Forschung im RheinlandDieses Medikament gibt Alzheimer-Patienten Hoffnung

Eine Alzheimer-Patientin bei einem Denkspiel
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Düsseldorf/Jülich – Es beginnt meist schleichend, fast unbemerkt. Erste Anzeichen sind schnelles Ermüden, Gereiztheit oder Schlafstörungen. Dann beginnen die Gedächtnis- und Orientierungsprobleme. Es fällt schwerer, sich etwas neu zu merken. Die Rede ist von der Alzheimer-Krankheit – auch „Alzheimer-Demenz“ oder „Morbus Alzheimer“ genannt.
Sie ist die häufigste Form der Demenz und eine unheilbare Störung des Gehirns. Die Folgen der unheilvollen Erkrankung sind das Absterben von Nervenzellen. Durch die fortschreitende Zerstörung des neuronalen Gewebes im Gehirn verlieren Menschen mit Alzheimer zunehmend ihre kognitiven Fähigkeiten. Viele Patienten werden unruhig, aggressiv oder depressiv. Im weiteren Verlauf lassen Urteilsvermögen und die Sprachfähigkeit nach. Die Persönlichkeit der Betroffenen und ihr Verhalten verändern sich zunehmend. Für die Erkrankten, aber auch für die Angehörigen beginnt dann ein oft schmerzlicher Prozess.
Bisher lässt sich Alzheimer nicht nachhaltig stoppen
Auch wenn es mittlerweile Therapien gibt, die Krankheit und ihre Folgen zu behandeln oder zu verlangsamen, so lässt sie sich bisher nicht stoppen. Mit dem Alter steigt das Risiko stark an, an Alzheimer zu erkranken.
Was passiert bei der Alzheimer-Erkrankung?
Die natürlicherweise im Gehirn vorkommenden, ungefährlichen Amyloid-Beta-Proteine können sich im Laufe des Lebens eines Menschen verändern und werden dann nicht mehr ohne Probleme abgebaut. Sie schließen sich nach und nach zu wachstumsfähigen Oligomeren (Zusammenschlüsse) zusammen. Diese sind toxisch und schädigen gesunde Nervenzellen und deren neuronale Verbindungen, erläutert Strukturbiologe Dieter Willbold.
Dieser Prozess startet langsam und weitgehend unbemerkt, weil das Gehirn lange zunächst noch in der Lage ist, diese nach und nach vermehrt auftretenden Schäden zu kompensieren. Die ersten Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung lassen sich anhand von sich häufenden Kurzzeitgedächtnisstörungen festmachen.
Die Krankheit manifestiert sich durch so genannte Amyloid-Protein-Ablagerungen (Plaque) zwischen den Zellen und durch Tau-Protein-Ablagerungen in den Nervenzellen, die jeweils aus vielen sogenannten Fibrillenstrukturen bestehen.
Der Biochemiker und Strukturbiologe Dieter Willbold arbeitet seit Jahren an einem Therapieverfahren, dass den Verfall des Gehirns bei Alzheimer-Patienten aufhalten soll. Der Wirkstoff hat den technischen Namen „PRI-002“ und ist ein sogenanntes All-D-Peptid, also eine Verknüpfung mehrerer Aminosäuren. „Wir glauben, dass die veränderten Proteine im Gehirn bei Alzheimer-Patienten zumindest infektiöse Eigenschaften besitzen, ähnlich wie die Prionen bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.“ Deswegen gehe man nicht prophylaktisch vor – sprich, man ziele nicht in erster Linie darauf ab, die Bildung toxischer Protein-Zusammenschlüsse zu verhindern, so Willbold. „Mit unserem Antiprionikum PRI-002 wollen wir vielmehr bereits vorhandene toxische Protein-Zusammenschlüsse zerstören, um weitere Ansteckungen von gesunden Nervenzellen zu verhindern.“ Willbold und sein Forscherteam ist überzeugt, hier etwas gefunden zu haben, dass bahnbrechend sein kann im Kampf gegen die verheerende Krankheit.
