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Altersschwäche im AllEin Leck auf der ISS zeigt die Grenzen der Raumstation

4 min
Erde

Die Internationale Raumstation kreist hier über der kanadischen Provinz Quebec.

Nach einem Leck auf der ISS mussten Astronauten in eine Kapsel flüchten. Was der Notfall über die Raumstation verrät.

Ein unvorhergesehener Notfall ereignete sich in 400 Kilometern Höhe über dem Planeten. Aufgrund frischer Undichtigkeiten an einem russischen Bauteil der Internationalen Raumstation ISS evakuierten sich mehrere Crewmitglieder vorsichtshalber in die gekoppelte Dragon-Raumkapsel. Ein Abfall des Kabinendrucks stellt, ähnlich wie ein Brand, eine der gravierendsten Bedrohungen für den bewohnten Stützpunkt im All dar. Für Raumfahrtspezialisten ist der aktuelle Zwischenfall zwar kein Anlass zur Panik, er offenbart jedoch fundamentale Schwierigkeiten für astronautische Missionen. Aus dem Ereignis lassen sich drei wesentliche Erkenntnisse ableiten.

Erstens: Die ISS zeigt deutliche Alterserscheinungen

Seit über einem Vierteljahrhundert ist die Internationale Raumstation durchgehend bemannt. Ein Großteil ihrer Bauteile wurde Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre installiert, weshalb Abnutzungserscheinungen zunehmen. «Die Notwendigkeit einer permanenten Überwachung ist im All mindestens genauso wichtig wie auf der Erde», erinnert Europas früherer Raumfahrtchef Jan Wörner. «Mangelnde Sorgfalt kann hier nicht einfach durch Sperrung auf Zeit verschoben werden.»

Fachleute machen darauf aufmerksam, dass vor allem die in die Jahre gekommenen Sektionen des Orbitalkomplexes verstärkt kontrolliert und instand gehalten werden müssen. Der betroffene Verbindungskorridor des russischen Servicemoduls Swesda wird bereits seit Längerem als problematisch eingestuft. Dort wurden wiederholt geringfügige Druckabfälle gemessen und anschließend behoben.

Hinzu kommen die harschen Bedingungen des Betriebs im All. Starke Temperaturschwankungen, Materialverschleiß, die Einwirkung von Strahlung sowie eine hohe Frequenz von Kopplungsmanövern fordern ihren Tribut. Nach russischen Informationen hat das betroffene Andocksystem eine erheblich höhere Anzahl an Kopplungen erfahren als andere Stationsbereiche. Somit demonstriert das Ereignis im schwerelosen Raum auch die Belastungsgrenzen einer Anlage, deren Einsatzdauer die ursprüngliche Planung weit überschreitet.

Zweitens: Internationale Kooperation bewährt sich in der Krise

Nicht nur die Undichtigkeit an sich, sondern auch die professionelle Handhabung der Situation ist hervorzuheben. Die etablierten Sicherheitsmaßnahmen wurden planmäßig aktiviert. Während die russischen Crewmitglieder die Instandsetzung einleiteten, wechselten die US-amerikanischen Astronauten als Vorsichtsmaßnahme in die gekoppelte «Dragon»-Kapsel von SpaceX. Auf diese Weise war ein geschützter Bereich und die Option einer zügigen Heimkehr zum Heimatplaneten durchgehend sichergestellt.

Das Ereignis demonstriert überdies die fortwährende Funktionalität der internationalen Kooperation im Weltraum. Ungeachtet des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine kooperieren die Raumfahrtagenturen Russlands, der Vereinigten Staaten und deren Verbündete auf der ISS weiterhin eng miteinander. Auch vier Deutsche haben die Station bereits besucht – die Raumfahrer Thomas Reiter, Hans Schlegel, Alexander Gerst und Matthias Maurer.

Auf der Raumstation findet ein Austausch sicherheitskritischer Daten statt, Beschlüsse werden in Abstimmung gefasst und Notfallstrategien gemeinschaftlich ausgeführt. Die ISS verbleibt dadurch als eines der seltenen Großprojekte, in denen die Zusammenarbeit zwischen Moskau und Washington trotz politischer Spannungen fortbesteht.

«Es ist bemerkenswert, dass die Zusammenarbeit auf Ingenieurniveau funktioniert - vielleicht auch ein Modell zur Bewältigung irdischer Krisen», betont Wörner, einst Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa. Die ISS sei zu wichtig, um sie im Politikstreit aufzugeben. «Es ist bedauerlich, dass viele andere wissenschaftliche Projekte sofort aufgegeben wurden: Auch in Krisenzeiten müssen Verbindungen bestehen bleiben! Diese Rolle fällt im Moment nur der ISS zu.»

Drittens: Alltagsbetrieb im All statt ferner Mars-Visionen

Der Fokus der Raumfahrt liegt aktuell oft auf Expeditionen zum Mond sowie auf weitreichenden Vorhaben für astronautische Reisen zum Mars. Der Vorfall an Bord der ISS ruft jedoch in Erinnerung, dass die wesentlichsten Schwierigkeiten sich häufig im operativen Alltag finden. Überlebenswichtige Anlagen müssen pausenlos betriebsbereit sein, geringfügige Materialdefekte zeitig detektiert und Instandsetzungen unter erschwerten Umständen vorgenommen werden.

Besonders für zukünftige Missionen von langer Dauer liefern derartige Ereignisse wertvolle Lehren. Mit zunehmender Distanz der Astronauten von unserem Planeten sinkt die Wahrscheinlichkeit, zeitnahe Unterstützung von außen zu erhalten.

Die aus den Lecks auf der ISS gewonnenen Erkenntnisse tragen daher dazu bei, zukünftige Raumschiffe und Stationen widerstandsfähiger zu gestalten. Der aktuelle Vorfall ist primär eine Mahnung, dass bemannte Raumfahrt nicht allein aus spektakulären Zielen, sondern ebenso aus kontinuierlicher Wartung, Vorsorge und Sicherheitsarbeit besteht.

«Auf der ISS werden täglich Forschungen durchgeführt, die auf der Erde wichtig sind», meint Experte Wörner. Der Vorfall lehre, dass Redundanz nicht nur für einzelne Elemente, sondern auch für ganze Systeme von Bedeutung ist. «Deshalb muss rasch an der Nachfolge der Station gearbeitet werden.» Ein Ortswechsel von der ISS zur chinesischen Raumstation «Tiangong» (Himmelspalast) wie einst im Raumfahrt-Thriller «Gravity» sei technisch - und politisch - leider nicht möglich. (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.