Starköchin Sarah Wiener wechselte vor drei Jahren als Abgeordnete ins Europäische Parlament. Im Interview mit Katrin Pribyl erklärt sie, warum sie für bessere Lebensmittel kämpft und wie sehr sie das Kochen vermisst.
Frau Wiener, wir sehen gerade, wie Russland Weizen als Waffe einsetzt. Drohen uns in Europa Versorgungsengpässe?
Nein, es sei denn, man lebt allein von Sonnenblumenöl. In den reichsten Ländern der Welt werden wir immer einen unfairen Vorteil haben, weil wir die Preise bezahlen können. Es ist ja genug da. Die Probleme, warum es trotzdem fast eine Milliarde Hungernde gibt, sind anderer Natur. Arme Länder können sich die explodierenden Preise nicht leisten. Außerdem sehen wir ein Verteilungsproblem. Es gibt viele regionale Konfliktpotenziale, Korruption, Kriege, Dürre. Es fehlen Strukturen wie Lager und Kühlhäuser. Deshalb gehen im globalen Süden 50 Prozent der Ernten verloren. Aber wir haben Länder auch abhängig gemacht von billigen Importen.
Zur Person
Sarah Wiener wurde im ostwestfälischen Halle geboren und wuchs in Wien auf. Sie betreibt mehrere Restaurants in Berlin, ist Fernsehköchin, Autorin und seit 2019 Abgeordnete für die österreichischen Grünen im Europaparlament. Die 59-Jährige hat außerdem einen Bio-Bauernhof in Brandenburg. (kapri)
Müssen wir als Verbraucher unseren Konsum überdenken, um der Krise zu begegnen?
Langfristig sollten wir unsere Ernährungsgewohnheiten ändern. Es kann ein Befreiungsschlag sein, auf einmal wieder hunderte von verschiedenen regionalen Lebensmitteln und wilde Getreidearten zu essen und sich daran zu erfreuen, dass sie überall anders schmecken. Es geht um mehr Geschmack, mehr Genuss und unsere Gesundheit. Ab und an Fleisch, von einem Tier, das ein gutes Leben gehabt hat, erfreut auch unsere Seele.
Sie sind erst vor drei Jahren in die Politik gewechselt. Wie lautet Ihr Zwischenfazit?
Die erste Zeit war wirklich hart, ich stand kurz vor einem Burn-out. Heute bin ich zwar noch immer am Lernen, wie politische Zusammenhänge funktionieren und wo man ansetzen kann, um etwas zu verändern. Aber im Vergleich zum ersten Jahr fühle ich mich wie promoviert. (lacht) Wenn du als Neo-Politikerin aus dem Niemandsland mitmischen willst, musst du noch einen Kilometer extra gehen.
Was hat Ihnen geholfen, sich zurechtzufinden?
Ich stehe auf solidem Grund, weil ich mich seit 30, 40 Jahren mit Ernährung, Landwirtschaft und Tieren beschäftige. Meine Beziehung zur Natur und zu Lebensmitteln ist keine theoretische, sondern eine lustvolle, freudvolle, sinnliche. Pflanzen, ernten und imkern muss man erlebt haben, um es zu begreifen. Durch das Praktische verstehe ich besser das Theoretische und musste nicht bei null anfangen.
Sie streiten für mehr Tierwohl, bessere Lebensmittel und nachhaltige Landwirtschaft. Wie bewerten Sie hier die Situation?
Wir stehen an einem Scheitelpunkt, der hochgefährlich ist. Es gibt keinen Zweifel, dass wir uns unsere eigene Lebensgrundlage zerstören. Das fängt bei klarem Wasser an und geht bis hin zu Umweltgiften, die sich in der Muttermilch anreichern. Die Frage ist jetzt: Wer übernimmt die Deutungshoheit? Sind es dieselben Kräfte, die uns in diesen Sumpf geführt und in den letzten 40 Jahren keinerlei nachhaltige Lösungen auf den Tisch gelegt haben? Oder sind wir gewillt und mutig genug zu sagen: Lass es uns mal anders probieren? Wenn man sich und der Mitwelt etwas Gutes tun will, dann kocht man frisch mit Grundprodukten, am besten aus der Region. Sternchen gibt es, wenn sie aus ökologischem Anbau stammen.

Dirndl als Statement: Sarah Wiener im Straßburger Europaparlament mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen.
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Das muss man sich aber erst einmal leisten können. Schon jetzt ächzen die Menschen unter den steigenden Lebensmittelpreisen.
Wir haben noch immer die billigsten Preise in Europa. Wir schmeißen 30 Prozent unserer Lebensmittel in den Müll. Wir bezahlen als Gesellschaft für die Sünden der Agroindustrie, mit unserer Gesundheit, mit Tierleid oder finanziell mit Steuern. Außerdem dürfen wir nicht die soziale mit der ökologischen Frage vermischen. Wir können nicht sagen, weil manche Menschen schlecht bezahlt werden und sich nicht gesund ernähren können, ist die Lösung, wir essen jetzt alle minderwertig oder bezahlen alle schlecht.
Sie stechen als Abgeordnete auch heraus, weil Sie im EU-Parlament stets Dirndl tragen. Warum bleiben Sie dabei?
Ich finde es schön, als österreichische Abgeordnete in der Vielfalt, die es in Straßburg gibt, einen Teil meiner Individualität, meiner Heimat, zu zeigen, der aber authentisch ist. Mir gefällt besonders gut, dass das Dirndl traditionell immer der Arbeitskittel der Mägde war, also der Macherinnen, die mit ihren Händen gearbeitet haben. Darin erkenne ich mich als Köchin wieder. Plus, ich lasse mir doch nicht meine Heimat und meine Ästhetik in bestimmten Traditionen von irgendwelchen Rechtsradikalen klauen.
Sie sprechen mit großer Passion von Ihrer Arbeit als Köchin. Vermissen Sie diese?
Ja. Als Köchin hat mich jeder angestrahlt. Da hörte man Sätze wie: Oh, Frau Wiener, ich will Sie heiraten. Als Politikerin habe ich das noch nie gehört. Im Vergleich zum Kochen, wo man sofort einen realen Wert schafft, ist Politik Kopfarbeit. Du sitzt da und hörst sieben Stunden zu, dann redest du eine Minute, danach liest und denkst du wieder. Man ist ein Augen- und Ohren-Mensch. Wir haben jedoch mehr als zwei Sinne. Und Kochen verbindet. Wenn man zusammen isst, bekommt man automatisch gute Laune.
