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Interview zur Debatte um das N-Wort„Lese meinen Kindern Pippi Langstrumpf nicht vor“

5 min
Black live matters

Ein Schriftzug auf einer Straße in Santa Cruz 

Köln – Das N-Wort war in der Vergangenheit immer wieder Stoff für emotionale, oft auch irrationale Debatten. Darf es in Kinderbüchern weiter verwendet werden? Schießen Kommunen über das Ziel hinaus, wenn sie Begriffe wie „Schwarzfahren“ aus ihrem Sprachgebrauch streichen?

Natasha A. Kelly ist Expertin für die Fragen, die sich stellen. Dem Thema Rassismus widmet sie sich seit Jahren – wissenschaftlich als Soziologin, aber auch künstlerisch. So hat sie in diesem Jahr ihr neues Buch „Rassismus. Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen“ veröffentlicht.

Auf der Berlinale 2018 präsentierte sie ihren Film „Millis Erwachen“, in der acht schwarze deutsche Frauen die Geschichte schwarzer Menschen in Deutschland reflektieren. Und die Kunsthalle Osnabrück zeigt derzeit als Teil des Projekts „Barrierefreiheit“ Kellys Banner mit der Aufschrift „Es gibt kein neutrales Außen von Rassismus – Jede Person & Institution ist davon berührt“. Traurige Pointe dabei: Das Banner war drei Tage vor Ausstellungsbeginn von der Mauer der Kunsthalle gerissen worden. Im Interview äußert sie sich zum Gebrauch des N-Wortes und zur Frage, wie unsere Gesellschaft auf Rassismus reagieren muss.

Frau Kelly, ganz plakativ gefragt: Wann dürfen Sie als schwarze Frau das N-Wort verwenden, wann darf ich als weißer Mann das?

Das N-Wort sollte von niemandem benutzt werden.

In den sozialen Medien hat Annalena Baerbock eine heftige Debatte ausgelöst über die Frage, ob man das N-Wort verwenden darf. Wie zielführend ist das im Hinblick auf das große Thema dahinter, den Kampf gegen Rassismus?

Ich sehe hier eine Doppelmoral. 2018 hat der AfD-Politiker Nikolaus Kramer im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern mehrfach das N-Wort benutzt und ist von der Landtagsvizepräsidentin Mignon Schwenke (Die Linke) darauf aufmerksam gemacht worden, das bitte zu unterlassen. Er hat dagegen geklagt und vor Gericht gewonnen, ohne dass sich jemand darüber beschwert hätte – die Öffentlichkeit hat die Komplexität des Falles nicht erkannt. Bei Annalena Baerbock wird es zu einem Wahlkampfthema gemacht, aber aus den falschen Gründen, nämlich um sie zu diskreditieren, wo es möglich ist. Es geht aber nicht um die Sache, und damit ist niemandem geholfen. Das finde ich extrem schade. Gleichzeitig möchte ich noch einmal betonen, dass die Verwendung des N-Wortes immer kritisiert werden muss, egal wer es benutzt.

Debatte ums N-Wort

Annalena Baerbock hat eine hitzige Debatte um das N-Wort entfacht. In einem Interview mit dem Zentralrat der Juden hat es die Kanzlerkandidatin der Grünen selbst verwendet und sich anschließend dafür entschuldigt. Die Debatte konnte sie damit nicht mehr stoppen. Im Gegenteil: Sie hat durch die Entschuldigung eher noch an Fahrt aufgenommen.

In dem Interview hat sich Baerbock zu den Themen Rassismus und Diskriminierung geäußert und geschildert, wie sich ein Kind in der Schule geweigert habe, eine Bildergeschichte zu zeichnen, weil in der Vorlage eben das N-Wort verwendet worden war. Im Interview wird das N-Wort aber mit einem Piepton überblendet. „Leider habe ich in der Aufzeichnung des Interviews in der emotionalen Beschreibung dieses unsäglichen Vorfalls das N-Wort zitiert und damit selbst reproduziert“, schreibt Baerbock daraufhin am Sonntag auf Twitter. Gleichzeitig wehrt sie sich gegen die Gleichsetzung mit dem Grünen-Politiker Boris Palmer, der einen schwarzen Fußballer mit dem N-Wort belegte. (dö)

Egal in welchem Kontext?

Egal in welchem Zusammenhang, egal wie, egal mit welcher Intention. Die Wirkmächtigkeit liegt ja in der Bedeutung des Wortes, die sich nicht je nach Kontext verändert. Das N-Wort ist ein Begriff des strukturellen Rassismus.

Und das gilt auch für die Verwendung in Büchern wie Jim Knopf oder Pippi Langstrumpf? Ist das nicht ein Eingriff in die Historie?

Nein. Es werden historische Sachstände reproduziert. Bei „Pippi Langstrumpf“ reicht es nicht, das N-Wort einfach zu streichen, weil die ganze Geschichte eine Kolonialgeschichte ist. Ich habe das Buch meinen Kindern nicht vorgelesen, denn es geht um das schwarze Kind: Das ist die Person, die Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung erfährt, aber nicht in den Fokus gerückt wird. Und das ist Teil des Problems. Wenn wir von Rassismus reden, geht es immer um die Befindlichkeit von weißen Menschen, um ihr Kulturgut, um ihre Empathie. Aber das ist nicht das, worum es geht. Spätestens seit letztem Sommer sollten wir verstanden haben, dass „All Lives Matter“ erst dann eine Gültigkeit hat, wenn „Black Lives Matter“ in den Köpfen angekommen ist. Wir sollten grundsätzlich den Fokus auf die Betroffenen legen, was in dieser Debatte nicht gemacht wird.

Manche Kommunen haben inzwischen sogar Begriffe wie „Schwarzfahren“ aus ihrem Sprachgebrauch eliminiert. Für viele Menschen schießen sie damit allerdings völlig übers Ziel hinaus. Wie sehen Sie das?

Ich sehe das als guten Weg, um den Prozess des Umdenkens anzustoßen. Wir müssen das Rasse-Denken durchbrechen, und das wird ein langwieriger Prozess. Wir kennen das aus der Frauenbewegung: 2019 haben wir 100 Jahre Frauenwahlrecht gefeiert, aber haben wir Gleichberechtigung erlangt? Nein. Wir haben viel erreicht, aber von wirklicher Gleichberechtigung sind wir weit entfernt.

Genauso müssen wir prozessorientiert in den Abbau von Rassismus gehen. Gerade Sprache transportiert Rassismus; Sprache ist Handeln. Ich kann durch Sprache Gewalt ausüben, ich kann durch Sprache Rassismus reproduzieren. Indem wir das Sprachverhalten verändern, können wir diesen Prozess anstoßen und Rassismus abbauen. Das wird nicht zwei Tage dauern, das wird nicht zwei Wochen dauern, das wird auch nicht zwei Jahre dauern. Wir müssen uns auf einen Marathon einstellen; das ist eine Langzeitaufgabe, und Sprache hilft uns auf diesem Weg.