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Depp-Heard-ProzessHollywoods Schlammschlacht des Jahres geht zu Ende

6 min
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Beide Seiten haben ihr Urteil schon gefällt.

Fairfax – Seit sechs Wochen bestimmt der Prozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard die Schlagzeilen. Beide haben sich gegenseitig verklagt. Depp, einst Hollywoods bestbezahlter Schauspieler, soll seine Ex-Frau misshandelt und mit einer Flasche vergewaltigt haben. Er wiederum wirft ihr vor, ihm eine Fingerkuppe abgetrennt zu haben – woraufhin er mit der blutigen Wunde Botschaften an die Wand geschrieben hat. Die Szenen dieser von Alkohol und Drogen befeuerten Ehehölle sind verstörend. Das ungläubige Staunen, mit dem man die Berichterstattung verfolgt, aber hat noch weitere Gründe.

Es fängt schon damit an, dass hier kein Vergewaltigungs-, sondern ein Verleumdungsprozess geführt wird. Depp will für einen Schaden von 50 Millionen Dollar kompensiert werden, nachdem er im Zuge des Skandals seine Rollen in den Reihen „Fantastische Tierwesen“ und „Fluch der Karibik“ verloren hat. Heard verlangt das Doppelte, weil sie sich aus den „Aquaman“-Filmen und einem Vertrag mit „L’Oréal“ gedrängt sieht.

Medial hat Johnny Depp gewonnen

Und noch etwas verblüfft – und zwar das klare Bild, das die Öffentlichkeit sich von dieser chaotischen Beziehung macht. Im Internet gilt Johnny Depp als das Opfer. Der Hashtag #JusticeForAmberHeard – Gerechtigkeit für Amber Heard – wurde bei Tiktok zwar 50 Millionen Mal aufgerufen. Die Forderung nach Gerechtigkeit für Johnny Depp erreicht allerdings über 15 Milliarden. Wie immer das Gerichtsurteil lauten wird – das Publikum hat seins gefällt. Wie konnte es dazu kommen?

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Fans von Johnny Depp demostrieren.

Heard und Depp lernen sich 2009 als Kollegen kennen, am Set des Films „The Rum Diary“. Im Februar 2015 heiraten sie; im Mai 2016 betreibt Heard schon die Scheidung – und formuliert erste Vorwürfe: Wegen verbaler und körperlicher Gewalt erwirkt sie ein Kontaktverbot.

Noch können beide sich einigen. Depp sichert Heard sieben Millionen Dollar zu, die sie spenden will; in einer gemeinsamen Erklärung schildern sie ihre Beziehung als leidenschaftliches Auf und Ab, das aber immer von Liebe getragen war. In diesem Konsens erfolgt im Januar 2017 die Scheidung. 2018 strengt Depp dann einen ersten Verleumdungsprozess an – nicht gegen seine Ex-Frau, sondern gegen die Zeitung „The Sun“, die ihn „wife beater“ genannt hat, also Frauenschläger. Das britische Gericht stellt fest: Der Vorwurf trifft im Wesentlichen zu.

Depps Beziehungsgeschichte: ein Who’s who der 90er-Jahre-Stars

Noch vor diesem Urteil beschreibt Amber Head sich – ohne Depp beim Namen zu nennen – in der „Washington Post“ als Gewaltopfer. Auch dagegen klagt Depp, worauf sie mit ihrer Gegenklage reagiert. Das ist der Prozess, der nun endet. Am Freitag wurden die Schlussplädoyers gehalten. Nun muss die die Jury ein Urteil fällen.

Dass der Prozess ein Medienereignis ist, liegt auf der Hand – schon wegen der Prominenten, die als mögliche Zeugen gehandelt wurden. Depps Beziehungsgeschichte ist ein Who’s who der 90er-Jahre-Stars: Er war mit Winona Ryder, Kate Moss und Ellen Barkin zusammen; mit Vanessa Paradis hat er zwei Kinder. Amber Heard war nach ihrer Scheidung kurzzeitig die Partnerin von Elon Musk.

Auch wenn einige der Stars wirklich als Zeugen aussagen – die Berichterstattung ist nicht vom Glamour bestimmt, sondern vom häuslichen Elend. Jeder Prozesstag bringt neue Nahaufnahmen einer zerstörerischen Beziehung: Die Anwälte zeigen Fotos von verwüsteten Zimmern und einem zugedröhnten Johnny Depp.

Amber Heard.

Mitschnitte der Ehe liegen vor

Offenbar haben die Eheleute schon vor der Scheidung Beweise gesammelt: Lautstarke Auseinandersetzungen können jedenfalls als Mitschnitt eingespielt werden; in einem bekennt auch Amber Heard sich zur Gewalt. Die Anwälte verlesen seitenlange SMS-Monologe, in denen Amber Heard um Depps Aufmerksamkeit fleht. Von ihm wiederum liegen Textnachrichten an den Schauspielkollegen Paul Bettany vor, in denen er von Heards Ermordung fantasiert.

