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Einer im Straflager, einer am KlavierSo trennte das SED-Regime zwei Klassenkameraden

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Hans Harder am Klavier im Boizenburger Elbe-Gymnasium. 

Boizenburg – Der Mauerbau vor genau 60 Jahren ist in vielen geschichtlichen Erzählungen ein Einschnitt. Über das, was am 13. August 1961 in Berlin geschah, ist viel geschrieben und gesprochen worden, und dieser Tag gilt als Synonym für die endgültige Teilung von Ost und West.

Ein Beispiel für eine solche Zerrissenheit ist der Lebensweg von Hans Harder und Dietrich Schopen. Hans Harder, Jahrgang 1930, Sohn eines Ofenbauers in Boizenburg und Dietrich Schopen, Jahrgang 1931, Sohn eines Pastors in Blücher, drückten zusammen in Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern die Schulbank. Zunächst – noch vor dem Krieg – in der Grundschule. Später auf der weiterführenden Schule. Dies ist der Schnittpunkt ihrer beiden Leben.

Doch ihre Lebenswege entfernten sich bald voneinander. Den Mauerbau 1961 erlebten Hans Harder und Dietrich Schopen schon aus der Sicht zweier unterschiedlicher Systeme.

Kurz vor dem Abitur von der Stasi verhaftet

Doch was war geschehen? „Unser Leben ging total unterschiedlich weiter“, sagt Hans Harder knapp, der nach seinem Abitur 1950 zunächst nach Greifswald zum Studium und schließlich in Berlin und Erfurt seinen weiteren Weg ging. Er wurde Musiklehrer und unterrichtete später in Thüringen.Dietrich Schopen hingegen wurde am 5. Juli 1950, kurz vor seinem Abitur, verhaftet.

Die „Stasi“ steckte zu diesem Zeitpunkt zwar noch in ihren Kinderschuhen, über die Verhörmethoden derer, die ihn verhafteten, möchte der damals 19-Jährige selbst heute noch lieber schweigen. Das Ergebnis der Verhöre legt er dagegen offen: Dietrich Schopen wurde den sowjetischen Strafverfolgungsbehörden in Schwerin überstellt und am 19. Oktober 1950 von einem Militärtribunal wegen „Antisowjetischer Agitation in einer Organisation“ zu 25 Jahren „Besserungsarbeitslager“ verurteilt.

„Wer gegen den DDR-Staat ist, ist auch gegen die Sowjetunion“, erklärt Schopen heute knapp die damalige Diktion. Er kam in ein Gulag in Russland. Dietrich Schopen stand im Widerstand zur noch jungen DDR. Und er musste dafür büßen.

„Ich wollte nicht noch eine Diktatur erleben“

Das passierte damals in Schwerin. Dietrich Schopen war dorthin an eine Schule gewechselt. „In meiner Klasse war einer, der dem Widerstand nicht abgeneigt war“, erinnert er sich an die Anfänge. Auch in ihm keimte die kritische Einstellung zum noch jungen Staat. Nach seinen Worten merkte man es nämlich schon an kleinen Dingen, dass auch in der DDR ein großes Potenzial zu einer Diktatur steckte. Die Jugendorganisation FDJ nennt Schopen als ein Beispiel. „Ich habe eine Diktatur erlebt und wollte nicht noch eine erleben“, erklärt er heute seinen Weg.

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Dietrich Schopen wurde für seinen Widerstand gegen die DDR nach Russland in ein Straflager verbracht.

Unter anderem waren Flugblätter das Mittel von ihm und seinen Gleichgesinnten, um auf Missstände hinzuweisen. Formuliert von der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ kamen diese aus West-Berlin nach Schwerin und wurden dort verteilt, auch von Dietrich Schopen, der deshalb wenig später verhaftet wurde.

Wer ihn und seine Mitstreiter damals anschwärzte, weiß er bis heute nicht genau. Als junge Menschen, sagt er, hätten sie solche Worte, wie die von den Flugblättern der Kampfgruppe, wohl damals nicht gefunden. Komplett identifizieren damit konnten sie sich aber.

Konflikt der Einstellungen zum DDR-System

„Bei uns war das nicht so“, stellt ihm sein alter Schulkamerad Hans Harder entgegen, nachdem er die Zeilen eines der Flugblätter gelesen hat. Er kann sich nicht vorstellen, dass eine solche Einstellung im Boizenburg der frühen 1950er-Jahre auf fruchtbaren Boden gefallen wäre. Und der Konflikt der unterschiedlichen Einstellungen der zwei alten Schulfreunde blitzt kurz auf.

Ein Konflikt, den damals nicht wenige erlebten. Nicht umsonst verließen nachweislich viele Menschen die DDR gen Westen. Der Mauerbau 1961 war schließlich der rigorose Versuch der DDR-Staatsführung, diesem „Ausbluten“ einen Riegel vorzuschieben.

Dietrich Schopen musste mehr als zehn Jahre zuvor zunächst weit gen Osten. Unfreiwillig. 300 Kilometer vom Baikal-See entfernt verbrachte er seine Haftzeit in einem Lager bei Bratsk. Schwere Zwangsarbeit im Holzeinschlag, im Sägewerk und bei der Instandsetzung von Eisenbahngleisen waren seinen Alltag. „Wir haben in der Gefangenschaft nicht täglich geweint“, sagt Dietrich Schopen heute.

Die schlimmen Erinnerungen verblassen langsam

Er verweist jedoch darauf, dass die Erinnerungen an die schlimmen Dinge, die im Lager geschahen, mit der Zeit verblassen. Unterbewusst ziehe sich das Erlebte jedoch durch sein gesamtes Leben. „Das Wörtchen Nein gab es in Russland nicht. Das kam der Befehlsverweigerung gleich. Das hat sich eingeprägt.

So konnte auch ich später das nur schwer akzeptieren, wenn jemand zu mir nein gesagt hat“, erzählt Dietrich Schopen. Nach dem Tod von Stalin ist er zwar 1953 vorzeitig aus der Haft entlassen worden, zu viel ist allerdings während seiner Zeit im Lager geschehen. Das musste verarbeitet werden.

Denn ein freies Leben wurde dem jungen Mann auch nach seiner Rückkehr in der DDR nicht mehr gewährt. Sein Abitur durfte er nicht nachholen und somit auch nicht seinen Traum verfolgen, Theologie zu studieren. Es ging für ihn zwar noch einmal zurück in die alte Heimat. Er heiratete und lebte kurz in Blücher. Da sei er aber immer sehr genau beobachtet worden.

Flucht vor der Stasi, Flucht in den Westen

1955 floh Dietrich Schopen schließlich in den Westen. Seine Frau und sein erster Sohn kamen kurze Zeit später nach. „Ich hatte dann ein sehr gutes Leben“, sagt er heute. Und auch sein Schulfreund Hans Harder glaubt ihm das. „Das stelle man sich einmal vor. Während ich in einer Kapelle Akkordeon gespielt habe, saßt du in Haft“, verdeutlicht Harder die Gegensätze, die das Leben der Menschen schon weit vor dem Mauerbau vor 60 Jahren beeinflusst und zuweilen beeinträchtig haben.

All diese Umstände führten dazu, dass aus einem gemeinsamen Ursprung zwei geteilte Leben wurden. Der weitere Lauf der Geschichte trug allerdings auch dazu bei, dass sich die zwei Schulkameraden nun wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzen können. Zuletzt im Waldhotel im Boizenburger Ortsteil Schwartow. Ironie der Geschichte : Hier, wo sie nun bewirtet wurden, unterhielten einst die DDR-Grenztruppen eine ihrer Außenstellen.