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Innovative Lösungen für GehörloseWie KI und 3D-Avatare die digitale Barrierefreiheit revolutionieren

5 min

Ein Avatar übersetzt Texte in Gebärdensprache.

Wie alangu Gebärdensprache in Online-Dienste bringt.

Als Alexander Stricker 2003 erstmals mit tauben Menschen über digitale Information sprach, wurde ihm ein grundlegendes Problem deutlich: Viele Texte sind für Gehörlose schwer verständlich – denn ihre Muttersprache ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS). „Damals war die KI technologisch noch nicht so weit“, sagt Stricker, Geschäftsführer der alangu GmbH. „Aber die Frage hat mich nicht losgelassen: Warum ist digitale Barrierefreiheit für Gehörlose noch immer die Ausnahme, obwohl KI genau das leisten könnte?“

Aus einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt entstand schließlich das Kölner Unternehmen. Gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft, Industrie und Community entwickelte alangu eine Software, die Texte automatisiert in Gebärdensprache übersetzt und über einen digitalen Avatar zugänglich macht.

Vom Rathaus in die Arbeitswelt

Bekannt wurde alangu zunächst durch den Einsatz in Kommunen: Über 200 Städte und öffentliche Einrichtungen nutzen die Software, um Bürgerservices barrierefrei bereitzustellen. Doch längst geht es nicht mehr nur um Verwaltung. Ein wesentlicher Anwendungsbereich ist heute die Arbeitswelt – überall dort, wo komplexe Inhalte vermittelt werden müssen: von Sicherheitsunterweisungen über Compliance-Schulungen bis hin zu internen E-Learnings.

„Viele unterschätzen, dass geschriebene Lautsprache für zahlreiche Gehörlose eine Fremdsprache ist“, erklärt Stricker. „Gebärdensprache ist ihre Muttersprache. Wer Inklusion ernst meint, muss Inhalte auch in dieser Sprache zugänglich machen.“

Gerade in Bereichen mit Schichtbetrieb oder wechselnden Teams stoßen klassische Lösungen wie Dolmetschereinsätze schnell an organisatorische Grenzen. Digitale Avatare können Inhalte permanent verfügbar machen, ohne menschliche Dolmetschende zu ersetzen. Vorteile der digitalen Avatare: Sie sind zeitlich flexibel und liefern ohne Wartezeiten.

Auch Banken und Versicherungen rücken in den Fokus. Vertragsabschlüsse, Anlageinformationen oder Schadensmeldungen setzen präzises Sprachverständnis voraus. „Barrierefreiheit ist hier nicht nur eine Frage der Inklusion, sondern auch der Rechtssicherheit und Transparenz“, so Stricker. Digitale Gebärdensprach-Übersetzung könne Kundinnen und Kunden helfen, Inhalte eigenständig zu verstehen, unabhängig von Öffnungszeiten oder Terminverfügbarkeit

Neue Felder: E-Commerce im Fokus

Zunehmend adressiert alangu auch Branchen außerhalb des öffentlichen Sektors – insbesondere den Online-Handel. Denn auch im E-Commerce sind die Hürden hoch: Produktbeschreibungen, Vertragsbedingungen, Rückgaberegeln oder Zahlungsprozesse sind oft komplex formuliert. Für viele gehörlose Menschen bedeutet das bis heute eine erhebliche Barriere.

Hier setzt eine neue Lösung des Kölner Unternehmens an: ein digitaler Baukasten, mit dem Unternehmen ihre Online-Angebote barrierefrei gestalten können. „Gerade im E-Commerce entscheidet Verständlichkeit über Teilhabe“, erläutert Alexander Stricker.

Der sogenannte Gebärdensprach-Avatar-Baukasten ermöglicht es, Inhalte automatisiert in DGS zu übersetzen und direkt in Webseiten, Online-Shops oder Apps einzubinden. Das System funktioniert ohne technische Vorkenntnisse: Unternehmen wählen Themenbereiche, kombinieren Textbausteine und erhalten daraus automatisch generierte Gebärdensprach-Videos, die sich unmittelbar integrieren lassen.

Orientierung im öffentlichen Verkehr: Auch sich ständig verändernde Informationen kann die KI von alangu Gehörlosenvermitteln.

Entlang der gesamten Customer Journey

Ein zentraler Ansatz liegt darin, die gesamte sogenannte „Customer Journey“ barrierefrei zu gestalten – vom ersten Besuch der Website bis zum Abschluss eines Kaufs. Bereits auf der Startseite können Gebärdensprach-Erklärungen helfen, sich zu orientieren. In Produktlisten erleichtern sie das Verständnis von Filtern und Kategorien. Auf Produktdetailseiten sorgen sie dafür, dass wesentliche Informationen zu Eigenschaften, Varianten oder Lieferbedingungen nachvollziehbar werden.