Forschung begann vor 20 Jahren
Begonnen hatte der Forscher seine Arbeit bereits vor rund 20 Jahren. Damals arbeitete er am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMB) in Jena. Bereits 2008 hatten er und sein Team damals ein Molekül mit einem ähnlichen Mechanismus wie bei PRI-002 entwickelt, der sehr wirksam gegen Alzheimer in Mäusen eingesetzt wurde. Leider interessierten sich in dieser Zeit die Pharmaunternehmen nicht für diese Ergebnisse. Der Grund: Das Institut hatte nur Patente in Europa angemeldet, aber nicht in den größten Märkten, USA und Japan. „Wegen dieser Erfahrungen haben wir nun mit PRI-002 nicht nur eine neue, wirksamere chemische Verbindung für die Alzheimer-Therapie entwickelt, sondern für diese auch in den wichtigen Absatzmärkten ein neues Patent angemeldet“, so Willbold.

Das Wissen zu Alzheimer hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Mittlerweile können Patienten und Angehörige auf viele Beratungsstellen zurückgreifen.
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Um die Patente und die Forschungsergebnisse weiter zu entwickeln, hat Dieter Willbold, zusammen mit fünf weiteren Wissenschaftlern, 2017 die Firma Priavoid GmbH gegründet. Ziel des Unternehmens ist, aus der Alzheimer-Grundlagenforschung, die Willbold an der Universität Düsseldorf und am Forschungszentrum Jülich betrieben hat, ein marktreifes Pharma-Produkt herzustellen. Geschäftsführer von Priavoid ist seit 2020 Philipp Bürling. Das Problem einer solchen Unternehmung ist, ausreichend Kapitalgeber zu finden. „Es gibt zum Beispiel die so genannten „Business Angel“, Privatleute, die Projekte finanziell und beratend unterstützen. Es gibt institutionelle Investoren wie den High-Tech-Gründer-Fonds oder die großen Pharma-Unternehmen, die Wagnis-Kapital für Neugründungen wie Priavoid einsetzen“, so Bürling. Grundsätzlich finde man in Deutschland Partner, die Neugründungen wie Priavoid unterstützen – auch wenn das in der Pandemiezeit eine größere Herausforderung gewesen sei.
Wichtige Zusammenarbeit mit der Bundesagentur Sprind
„Die persönliche Ebene spielt für Kapitalgeber nach wie vor eine wichtige Rolle“, berichtet Bürling. Aktuell habe man zwei Investoren an der Seite, unter anderem den Unternehmer und ehemaligen Wissenschaftler an der Universität Düsseldorf, Detlev Riesner. Hinzu komme die Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Sprunginnovationen „Sprind“, die staatliche Förderungen an zukunftsweisende und völlig neuartige Produkt- und Unternehmensideen vergibt. „Gerade in der schwierigen Zeit der Pandemie war es ein toller Erfolg für alle, dass wir mit Sprind zusammen einen Weg gefunden haben, die Finanzierung der geplanten kostenintensiven klinischen Phase-II zu ermöglichen“, so Bürling. In dieser wissenschaftlichen Studie wird bis voraussichtlich 2026 der entwickelte Wirkstoff PRI-002 bei an Alzheimer erkrankten Patienten angewandt. „Die Testpersonen sind alle im Anfangsstadium der Krankheit, in dem sie noch selbst entscheiden und einwilligen können, ob sie an der Phase-II-Studie teilnehmen wollen. Diese Entscheidungsfähigkeit dürfen sie auch während ihrer zwölf bis 18 Monate dauernden Behandlungsphase nicht verlieren“, erläutert Dieter Willbold.
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Der Wissenschaftler hat seine unternehmerische Ader auch seinem Vorgänger am Institut der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf zu verdanken. „Ich hatte das Glück, dass Professor Detlev Riesner, der selbst Gründer und Business-Angel ist, mit seiner Erfahrung das Projekt begleitet hat und nun auch als Investor unterstützt.“ Für die Zukunft ist Willbold zuversichtlich. „Wir glauben an die Wirksamkeit von PRI-002 und an die Idee unserer Forschung.“


