Turin – Schluss mit lustig. Der letzte Ton ist gerade erst verklungen, als der Mann mit dem rosa Fischerhut noch einmal zum Mikro greift. „I ask all of you: Please help Ukraine, Mariupol, help Asov stal – right now“, sagt Sänger Oleh Psjuk am Samstagabend beim Eurovision Song Contest. Auf Deutsch: „Ich bitte euch alle: Helft der Ukraine, Mariupol und den Menschen im Asow-Stahlwerk.“
Es sind die zwei Sätze des Abends, ein Hilferuf der ukrainischen Gruppe Kalush Orchestra nach dem Auftritt beim Eurovision Song Contest (ESC) an ein Millionenpublikum in ganz Europa. Und das Publikum antwortet: In fast jedem Land geben die Zuschauer den Ukrainern zwölf Punkte – der Durchschnitt liegt bei 11,3. Auch das deutsche Publikum vergibt die Höchstzahl an sie. Nie schnitt ein Land besser ab. Am Ende siegt die Band in der Nacht zu Sonntag haushoch mit 631 Punkten.
Der Triumph galt quasi als ausgemacht – schon seit Wochen sahen die Buchmacher das Sextett aus der Westukraine auf Platz eins. Dabei sieht es nach der Punktevergabe der Jury nicht gut aus für die Siegchancen. Lediglich Platz vier hinter Großbritannien, Schweden und Spanien und deutliche 91 Punkte Rückstand auf den Briten Sam Ryder. Aus den 39 anderen Ländern – die Ukrainer durften nicht für sich selbst stimmen – kommen dann aber bei der Publikumsabstimmung sensationelle 439 von 468 möglichen Punkten.
Selenskyj: ESC wird 2023 in der Ukraine stattfinden
Damit steht eine bange Frage im Raum: Wo wird der ESC 2023 stattfinden? In der Ukraine herrscht derzeit Krieg, was eine Austragung unmöglich macht. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) äußert sich vor dem Finale nicht zu diesem Szenario. Präsident Wolodymyr Selenskyj dagegen bekräftigt, die größte Musikshow der Welt in seinem Land veranstalten zu wollen. „Im nächsten Jahr empfängt die Ukraine die Eurovision! Zum dritten Mal in unserer Geschichte“, schreibt das ukrainische Staatsoberhaupt im Nachrichtenkanal Telegram.
Rückenwind kommt sogar von der Konkurrenz. Künstler solidarisieren sich während der Show mit den Ukrainern. Der deutsche Vertreter Malik Harris dreht am Ende seines Songs „Rockstars“ seine Gitarre um. Auf der Rückseite ist eine Ukraine-Fahne zu sehen und die Aufschrift „Peace“ (Frieden). Auch die Isländerinnen von Systur haben auf ihren Instrumenten ukrainische Fahnen. Zu Beginn der Show singt zudem das ganze Publikum im Turiner PalaOlimpico die Friedenshymne „Give Peace a Chance“.
Eigentlich ist das beim ESC ein No-Go. „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur“ sind auf der Bühne laut Regelwerk explizit verboten. Die EBU als Ausrichter der Show entscheidet sich diesmal allerdings für eine andere Auslegung der Bühnen-Statements – statt Sanktionen gibt es Verständnis. Auf Nachfrage schreibt die EBU: „Wir betrachten die Äußerungen des Kalush Orchestra und anderer Künstler zur Unterstützung des ukrainischen Volks eher als humanitäre Geste und weniger als politisch.“
Malik Harris gelassen trotz blamabler sechs Punkte
Deutschland blamable ESC-Bilanz der vergangenen Jahre setzt sich derweil fort: Für Malik Harris reicht es am Ende gerade mal für den letzten von 25 Plätzen – von der Jury erhält „Rockstars“ null Punkte, von den Zuschauern in Europa und Australien gerade einmal sechs Zähler. Trotzdem gibt sich der 24-jährige Bayer gelassen. „Ich bin wirklich sehr, sehr froh, dass die Ukraine gewonnen hat, weil ich mir das so gewünscht habe“, erklärt er nach der Show.
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Zu seinem eigenen Abschneiden sagt Harris lakonisch: „Ich weiß, dass man nicht allzu viele Punkte geholt hat am Ende, aber es war wirklich ein schöner Abend.“ Der ESC sei viel mehr als ein Wettbewerb. „Ich habe so viele schöne Sachen erlebt, dass ich gleich morgen wieder mitmachen würde.“ Die Leiterin der deutschen Delegation, Alexandra Wolfslast, bekennt zumindest, sie sei enttäuscht, dass der Auftritt von Malik nicht besser bewertet worden sei. „Für den ESC 2023 sind wir bereits in Planung, wie wir das Auswahlverfahren gestalten.“
Kalush-Orchestra-Frontmann Oleg Psjuk wird an diesem Montag 28 Jahre alt. Er kann seinen Geburtstag nicht mit seiner Mutter Stefania feiern, der er sein Lied gewidmet hat – weil er dann noch auf der Rückreise sei. „Wir haben eine zeitweise Genehmigung, hier zu sein“, sagt Psjuk in Turin. In zwei Tagen sind er und seine Band wieder zuhause, als ESC-Sieger, mit der Unterstützung ganz Europas im Gepäck. In einem Land, in dem der Krieg tobt. Und dann? „Es ist schwer zu sagen, was wir tun werden. Wie jeder Ukrainer sind wir bereit zu kämpfen und bis zum Ende zu gehen.“ (dpa/mit afp)