Besonders kritisch sind die letzten Schritte im Online-Kaufprozess: Warenkorb und Checkout. Hier müssen rechtlich relevante Inhalte wie Widerrufsrechte, Datenschutzbestimmungen oder Zahlungsoptionen verstanden werden. Auch diese lassen sich mit der Lösung barrierefrei abbilden. Und selbst nach dem Kauf endet der Ansatz nicht: Statusmeldungen, Retourenprozesse oder Kundenservice-Informationen lassen sich ebenfalls in Gebärdensprache bereitstellen.

Gesetzlicher Druck – und wirtschaftliche Chancen

Hintergrund der Entwicklung ist auch eine regulatorische Veränderung: Seit dem 28. Juni 2025 verpflichtet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz Unternehmen dazu, digitale Dienstleistungen zugänglich zu gestalten. Die Umsetzung verläuft bislang vielerorts zögerlich. Gleichzeitig wächst der Druck durch neue Kontrollmechanismen. Für Unternehmen wird Barrierefreiheit damit zunehmend zur Pflicht – aber auch zur Chance.

Denn allein in Deutschland leben mehr als 80.000 gehörlose Menschen und rund 250.000 Nutzerinnen und Nutzer von Gebärdensprache. Ein Großteil von ihnen hat Schwierigkeiten mit komplexer Schriftsprache. Unternehmen, die ihre digitalen Angebote entsprechend anpassen, erschließen damit nicht nur neue Kundengruppen, sondern verbessern zugleich Transparenz und Nutzerfreundlichkeit insgesamt.

Technologie als skalierbare Lösung

Technisch basiert die Lösung auf KI-gestützten 3-D-Avataren, die Inhalte automatisiert übersetzen und darstellen. Die Integration erfolgt in gängige Systeme wie Shopify, Shopware oder WordPress. Ein Vorteil: Inhalte können zentral gepflegt werden, während sich die zugehörigen Gebärdensprach-Videos automatisch aktualisieren.

Zudem arbeitet alangu an einer neuen Generation von Avataren – sogenannten KI-Personas, eine neue Generation fotorealistischer Gebärdensprach-Avatare, die digitale Inhalte noch natürlicher, präziser und vielseitiger darstellen. Die KI-Personas ermöglichen es Unternehmen, ihre barrierefreien Inhalte visuell mit nur wenigen Klicks an die eigene Markenwelt anzupassen. Die Anwender können dafür aus zahlreichen vordefinierten Charakteren wählen, die sich bezüglich Erscheinungsbild, Stil und Ausdrucksweise unterscheiden – vom Service-Mitarbeiter, über Maskottchen bis hin zu historischen Figuren. Auf Basis der bestehenden KI-Avatar-Technologie werden die Inhalte anschließend automatisch in Deutsche Gebärdensprache übersetzt und als lebensechte, animierte KI-Personas dargestellt.

Orientierung im öffentlichen Verkehr

Neben Wirtschaft und E-Commerce sieht alangu weiterhin großes Potenzial in öffentlichen Infrastrukturen: etwa an Flughäfen, Bahnhöfen oder in Verkehrsleitsystemen. Dort sind Informationen oft zeitkritisch – Verspätungen, Sicherheitsdurchsagen oder Wegweiser müssen in Echtzeit erfolgen und sofort verständlich sein. Gebärdensprach-Avatare können auch hier Barrieren reduzieren.

Entwicklung mit der Community

Ein zentraler Bestandteil der Arbeit bleibt die enge Zusammenarbeit mit der Gehörlosen-Community. Gehörlose Fachkräfte sind Teil des Teams, wirken an Entwicklung, Testing und Qualitätsmanagement mit – und treffen Entscheidungen.

„Wir prüfen nicht nur, ob etwas technisch korrekt ist, sondern ob es wirklich verständlich ist - mit Blick auf Einsatzfeld, Sprachtempo und Darstellung“, beschreibt ein gehörloser Mitarbeiter den Anspruch.

alangu versteht Community bewusst heterogen: unterschiedliche Altersgruppen, Sprachbiografien und Erwartungen fließen in iterative Testprozesse ein. Vergleichbar mit klinischen Studien in der Medizin wird kontinuierlich überprüft, wie nutzstiftend und akzeptiert die Lösungen sind.

KI als Baustein für eine inklusive digitale Infrastruktur

Die von alangu entwickelte Technologie ersetzt keine Dolmetscherinnen und Dolmetscher, sie ergänzt sie. Während persönliche Kommunikation weiterhin menschliche Expertise benötigt, kann KI digitale Standardinformationen skalierbar bereitstellen.

Für Stricker ist klar: „Barrierefreiheit darf kein Zusatzmodul sein. Sie muss integraler Bestandteil digitaler Infrastruktur werden.“

Die Entwicklungen zeigen, dass Gebärdensprach-Avatare längst mehr sind als ein Nischenangebot. Ob Verwaltung, Arbeitswelt, Online-Handel oder Mobilität – sie können zu einem selbstverständlichen Bestandteil digitaler Kommunikation werden. Und damit zu einem Baustein für eine digitale Welt, in der Informationen nicht nur verfügbar sind, sondern für alle zugänglich.

International verständlich: das Herzsymbol.