Abo

Sexuelle OrientierungWie Jugendliche unter der Corona-Situation zu leiden haben

7 min
Corona belastet 3

Die Corona-Pandemie hat bei vielen LSBTIQ-Jugendlichen, hier ein Symbolbild, die sexuelle Identitätsentwicklung unterbrochen.

  1. Junge Menschen in der sexuellen Identitätsentwicklung haben es in der Gesellschaft ohnehin nicht leicht.
  2. Die Pandemie hat es noch schwieriger gemacht – so sehr, dass manche von ihnen die Lust am Leben verlieren.

Köln – Voll aufs Gas, ein Schwenk mit dem Lenkrad und alle Sorgen wären weg. Es könnte alles so schnell vorbei sein. Vielleicht in nur wenigen Sekundenbruchteilen. Vielleicht ganz ohne Schmerzen. Die Gedanken sind da. Mal mehr, wenn Laurin allein im Auto unterwegs ist. Mal weniger in fröhlichen Momenten mit guten Freunden an der Seite. Wenn er spricht, merkt man ihm das nicht an. Ein ganz normaler Jugendlicher eben, könnte man denken. Einer, mit den ganz normalen Herausforderungen und Problemen, die sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden nun einmal stellen. Laurin ist 18 Jahre alt und schwul. Vielleicht kann sich das aber auch noch mal ändern, sagt er. Laurin ist auf der Suche. Nach seiner eigenen Identität, nach seiner Sexualität und nach Anerkennung in der Gesellschaft.

Corona wirkt wie ein Problem-Katalysator

Vielen anderen nicht-hetero Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht es ähnlich. Weil sie oft ausgegrenzt und an vielen Stellen diskriminiert werden, ist das schon so ein großes Problem – auch ohne Pandemie. Doch Corona hat die Probleme verstärkt. Wenn der Austausch mit anderen Jugendlichen fehlt, fehlt die Orientierung an anderen, die in ihrer Selbstfindung schon weiter sind. Wenn die Möglichkeiten wegfallen, andere Jugendliche kennenzulernen und seine Sexualität auszuprobieren, dann stagniert der Selbstfindungsprozess.

Das Kölner Jugendzentrum Anyway hat in einer nicht-repräsentativen Umfrage ermittelt, dass rund ein Viertel der LSBTIQ-Jugendlichen (siehe Infokasten) während der Corona-Zeit Suizidgedanken hatte.

LSBTIQ

LSBTIQ dient als Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans-, intergeschlechtliche und queere Menschen.

Transgeschlechtliche Personen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Intergeschlechtliche Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als nur männlich oder nur weiblich einordnen lassen. Der Begriff queer wird oft als Sammelbegriff für die LSBTIQ-Community genutzt oder von Menschen, die sich nicht in eine der begrenzenden Kategorien einordnen. (sim)

Jugendliche, die unsicher sind in ihrer geschlechtlichen Identität sowie ungeoutete Personen waren besonders stark betroffen. „Die Pandemie hat Probleme dort verstärkt, wo sie ohnehin schon groß waren“, sagt Jürgen Piger aus der Geschäftsführung des Jugendzentrums. „Das merken wir auch bei LSBTIQ*-Jugendlichen, die ohnehin in unserer Gesellschaft unter hohem Druck stehen und deren Minderheitenstress sich in der Pandemie verstärkt hat. Das hat auch Folgen für ihre körperliche und psychische Gesundheit.“

Auch der 19-jährigen Sam fehlte in der Corona-Zeit die Möglichkeit, ihre Selbstfindung voranzutreiben. „Ich komme nicht klar auf mein Leben“, sagt sie. Einen Suizid-Versuch hat sie bereits überlebt. Könnten solche Gedanken wiederkommen? „Kann gut sein.“ Sam ist non-binär. Heißt: Als biologische Frau identifiziert sie sich weder als Frau noch als Mann. „Wie ich mich preisgebe, ist eher maskulin“, sagt sie. „Aber eigentlich ist mir das auch egal.“ Viele Menschen verstehen das nicht. Manche hätten etwas dagegen, und sagen das auch. Manche ließen sie trotz Unverständnisses in Ruhe. Wenn Sam keinen BH trägt oder ihre Beine nicht rasiert, gucken die Leute komisch. Auch Kommentare gäbe es ab und zu. „Es ist nicht meine Aufgabe, mich mit diesen Kommentaren abzufinden. Die Leute sollten sich damit abfinden, dass jeder Mensch ist, wie er ist. Es kann ihnen doch scheißegal sein.“

