Paris – Als sich Oscar Otte im Dezember 2015 im schwäbischen Biberach die deutsche Tennis-Meisterschaft erkämpfte, hoffte er auch auf neuen Rückenwind für seine Karriere. Aber es ging dann keineswegs geradlinig und stetig nach oben für ihn. Otte erlebte, was so vielen im Verschleißbetrieb des Wanderzirkus passiert. Erst war er im Jahr 2016 wegen einer Knieoperation außer Gefecht gesetzt, später wurde bei ihm auch noch das Pfeiffersche Drüsenfieber diagnostiziert. Der Kölner Tennisprofi erinnert sich, „dass die Systeme da erst auf einmal auf Null gesetzt waren und nichts mehr ging“. Monate brauche man, um wenigstens wieder bei 70 oder 80 Prozent zu sein, so Otte, „da merkst du erst mal, wie wichtig Gesundheit und Fitness in diesem Job sind“.
Lange Zeit war Otte bei den Future-Turnieren unterwegs gewesen, es ist die dritte Stufe der weltweiten Tennis-Hierarchie. Aber dann gewann er 2017 in Portugal plötzlich ein Challenger-Turnier, eine Stufe höher. Otte: „Da spielst du gegen Leute aus den Top 200, manchmal sogar auch Top 100. Es war jedenfalls ein Wahnsinnsmoment, dieser Sieg. Der beste Moment, den ich hatte als Profi bis dahin“, sagt der 25-jährige und erinnert sich noch an die „brutale Hitze“ damals, mit Temperaturen um die 40 Grad.
Sprung in die ATP-Tour ist schwieriger denn je
Otte setzte sich auf der Challenger-Tour fest, aber den regelmäßigen Sprung zu den ATP-Tour-Wettbewerben oder gar den Grand Slams schaffte er noch nicht. Es ist auch ein Sprung, der gerade in dieser modernen Tennisära schwieriger denn je ist, mit der massiv angestiegenen Athletik in der Branche, auch der Professionalisierung selbst bis in Weltranglisten-Bereiche jenseits der Top 100. Stillstand, weiß Otte zur Genüge, wäre ohnehin Rückschritt.
Er sieht das ja selbst bei seinem großen Idol, beim Maestro Roger Federer. Auch der ist sich zwar als Person und Persönlichkeit stets treu geblieben, als Spieler hat er aber auch gewaltige Wandlungsprozesse durchlebt. Oft hat sich Federer neu erfunden, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Am Mittwoch lebte Otte schließlich seinen Traum, er war ja auf kuriose Weise noch zur richtigen Zeit am richtigen Ort – plus Glückseffekt wie beim Lotto-Sechser.
Auftritt geprägt von Mut, Mumm und Courage
Als Lucky Loser sprang er ins Hauptfeld, siegte in Runde eins gegen den Tunesier Malik Jaziri und war auf einmal Spielpartner Federers auf dem Centre Court. Otte erstarrte allerdings nicht in Ehrfurcht vor seinem überlebensgroßen Rivalen, ganz im Gegenteil. Sein Auftritt war geprägt von Mut, Mumm und Courage, der junge Bursche habe sich „bravourös verkauft“ und sich „nicht abkochen lassen“, befand DTB-Herrenchef Boris Becker denn auch hinterher bei Eurosport. Otte ärgerte sich allerdings über „Unentschlossenheit hier und da“, speziell bei den Big Points, noch spezieller bei zwei Breakchancen, die ihm zu einer 3:1-Führung im dritten Satz hätten verhelfen können. „Aber wenn du zu passiv bist, ist Roger gnadenlos. Dann dreht er dich durch die Mühle, dann kannst du gleich zu deinem Handtuch gehen – der Punkt ist nämlich gelaufen“, weiß Otte. Ohnehin gebe Federer „nicht viel her“, verteile „kaum Geschenke“.
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Bei ihm selbst meldeten sich plötzlich „Leute, von denen ich seit Ewigkeiten nichts mehr gehört habe. Auf meinem Handy waren Nachrichten ohne Ende“. Darüber dachte er aber nicht lange nach, sondern eher darüber, was ihm dieses Spiel bedeutet hatte. Und was es für die Zukunft bedeuten würde. „Es war der große Moment meiner Karriere. Bis hierhin. Ein Erlebnis, das immer in meinem Kopf, in meinem Herzen bleiben wird“, sagt Otte. „Ich hoffe, dass es auch eine Inspiration wird, mich weiter motiviert auf meinem Weg.“
Otte hat noch seine Träume, er will bald unter die Top 100, regelmäßig Grand Slams spielen und im Davis Cup für Deutschland aufschlagen. Er hat auch das Potenzial dafür. „Nur eben noch nicht die Konstanz, das gute Niveau dauerhaft“, wie er selbst sagt, „aber ich arbeite dran.“ Aber es spukte ihm dann doch wieder das Federer-Match im Kopf herum, die verpassten Chancen gegen den Tennis-Titanen: „Wenn ich später mal dran denke, werde ich mir in den Allerwertesten beißen.“


