Berlin – Fußballer sind Darsteller - das gilt nicht nur für diejenigen, die tatsächlich einen Filmauftritt hatten wie Paul Breitner („Potato Fritz“) oder Berti Vogts („Tatort: Habgier“). Längst unterstreichen die Kicker auch auf dem Rasen mit allerhand Gestik und Mimik, was gerade in ihnen vorgeht. Die WM 2014 macht das besonders deutlich. Da bei dem medialen Großereignis nahezu jedes Zucken des Mundwinkels per Superzeitlupe eingefangen wird, kann der Zuschauer auch jede nach außen gekehrte Gefühlsregung bestens beobachten. Eine unvollständige Übersicht bemerkenswerter Darstellungen und der dafür nötigen Körperteile:
DER FINGER
Der ausgestreckte Zeigefinger ist in Deutschland zum Zeichen des Erfolgs avanciert. Nicht nur Sebastian Vettel bedient sich nach Formel-1-Siegen dieser simplen Geste, auch bei Deutschlands bestem WM-Torschützen Thomas Müller schnellt der Finger in die Höhe, wenn es wieder „gemüllert“ hat. Keine aufwendige Tanz-Choreografie in der Fankurve, kein Küsschen auf den eintätowierten Namen der Liebsten - nur der Finger. Müller unterstreicht damit, was sich mancher Fan vom deutschen Team erhofft: keine Schnörkel auf dem Weg zum Ziel. Immer dem Zeigefinger nach.
DAS HERZ
Brasilien ist nicht nur das Land von Samba, Zuckerhut und Fußball, sondern auch das der Telenovelas. In den mitunter recht schmalzigen Fernsehserien wird geliebt, geschmust, getröstet. Bei der WM finden sie ihre Fortsetzung. So wie beim Spiel Chile gegen Spanien, das bekanntlich ein ungutes Ende für den Weltmeister nahm. Chiles Alexis Sanchez umarmte danach eindringlich Spaniens Andres Iniesta. Die beiden kennen sich vom FC Barcelona. Und zeigen der Welt damit: Fußball ist mehr als ein Kampf kalkulierender Millionäre. Auch wenn das mit dem Trost natürlich etwas leichter von der Hand geht, wenn der Weltmeister gerade aus dem Turnier geschossen wurde.
DIE FINGER UND DAS HERZ
Landet bei der WM ein Ball im Tor, gehen die Herzen auf - nicht nur bei den jubelnden Fans. Brasiliens Neymar machte es nach dem Elfmeter-Krimi gegen Chile, Argentiniens Ángel di María nach dem Siegtreffer gegen die Schweiz und Kevin de Bruyne nach seinem Tor gegen die USA: Ein Herz, geformt mit den Fingern. Eine generelle Deutung verbietet sich - die Kicker wissen je selbst am besten, wer sich angesprochen fühlen darf.
DIE SCHULTER
Was die Brasilianer vor ihren Spielen aufführen, nennen Spötter die schönste Polonaise seit Gottlieb Wendehals („Polonäse Blankenese“). Die rechte Hand auf der rechten Schulter des Vordermanns ziehen sie ins Stadion ein. Allerdings ist davon auszugehen, dass Neymar und Co noch nie von einem Gottlieb Wendehals gehört haben. Was sie wohl zeigen wollen: Die Zeit der Individualisten ist vorbei. Wer gegen Brasilien antritt, spielt gegen eine eingeschworene Truppe. Nur bei den Gegnern kommt das noch nicht immer an. Die haben nämlich oft das Gefühl, vor allem gegen Neymar zu spielen.
DIE AUGEN
Die Bekreuzigung vor dem Anpfiff oder nach dem Tor gehört mittlerweile von Bolzplatz bis WM-Stadion zum Standard-Repertoire des Fußballers. Was in Brasilien hinzukommt: der Blick gen Himmel. Die Spieler wollen scheinbar zeigen: Eine glückliche Fügung kommt nicht von ungefähr. So wie bei Mario Götze, der mit einem, nun ja, doch eher zweitklassigen Kopfball ans eigene Knie gegen Ghana traf. Oder bei Brasiliens Fred, als er den ersehnten Elfmeter-Pfiff im Auftaktspiel gegen Kroatien hörte. Dankend blickte der Stürmer in Brasiliens Himmel. Oder eher bange? Der liebe Gott soll ja bekanntlich mehr sehen als der Schiedsrichter. (dpa)
