Kennedy-ErmordungHintergrund wurde nie restlos geklärt
Als US-Präsident John F. Kennedy mit seiner Frau Jackie am 22. November 1963 um 11.30 Uhr auf dem Flughafen Love Field in Dallas landet, herrscht strahlendes Wetter. Schon vor dem Flughafen jubeln die Texaner dem Präsidentenpaar im offenen Lincoln zu. Der Fahrzeugkonvoi setzt sich Richtung Innenstadt in Bewegung, verlangsamt in der Elm Street die Fahrt. Es ist 12.30 Uhr.
Was in den den nächsten 27 Sekunden passiert, hält der russischstämmige Hobbyfilmer Abraham Zapruder mit seiner 8-mm-Kamera fest. Man sieht Kennedys Lincoln. Gouverneur Connally, mit im Wagen, reißt den Kopf herum. Kriminalisten deuten das mit einem ersten Schuss. Die nächsten Bilder von Zapruders Film zeigen Kennedy, wie er sich an den Hals greift und einen ebenfalls getroffenen Gouverneur. Dann der tödliche Schuss: Der Kopf des Präsidenten zerplatzt förmlich, seine Frau klettert im Schock auf den Kofferraum. Die letzten Bilder des Films lassen noch einmal Kennedys fürchterliche Kopfwunde erkennen. Die Öffentlichkeit hat den Zapruder-Film erst 1975 zu Gesicht bekommen.
Was man zum Zeitpunkt des Attentats und kurz darauf wusste, war ein Puzzle aus Einzelwahrnehmungen und ins Kraut schießenden Spekulationen. Wie viele Schüsse fielen? Von wo? Wie viele Täter kommen in Frage? Auf 900 Seiten versucht eine nach Earl Warren, dem Obersten Bundesrichter, benannte Kommission, die Hintergründe zu dokumentieren. 1964 liegt der Report vor, im Anschluss erscheinen 26 Bände mit Zeugenaussagen und Dokumenten. Und doch bleiben bis heute Fragen offen - Futter für Verschwörungstheoretiker.
Um 13 Uhr wird JFK für tot erklärt. Noch vor der Autopsie wird der Leichnam von Secret-Service-Agenten zum Flughafen gebracht. Dort wartet die Air Force One - an Bord wird zwei Stunden nach dem Attentat Lyndon B. Johnson als 36. US-Präsident vereidigt. Zu dem Zeitpunkt hat die Polizei in Dallas das Kino Tewas Theatre gestürmt und den 24-jährigen Ex-Marinesoldaten Lee Harvey Oswald festgenommen. Kurz zuvor hat man Oswalds Gewehr gefunden, eine Mauser, Kaliber 7.65 - oder war es eine Mannlicher-Caracano, Kaliber 6.5 mit Zielfernrohr? Rund um Oswald, Freund der Sowjetunion und Kubas, dem CIA-Kontakte und ein tiefer Hass auf Kennedy nachgesagt werden, liegt eines der Epizentren der Verschwörungstheorien. Er selbst konnte zum Fall kaum aussagen: Vor laufenden Kameras erschoss ihn 48 Stunden nach dem Attentat Nachtclubbesitzer Jack Ruby, ein Mann mit angeblichen Kontakten zum Organisierten Verbrechen.
Hier haben wir die den letzten Stein im Puzzle der Verschwörungstheoretiker: Die Mafia. Hatte sie, die um ihre Märkte im Drogen-, Glücksspiel- und Bordellgeschäft auf Kuba beraubt wurde, nicht Grund, Kennedys Kuba-Politik zu kritisieren und ihm nach dem Leben zu trachten? Und Castros Kuba? Was war mit den gewiss JFK bekannten geplanten Anschlägen gegen Fidel Castro? Und der Geheimdienst CIA, als übermächtiger Staat im Staat, der partiell mit der Mafia und Exilkubanern zusammenarbeitete?
Während das Gros der Historiker den Fall für geschlossen und Oswald zum Einzeltäter erklärt hat, blüht der Markt der Verschwörungstheorien - angefeuert von Oliver Stones Kino-Thriller "JFK" (1991). "Wäre der Mord tatsächlich nur das Werk des verwirrten Einzeltäters Oswald gewesen, wäre er längst und bis ins letzte Detail geklärt", schreibt der ehemalige Redakteur der taz und Kolumnist der Zeit, Mathias Bröckers. "Zumindest so weit, dass jeder mit einem IQ über Zimmertemperatur diese Klärung als wahrheitsgemäß und nachvollziehbar akzeptieren müsste. Doch davon kann keine Rede sein."
Bröckers hat mit "JFK Staatsstreich in Amerika" den unüberblickbaren Berg der Verschwörungsbücher zum Thema um ein Werk bereichert, das keine wirklich neuen Aspekte bietet, sich jedoch sehr spannend liest. Seine These: "Der Mord war ein konzentriertes Staatsverbrechen unter Beteiligung der politischen, militärischen und ökonomischen Eliten."
Gerade erschienen: Mathias Bröckers, JFK Staatsstreich in Amerika. Westend, 287 S., 19,90 Euro / Ronald D. Gerste: JFK 100 Fragen - 100 Antworten. Klett-Cotta, 272 S., 16,95 Euro