyn Cologne xHDx

Viktoria Köln und Fortuna Köln standen sich 2022 zuletzt im Finale des Mittelrhein-Pokals gegenüber. Viktoria gewann das Spiel mit 2:0. Youssef Amyn (M.) trifft in dieser Szene zum 2:0.

Zwischen Ihnen beiden klingt das jetzt alles sehr harmonisch. Aber brauchen sowohl die Viktoria als auch die Fortuna nicht diese Rivalität, um ihr jeweiliges Image zu schärfen?

Westendorf: Natürlich ist die Rivalität wichtig, die soll auch auf dem Spielfeld gelebt werden, zum Beispiel am Samstag im Pokalfinale (15.30 Uhr im Sportpark Höhenberg, d. Red.). Aber man muss vorsichtig sein, wo solche Dinge hinführen. Wir sollten es nicht übertreiben.

Wunderlich: Hanns-Jörg und ich verstehen uns persönlich auch einfach gut, obwohl es auch schonmal gekracht hat. Aber das Kölsche verträgt sich dann doch immer wieder.

Können sich Fortuna und Viktoria zusammentun, um eine bessere Verhandlungsposition der Stadt gegenüber bei Themen wie der Modernisierung der Infrastruktur zu bekommen?

Wunderlich: Das wäre schön. Der Bedarf ist auf jeden Fall da. Die Auflagen des DFB werden auch immer höher. Wir haben Glück, dass wir uns vor Jahren schon mit dem Geld von Franz-Josef Wernze unsere Trainingsanlage in Neubrück bauen konnten, mit einem super Rasen und dem Kraftraum hier am Stadion. Ansonsten muss man sagen, dass die Fortuna und die Viktoria beim Thema Infrastruktur ganz unten in der Dritten Liga stehen. Das ist auch ein Problem, weil die Spieler immer mehr Wert auf diese Dinge legen. Darum haben wir im vergangenen Sommer unsere Kabine komplett neu gemacht, mit Eisbädern und Sauna. Aber die Kabinen für die Gäste und andere Räume im Stadion – die sind zwar sauber, aber eigentlich nicht drittligawürdig. Wenn wir dann zu Gast in Osnabrück, Dresden oder Rostock sind, da werden die Augen schon groß. Ist es bei euch anders?

Westendorf: Nein, aber das ist ja auch bekannt. Eine gute Entwicklung ist, dass wir mit Torsten Burmester jetzt einen Oberbürgermeister haben, der zumindest zuhört und sich mit den Dingen beschäftigt. Bei uns ist die Parkplatz-Situation ein Riesen-Thema. Dann werden wir in Eigenregie den Bereich Stehplatz Mitte überdachen, wollen den Ascheplatz im Jean-Löring-Sportpark in einen Kunstrasen umwandeln und das Trainingsfeld der Profis modernisieren. Ich glaube, dass sich die Stadt geistig von ihrer Vision für den gesamten Sportpark und das Drumherum schon verabschiedet hat – da würde nie jemand diese 100 Millionen Euro aufbringen.

Wo sehen Sie den größten Vorsprung der Viktoria, den es aufzuholen gilt?

Westendorf: Wir wollen erst einmal unsere sportliche Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis stellen. Die Viktoria hat es immer wieder fertiggebracht, Spieler aus dem eigenen Nachwuchs oder den Nachwuchsbereichen anderer Vereine zu Profis zu entwickeln. Diesen Weg müssen wir auch gehen. Da ist die Viktoria ein Vorbild.

Was ist Fortunas Lockmittel?

Westendorf: Das familiäre Umfeld. Wir sind nur ein paar Leute, die in das Tagesgeschäft involviert sind. Kein Riesen-Verein mit Aufsichtsrat oder so. Das ist schon ein großer Vorteil. Und sonst: Improvisation. Wir locken vermutlich niemanden mit dem Stadion, das ist ja eher Opas Kino. Ich glaube, dass es für junge Spieler hier, aber auch bei der Viktoria, einen viel kleineren Entwicklungsdruck gibt als bei Rostock oder Essen.

Die Viktoria kann oft mit ihrem NLZ punkten. Ist es denkbar, dass die Fortuna auch eines bekommt?

Westendorf: Ausgeschlossen ist es nicht, auch wenn es natürlich mit hohen Kosten und hauptamtlichen Kräften verbunden ist. Aber wir wollen eins nach dem anderen angehen: Tribünendach, Kunstrasen – und dann mal schauen.

Wunderlich: Wir sind stolz auf unserer NLZ, aber es ist für einen kleinen Drittligisten auch ein großer finanzieller Kraftakt, es zu betreiben.

Bleibt die Viktoria auf absehbare Zeit ein Ausbildungsverein?

Wunderlich: Ja, das ist unser Weg, den wir seit vier Jahren mit Erfolg gehen – natürlich auch dem finanziellen Zwang geschuldet. Wir haben in den vergangenen sieben Jahren 17 Nachwuchsspieler in die Profiligen gebracht. Und noch viele weitere entwickelt. Wie Said El Mala oder Sidny Cabral, der jetzt bei Benfica spielt. Da sind dann auch immer wieder schmerzhafte Abgänge dabei, die wird es auch in diesem Sommer geben. Gleichzeitig sind wir inzwischen eine richtig gute Adresse bei Spielern und Vereinen. Wir haben ein ruhiges Umfeld, wenig Stress. Woanders könnten junge Spieler mit Sicherheit 2000 Euro pro Monat mehr verdienen. Aber wir haben nachgewiesen, dass sie hier den nächsten Schritt machen können – wie in dieser Saison Tim Kloss oder Leo Münst.

