Emma ist 25 Jahre alt. Die Lust auf Großstadtleben zog sie vor einigen Monaten vom Land nach Köln, beruflich hat sie mit Kindern zu tun, sie lebt in einer Wohngemeinschaft. Dennoch ist Emma einsam.
AOK-Dialog mit FachleutenGemeinsam gegen Einsamkeit

Die Teilnehmenden des „Walk and Talks“ der AOK Rheinland/Hamburg.
Copyright: Martina Goyert
So wie der 25-Jährigen geht es vielen: ob jung oder alt, Studentin oder Rentner, Karrieremensch oder arbeitslos, zugezogen oder heimisch, alleinstehend oder verheiratet, arm oder reich, hilfsbedürftig oder vermeintlich gesund. Laut statistischem Bundesamt fühlen sich 16 Prozent der Deutschen sozial isoliert – das entspricht mehr als zwölf Millionen Menschen.
„Wir sprechen da nicht mehr über ein Nischenthema“, sagte Sandra Kisters-Nuderscher, Regionaldirektorin der AOK Rheinland/Hamburg. Die Gesundheitskasse will Einsamkeit sichtbar machen, vor allem aber mit dem Tabu und der Scham brechen. Es gehe um einen Bewusstseinswandel, so Kisters-Nuderscher beim von der AOK organisierten „Bewegten Dialog gegen Einsamkeit“: „Wir haben den Anspruch, nicht erst aktiv zu werden, wenn aus Einsamkeit Krankheit resultiert. Wir wollen vor die Welle kommen.“ Bei einem Spaziergang durch die Wahner Heide, ausgehend vom Gut Leidenhausen in Porz, kamen Expertinnen und Experten unterschiedlicher Organisationen ins Gespräch, tauschten Ideen aus, knüpften Kontakte. Das Ziel: „Die Region zu einem sichtbaren Ort gegen Einsamkeit machen und gemeinsam etwas für die Stadt Köln erreichen“, so die AOK-Regionaldirektion.
Vielschichtiges Problem

Den „Bewegten Dialog gegen Einsamkeit“ moderierte KStA-Chefreporterin Claudia Lehnen, hier im Gespräch mit Karin Ohler von der Caring-Community Köln.
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Schnell wurde die Vielschichtigkeit des Komplexes deutlich. „Einsamkeit ist ein generationenübergreifendes Thema, von der Geburt, bis ins hohe Alter“, sagte Ute Aldenhoff, Referentin Altenpastoral und Geistliche Begleiterin des Erzbistums Köln. „Wir sprechen hier über ein Gefühl – hochsensibel und hochsubjektiv, es gibt keine feste Definition. Deshalb ist es auch so schwer, Einsamkeit zu entdecken“ – eine Herausforderung, die ihr im Bereich der Seelsorge begegne.
Musa Deli, Leiter des Gesundheitszentrums für Migranten, ist selbst Sohn türkischer Gastarbeiter. „Für mich ist Einsamkeit ein Lebensthema.“ Er machte insbesondere darauf aufmerksam, dass viele Migranten betroffen sind. „Migration hat viel mit Brüchen zu tun, mit Entwurzelung, mit Ihr versus Wir“, sagte der Soziologe und plädierte dafür, den interkulturellen Ansatz beim Thema Einsamkeit mehr in den Blick zu nehmen. Eva Schwarz, Projektkoordinatorin des Buddy-Projekts, berichtete derweil von ihrer Arbeit mit Schwerstkranken. „Viele von ihnen leiden darunter, nur noch als ihre Krankheit wahrgenommen zu werden und nicht mehr in ihrem ganzen Menschsein.“ Es gebe aber auch die weniger offensichtliche Fälle. „Da sind Kranke, die haben täglich viele Leute um sich herum, die sich kümmern – Familie, Pflege, psychosozialer Dienst – und trotzdem fühlen sie sich unendlich einsam. Sie haben plötzlich keine Freunde mehr.“
Doch welche Hilfsangebote gibt es bereits? Und was hindert Menschen daran, diese wahrzunehmen? Häufig werde das Internet als Ort für Begegnungen angepriesen, kritisierte Nils Freund von der Caritas. Da gibt es die vermeintlich „sozialen“ Medien, aber auch Dating-Apps, und Plattformen zum Freunde finden. „Das ist nicht die Lösung, denn reale Begegnungen finden trotzdem kaum statt.“ Zudem hätten viele – gerade junge Menschen – durch zunehmende Mediennutzung, die Corona-Jahre und Home-Office-Regelungen verlernt, in direkten Kontakt mit anderen zu treten, ergänzte Mechthild Böll, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen. Beziehungen aufzubauen, koste da immer mehr Energie.
Orte der Begegnung schaffen