Vor der ganzen Welt werden die seelischen Abgründe der Stars ausgeleuchtet: Gutachter lassen sich über ihre Suchtprobleme aus und bescheinigen ihnen schwere Persönlichkeitsstörungen. Eine gemeinsame Therapeutin legt kindliche Gewalterfahrungen offen, unter denen offenbar beide litten. Dazu kommen die grausamen und oft bizarren Anschuldigungen.

Ob es gelingen kann, all das zu beweisen oder zu widerlegen, ist fraglich. Einen Ausgleich zwischen Klägern darf man jedenfalls nicht erwarten. Im Gegenteil: Der Rufschaden, über den hier verhandelt wird, ist nur noch größer geworden. Das Verfahren hat sich als Mittel erwiesen, um die Verletzungen dieser Ehe öffentlich fortzusetzen.

Social-Media beeinflusste das Urteil vieler User

Was auch immer wirklich passiert oder nur erfunden ist: Das Schreckensbild dieser Ehe sollte eine schlichte Trennung in Opfer und Täter eigentlich schwer machen. Trotzdem ist die Stimmung zugunsten von Johnny Depp gekippt. In den sozialen Netzwerken kursieren Abertausende von Fotos, die Heard schlecht aussehen lassen. Depps Aussagen dagegen werden als Kultspruch auf T-Shirts verkauft – trotz der Schwere der Vorwürfe und obwohl er nach dem Prozess gegen die „Sun“ schon jetzt als Frauenschläger bezeichnet werden darf.

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Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude.

Das hat auch damit zu tun, dass dieser Prozess nicht nur ein Boulevard-Thema ist, sondern die bislang größte Schlammschlacht der Social-Media-Ära. Eine Datenanalyse soll ergeben haben, dass die Verhandlung pro veröffentlichtem Artikel mehr Reaktionen generiert als alle anderen Nachrichtenthemen der letzten Wochen. Online ist der Prozess als Livestream verfügbar; auf YouTube kann man sich nachträglich ganze Gerichtstage ansehen. Sie kommen auf bis zu 14 Millionen Aufrufe. Die Kommentare darunter strotzen von Vorverurteilungen.

Das Internet entwickelt eine Paralleljustiz

Seit mehreren Jahren gibt es einen Trend zur medialen Paralleljustiz: Missbrauchsanschuldigungen gegen Michael Jackson oder R. Kelly werden nicht mehr nur vor Gericht verhandelt, sondern auch in TV-Dokumentationen. Online bekommt das Phänomen eine ganz neue Dynamik – weil die Einseitigkeit und Parteilichkeit dahinter sich in den sozialen Blasen verstärken.

Seit sechs Wochen stehen Depp und Heard rund um die Uhr auf der Bühne. Und der bessere Schauspieler ist er. Depp bringt das Gericht auch dann noch zum Lachen, wenn er von seinen Drogenorgien mit Marilyn Manson berichtet – einem Musiker, dem gerade selbst Missbrauch und Vergewaltigung vorgeworfen werden. Bei seiner Sympathielenkung nutzt Depp auch seine Rollengeschichte: In den Filmen von Tim Burton und dann vor allem als Piratenkapitän Jack Sparrow hat er eine Kunstfigur geschaffen, die man gerade für ihre Exzentrik, für ihre Spleens und für ihr Scheitern liebt.

Vor Gericht borgt Depp sich jetzt eine Zuneigung, die seinen Figuren gilt, und gibt sich selbst als liebenswerter Chaot. Umgekehrt werden die Enthüllungen der Verhandlung jetzt auch Johnny Depps Werk kontaminieren. Amber Heard geht es nicht besser. Im Netz wird sie als „#AmberTurd“ veralbert. Auf Deutsch heißt das „Kack-Amber“. Das brennt sich ein.

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Das Verfahren „Depp v. Heard“ hat die Beteiligten hässlich gemacht. Es strahlt auch auf die Debatte über sexuelle Gewalt ab. Nach der #MeToo-Bewegung, die den Opfern glauben will, könnte Johnny Depp nun zum Kronzeugen der Gegenseite werden. Sehr viele Menschen sind bereit, Amber Heard für eine Lügnerin zu halten, und sehen dafür selbst über Johnny Depps schon eingestandene Fehler hinweg.

Die SMS mit der sexualisierten Mordfantasie beispielsweise hat er unbestritten geschrieben; offenbar wird sie ihm verziehen. In der bruchlosen Zustimmung zu Depp spricht sich ein enormes Bedürfnis nach männlicher Unschuld aus. Und mit dieser Botschaft weist der Prozess über das Ehedrama zweier Hollywood-Stars hinaus. Die Verachtung für Amber Heard dürfte misshandelte Frauen jedenfalls entmutigen, vor Gericht zu gehen.