Rom – Gabriele Tadini, Cheftechniker der Seilbahn Stresa-Monte-Mottarone, war der Einzige, der zugab, die Bremsen der am Sonntag vergangener Woche verunglückten Seilbahnkabine manipuliert zu haben. „Die Kabine hatte schon seit einem Monat Geräusche gemacht. Ich habe deshalb die Bremse blockiert, weil wir eine Unterbrechung des Betriebs fürchteten“, hatte Tadini am Freitag der Untersuchungsrichterin Donatella Banci Buonamici gestanden.Der Betreiber der Seilbahn, Luigi Nerini, indes wies jede Mitschuld von sich: „Ich habe mich nur ums Geschäft gekümmert, die Sicherheit war die Sache der beiden anderen.“
Auch der Betriebsdirektor der Seilbahnanlage, Enrico Perocchio, wies jede Mitschuld und allein das Wissen um die Manipulation der Kabinenbremse von sich. Beschämende Aussagen angesichts der 14 Todesopfer, die der Absturz der Kabine Nummer 3 gefordert hatte. Dennoch entschloss sich die Untersuchungsrichterin, die beiden Chefs der Anlage auf freien Fuß zu setzen, während der Sicherheitsingenieur Tadini in Hausarrest versetzt wurde.
Ermittlungen sollen fotgestezt werden
Die Oberstaatsanwältin von Verbania, Olimpia Bossi, will indessen die Ermittlungen fortsetzen. „Wir mussten die Entscheidungen der Untersuchungsrichterin zwar hinnehmen, doch gibt es erhebliche Zweifel an den Aussagen der Beteiligten, sodass wir mit unseren Untersuchungen unverändert fortfahren“, erklärte Bossi. Insbesondere sind noch alle Ermittlungen über die Ursachen, weshalb das Zugseil der Bahn gerissen ist, ungeklärt.
Befragt zu den Fakten werden auch die Experten der Leitner AG, einer Südtiroler Spezialfirma für die Wartung von Seilbahnen. Deren Vorstandsvorsitzender Anton Seeber hatte gegenüber der Staatsanwaltschaft erklärt, dass „die Nutzung der sogenannten Klammer zur Verriegelung der Notbremse nur bei bestimmten Wartungsarbeiten erlaubt, im Personenbetrieb jedoch streng verboten sei“.
Zugseile zuletzt 1997/98 gewechselt
Halte- und Zugseile an der Stresa-Monte-Mottarone-Bahn waren zuletzt in den Jahren 1997/98 gewechselt worden. Die Betreiber nutzten danach ein EU-Gesetz aus, nachdem ein erneutes Wechseln solcher Drahtseile erst nach 30 Jahren vonnöten sei. Nach italienischem Recht hätten beide Seile bei den Wartungsarbeiten 2014-16 gewechselt werden müssen, aus Kostengründen hatten die Betreiber darauf verzichtet.Bei Bekanntwerden solcher Informationen fällt einem spontan das Unglück von Genua ein, der Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August 2018. Bei dem Einsturz der Brücke über dem Polceveratal waren ebenfalls die völlig korrodierten Stahlseile des Pfeilers 9 gerissen. 35 Autos und 3 Lastwagen stürzten in die Tiefe, 43 Menschen verloren ihr Leben.
Im Untersuchungsbericht hieß es: „Wären die Wartungsarbeiten zeitgerecht und ordnungsgemäß ausgeführt worden, hätte die Brücke nicht einstürzen müssen.“Viele Autobahnbrücken und andere Bauwerke in Italien sind in schlechtem Zustand. Die Gründe: Der Gewinnabsicht stehen hohe Instandhaltungskosten und bürokratische Gebühren im Wege, zu kurz kommt oftmals die dringend erforderliche Wartung von Gerät und Bauwerk.
Auch auf anderer Ebene lässt sich die in Italien oft geübte Nachlässigkeit nachweisen. Soeben erschienen beim staatlichen Statistikamt Istat die aktuellen Zahlen der Arbeitsunfälle im ersten Quartal 2021. Positiv vermerkte man, es gäbe einen Rückgang zum Vergleichszeitraum im Vorjahr. Dennoch wurden offiziell 171870 Arbeitsunfälle gemeldet. Besonders dramatisch: Bis April ereigneten sich 306 Unfälle mit tödlichem Ausgang.Alle Appelle von Regierung oder auch vom Staatspräsidenten Sergio Mattarella, man müsste mit größter Aufmerksamkeit diesem Phänomen begegnen und die Sicherheit am Arbeitsplatz garantieren, nützen seit Jahren nichts. So gesehen ist der Unfall an der Seilbahn zum Monte Mottarone nur ein weiteres Symptom einer Kette lang geübter Untätigkeiten.