Ist es nicht ernüchternd, jeden Sommer die Mannschaft mehr oder weniger von Grund auf neu zu bauen?

Wunderlich: Das kostet natürlich Kraft. Aber letztlich wissen alle, worauf sie sich eingelassen haben – auch wenn die Trainer die besten Spieler natürlich gerne halten wollen. Valentin Schäfer (seit wenigen Monaten Viktorias Sportlicher Leiter, d. Red.) kam neulich zu mir und sagte, dass er froh ist, jetzt Urlaub zu haben. Dabei ist er erst fünf Monate dabei! Lass ihn mal drei, vier Jahre machen – dann sieht er so aus wie ich (lacht).

Wenn  jemand wie Klaus Ulonska mit viel Geld und einem großen Herz um die Ecke käme, würden wir uns nicht verschließen. Oder wie ein Herr Wernze. Wobei er natürlich kein Investor war
Hanns-Jörg Westendorf, Präsident von Fortuna Köln, über den Einstieg eines Investors

Wird es zwischen Viktoria und Fortuna zu größeren Transfermarkt-Duellen um Spieler kommen?

Westendorf: Ich glaube nicht, dass wir uns ins Gehege kommen werden. Dafür gibt es dann einfach auch zu viele gute Spieler in diesem Segment, gerade bei den ganzen U-Mannschaften der Bundesligisten.

Nach Fortunas Abstieg 2019 und dem Abschied von Investor Michael Schwetje haben Sie gesagt, dass es in der Südstadt nie mehr einen Investor geben würde. Bleibt es dabei?

Westendorf: Zunächst haben wir fünf Vorstände uns in die Spielbetriebs-GmbH eingekauft, um ein bisschen aufzurüsten. Aber einen Investor á la Schwetje, der tatsächlich Geld verdienen will, wird es nicht mehr geben. Wenn andererseits jemand wie Klaus Ulonska mit viel Geld und einem großen Herz um die Ecke käme, würden wir uns nicht verschließen. Oder wie ein Herr Wernze. Wobei er natürlich kein Investor war.

Wunderlich: Er war Mäzen. Und so einen wie ihn wird es nie wieder geben, da kann man sicher sein. Genauso wird es nie wieder einen Jean Löring geben.

Wie läuft Viktorias Investorensuche?

Wunderlich: Wir sind in guten Gesprächen, aber es muss passen. Wichtig ist, dass wir unsere Identität behalten und an einem gemeinsamen Strang ziehen.

Wie blicken Sie beide auf die kommende Drittliga-Saison?

Westendorf: Wie es gerade aussieht, werden wir ja viele West-Klubs haben, damit kurze Anfahrten und viele Fans. Wir hoffen, dass das Südstadion mit den Gästefans regelmäßig voll sein wird. Gleichzeitig ist die sportliche Herausforderung riesig. Da müssen wir uns irgendwie etablieren, das geht nicht ohne Verstärkungen des Kaders.

Wunderlich: Ich bin voller Vorfreude! Die Liga ist einfach verrückt. Und nächste Saison wird sie noch brutaler. Wenn meine Informationen stimmen, dann sind Großaspach und Meppen richtig gute Aufsteiger, da steckt echt was dahinter – mehr als bei Havelse oder Schweinfurt. Unser oberstes Ziel werden wieder die 45 Punkte. In dieser Saison haben ja 36 zum Klassenerhalt gereicht, das wird es bestimmt nicht nochmal geben.

Wie sieht der Etat der Fortuna für die Dritte Liga aus?

Westendorf: Wir gehen für den kompletten Spielbetrieb der Profis mit Mannschaft, Staff, inklusive Reisen, Stadion und allem drumherum von 4,5 bis 5 Millionen Euro aus.

Wunderlich: Das wird bei uns mit Sicherheit nicht mehr sein.

Am Samstag kommt es zum Pokalfinal-Derby. Ist es ein unfairer Vorteil, dass es in Höhenberg stattfindet?

Westendorf: Ich spiele lieber in Höhenberg als in Bonn. Natürlich bringt das der Viktoria einen Vorteil. Sie verfügen über eine hohe individuelle Qualität und spielen einen hervorragenden Fußball. Trotzdem haben wir das Momentum auf unserer Seite. Unsere Fans werden mit ihrer ganzen Wucht das Finale akustisch zu einem Heimspiel machen, und auch zahlenmäßig werden wir klar in der Überzahl sein. Dennoch geht der klassenhöhere Gegner zunächst als Favorit ins Spiel.

Wunderlich: Mit den Auswärtsspielen zu Hause kennen wir uns natürlich gut aus, die haben wir regelmäßig. Das macht uns nichts aus. Wir spielen auf unserem Geläuf, einem super Platz. Aber man kann sich sicher sein: Wir werden die Fortuna nicht unterschätzen. Wir wissen, was auf uns zukommt. Die Fortuna wird unangenehm sein, gerade mit dieser Euphorie im Rücken. Aber wir werden das auch sein.

Westendorf: Es wird ein 50-50-Spiel. Im Pokal hatten wir mit Aachen ja schon einen Drittligisten. Das haben wir 1:0 gewonnen – wenn auch nicht unbedingt verdient. Aber die Jungs sind heiß, die wollen das Double.

Wie groß ist die Sehnsucht der Fortuna nach dem DFB-Pokal? Die letzte Teilnahme liegt 13 Jahre zurück.

Westendorf: Die ist natürlich riesig. Wir sind seitdem immer gescheitert, gegen Viktoria und Bonn im Endspiel, sonst auch schonmal krachend in der Vorrunde gegen irgendein Dorf.