Musa Deli, deutsch-türkischer Soziologe, schilderte die Eindrucke aus der migrantischen Community Kölns.
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Deshalb wurde auch darüber diskutiert, wie die Anstrengungen minimiert werden können und welche Orte sich besonders gut eignen, um Begegnungen zu fördern. Jugendhilfeeinrichtungen und Bürgerzentren etwa, aber auch Sportvereine und kostenlose Bewegungsmöglichkeiten, schlug Tanja Reinisch von der FC-Stiftung vor. Sport könne ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen und dafür sorgen, dass Menschen sich zugehörig fühlen. Unter anderem bietet die Stiftung Projekte für Obdachlose an.
Außerdem sind da natürlich die Selbsthilfegruppen. Dort fühle er sich mit seinen Verlassenheitsgefühlen nicht wie ein Exot, erzählte der Leiter einer solchen Initiative, der selbst betroffen ist. Die Treffen würden seine Lebensqualität erhöhen, genauso wie das ehrenamtliche Engagement: „Auch wenn die Einsamkeit nicht verschwindet, hat man eine Art Anker.“ Karin Ohler von der Caring-Community brachte sogenannte „Plauderbänke“ ins Spiel – Sitzgelegenheiten als niedrigschwellige Orte des Zuhörens, auf Plätzen oder Friedhöfen, vor Krankenhäusern oder in Supermärkten. „Eben da, wo Leben in Köln stattfindet.“ Über eines herrschte Einigkeit: Kontaktmöglichkeiten müssen in den öffentlichen Raum verlegt werden, in die Veedel, an Orte, die ohne terminlichen Druck den Zwang des Kennenlernens rausnehmen. Der Kampf gegen Einsamkeit sei daher auch eine städtebauliche Aufgabe.
Die größte Herausforderung für alle Beteiligten besteht nun nicht nur darin, die Strukturen zu stärken und Ideen gemeinsam umzusetzen, sondern überhaupt erst einmal die Betroffenen zu finden. Um Hilfsangebote zu vermitteln, müssten auch Hausarztpraxen, Kirchen oder Moscheen, Schulen und Arbeitgeber eingebunden werden. „Es gibt nicht die eine Lösung, die Einsamkeit abschafft. Es geht um viele kleine Angebote“, sagte Sandra Kisters-Nuderscher von der AOK. Zumindest in der Arbeit gegen Einsamkeit fühlt man sich nach dem Netzwerktreffen in Köln nun verbunden.
Weitere Infos
Bei der Woche der mentalen Gesundheit im Oktober bietet die AOK Rheinland/Hamburg auch kostenfreie Veranstaltungen mit wertvollen Impulsen für mehr innere Balance, Entspannung und Wohlbefinden im Alltag – auch zum Thema Einsamkeit. Unter dem Titel „Sprechen und Zuhören“ steht der offene Austausch über das eigene Erleben im Mittelpunkt. Geleitet werden die Seminare von der Diplom-Psychologin Miriam Unverzagt. Im Teil „Sprechen“ kommen alle zu Wort und können ihre persönlichen Gedanken und Gefühle in einer Kleingruppe mitteilen. Alle Teilnehmenden erhalten die gleiche Redezeit. Im Formatteil „Zuhören“ wird aktiv zugehört, ohne zu beurteilen oder zu reagieren. Dabei entsteht eine spannende Form des Austauschs. Teilnehmende müssen nicht von Einsamkeit betroffen sein, sondern sie können hier ebenso nur zuhören.
Sprechen und Zuhören für Erwachsene
Datum: Montag, den 12.10.2026
Ort: AOK-Haus
Köln am Neumarkt,
Neumarkt 18a, 50667 Köln
Uhrzeit: 14:00-16:00 Uhr
Sprechen und Zuhören für Schülerinnen und Schüler
Datum: Dienstag, 13.10.2026
Ort: AOK-Haus
Köln am Neumarkt,
Neumarkt 18a, 50667 Köln
Uhrzeit: 16:00-18:00 Uhr