Orientierung zu anderen als Wegweiser

Sam interessiert sich für Mädchen. „Es gibt aber auch Ausrutscher, dann bin ich verwirrt“, sagt sie. Einmal hatte sie einen Freund. Das habe emotional funktioniert. Aber für immer konnte Sam sich das nicht vorstellen. „Ich muss mich weiter ausprobieren, damit ich weiß, was ich eigentlich will. Ich brauche Orientierung zu anderen, die auch noch auf der Suche sind.“ Diese Orientierung fand sie auf einer Mädchenfahrt des Anyway. „Ich hatte noch nie so viele Leute auf einem Fleck, die genauso gefühlt haben und bei denen ich mich so verstanden gefühlt habe.“ In der Pandemie waren solche Treffen nur eingeschränkt möglich. Auch Psychologen konnten nicht helfen. „Ich fühle mich unverstanden, kann aber auch nur schwer über die Probleme sprechen“, sagt Sam. Zuhause erfahre sie zwar Unterstützung, doch auch das reiche nicht, um die Probleme zu lösen. Aus den wirren Gedanken darüber, in der Selbstfindung nicht voran zu kommen, entwickelten sich dann immer wieder diese schlimmen Gedanken: Macht das Leben überhaupt noch Sinn?

Als die Schule im Frühjahr vergangenen Jahres dicht machte, war das für Laurin wie eine Befreiung. „Ich hatte auf einmal viel mehr Zeit, die ich gut genutzt habe.“ Zum Beispiel für sein großes Hobby. Er reparierte zum ersten Mal eigenständig eine Uhr. Doch das gute Gefühl blieb nicht lange. Es war die Summe aus vielen Dingen, die nach und nach, schneller als es zu verkraften war, zusammenkamen.

Antrieb und Perspektive fehlten plötzlich

Im Sommer trennte sich Laurin von seinem ersten festen Freund. In der Schule fehlten Bezugspersonen und Bestätigung. Auch die ehrenamtliche Mitarbeit in der Gemeinde fiel weg. Die Pfadfinder, bei denen er sich engagiert, trafen sich nur noch digital. „Online war nie so meins“, sagt er. „Da war es leichter, sich auszuklinken.“ Und dann die Sache mit der Selbstfindung. „Ich habe zwar online auch mit anderen Leuten geschrieben. Doch wenn sich dann wirklich mal was ergab, konnte man ja auch nichts unternehmen.“ Eine Perspektive? Gab es lange nicht. Auf einmal fehlte für alles der Antrieb und immer wieder zogen ihn die Gedanken über die eigene Identität emotional runter.

Das Anyway machte queeren Jugendlichen auch während der Pandemie-Hochphase Angebote: Beratungsspaziergänge oder Online-Treffen mit Gleichaltrigen. Auch jetzt gibt es noch Einschränkungen im Anyway. Ins hauseigene Café dürfen nur 20 Jugendliche gleichzeitig. Die Nachfrage ist deutlich höher. Und bei vielen bleibt die Sorge, dass die Delta-Variante für neue Beschränkungen sorgen könnte.

Das größte Tief durchlebte Laurin zum Jahreswechsel. Er informierte sich über Möglichkeiten, seinem Leben ein Ende zu setzen. Viele Fragen schossen ihm durch den Kopf: Wie würden die Leute reagieren? Würden sie mich überhaupt vermissen? Ein Gedanke überwog aber: „Das konnte ich meinen Eltern nicht antun.“

Beratung und Seelsorge in schwierigen Situationen

Kontakte | Hier wird Ihnen geholfen

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins "Nummer gegen Kummer" richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Samstag nehmen die jungen Berater des Teams "Jugendliche beraten Jugendliche" die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de

Laurin nimmt mittlerweile Anti-Depressiva. Die negativen Gedanken sind weg. Und auch das soziale Leben mit wieder mehr Kontakten ist wieder zurück. Mit ein bisschen Abstand sieht er in der Corona-Krise vor allem eine Chance. „Ich bin froh, dass die psychischen Probleme jetzt gekommen sind und nicht erst in fünf oder zehn Jahren.

Er kommt nun in die 13. Klasse, das Abitur ist nah. „Wenn ich mit der Schule fertig bin, will ich in ein neues Umfeld ziehen. Ich denke, dann wird alles noch besser.“ Sein Hobby will er dann zum Beruf machen und eine Ausbildung zum Uhrmacher starten. Und er hat noch mehr Pläne. „Ich will zum Beispiel wieder segeln. Und ein Auto restaurieren. Die „bösen“ Gedanken könnten wiederkommen, sagt er. Andererseits: „Es kann doch eigentlich noch so viel Schönes kommen.“