Köln – Die Sirenen blieben still. Landesweit hätte Mitte März ein Probealarm erklingen sollen. Mit einem Erlass schritt NRW-Innenminister Herbert Reul aber in letzter Sekunde ein: Es bestehe die Gefahr, dass der Alarm die Bevölkerung wegen des Ukraine-Kriegs verunsichere, sagte der Minister damals. Dabei erfüllt der Probealarm einen wichtigen Zweck. Mit ihm soll getestet werden, ob die Bevölkerung im Katastrophenfall mit Sirenen gewarnt werden kann. Ein Überblick über die Lage in Nordrhein-Westfalen.
Das Land
Derzeit gibt es rund 5500 Sirenen in NRW. Obwohl Gefahrenabwehr eigentlich zu den Aufgaben des Innenministeriums gehört, ist das Warnen Sache der Kommunen. Dazu verpflichtet, die Bevölkerung mit Sirenen zu warnen, sind sie aber nicht. Das Land selbst empfiehlt eine Mischung aus verschiedenen Warnsystemen.
Das bedeutet der Heulton der Sirenen
Auf Notfälle und Katastrophen soll das Signal der Sirenen die Bevölkerung aufmerksam machen. Es gibt aber auch Entwarnung, wenn die Katastrophenlage vorbei ist.
Bei einer Warnung schwillt der Heulton der Sirene eine Minute lang in regelmäßigen Intervallen an und ab. Aufgehoben wird die Warnung mit einem Dauerton, der eine Minute dauert.
Während eines Probealarms, wie er zum Beispiel an den landesweiten Warntagen durchgeführt wird, gibt es schon vor dem Warnsignal einen einminütigen Dauerton. Es folgt eine kurze Pause, dann der an- und abschwellende Heulton.
Leicht zu verwechseln ist der Dauerton mit der Alarmierung der Feuerwehr. Auch diese setzt auf ein durchgängiges Heulen, das eine Minute lang dauert. Es wird allerdings zweimal unterbrochen. (maf)
20 Millionen Euro hat das Land den Kommunen in den vergangenen Jahren zur Verfügung gestellt, um das Sirenennetz auszubauen. „Von diesem Geld wurden größtenteils Sirenen gekauft, aber auch die Erarbeitung von Warnkonzepten oder die Beschaffung von Warnfahrzeugen finanziert“, sagt ein Sprecher des NRW-Innenministeriums. Weitere 1,1 Millionen Euro fließen jährlich in die Leitstellen für Brandschutz, Rettungsdienst und Katastrophenschutz. Das Land habe sich auch dafür eingesetzt, dass in diesen das satellitengestützte Modulare Warnsystem eingeführt werde, so das Innenministerium. NRW hat bereits 2018 einen landesweiten Warntag eingeführt. Dieser war Vorbild für den bundesweiten Warntag, der zwei Jahre später zum ersten Mal stattfand.
Die Kommunen
Nach dem Kalten Krieg, in den 1990er Jahren, übergab der Bund das Sirenennetz in die Hände der Kommunen. Wie diese mit Sirenen und Warnmeldungen umgehen, unterscheidet sich teils erheblich. Viele nutzten die Sirenen zunächst auch für den Feueralarm, andere reduzierten die Anzahl der Warnanlagen deutlich.
Aktuell ändert sich das aber: Swisttal im Rhein-Sieg-Kreis etwa setzt die Sirenen nur noch im Katastrophenfall ein. Die Feuerwehr der Gemeinde wird nicht mehr über Sirenen alarmiert, sondern über Funkmeldeempfänger. Laut Tobias Kalenborn, dem Pressesprecher der Freiwilligen Feuerwehr Swisttal, sei die Gefahr zu groß, dass ein Warnsignal als Feueralarm fehlinterpretiert werde. Swisttal ist nicht die einzige Kommune im Rhein-Sieg-Kreis, die ihre Sirenen nur noch für den Warnfall einsetzt: Sankt Augustin, Troisdorf und Königswinter gehören auch dazu. Eitorf stellte den Feueralarm bereits vor 18 Jahren auf Funkmeldeempfänger um.
Ihre Sirenenstrategie hat auch die Stadt Mechernich im Kreis Euskirchen angepasst. 39 Sirenen sollen das Warnnetz der Stadt in den kommenden Monaten verstärken. 2019 waren nur noch 28 Sirenen übrig in der Flächenkommune, die 44 Ortsteile und eine Fläche von 136 Quadratkilometern zählt. Zum Vergleich: Die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn hat eine Fläche von 141 Quadratkilometern – und mehr als 60 Sirenen. Während Bonn zu den wenigen Städten im Land gehört, die ihr Sirenennetz in den 90ern nicht abgebaut haben, reduzierte Mechernich die Sirenenzahl deutlich.
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Die Stadt will bereits seit drei Jahren ihr Sirenennetz aufrüsten. Beschleunigt hat das Verfahren die Flutkatastrophe, die im Juli 2021 in NRW und im nördlichen Rheinland-Pfalz 181 Menschenleben kostete, und auch den Kreis Euskirchen schwer traf. Auch andere Kommunen in der Voreifel investieren deshalb massiv in ihre Warninfrastruktur: Hellenthal etwa will 18 zusätzliche Sirenen anschaffen, Zülpich 36.
Der Bund
Den Aus- und Umbau des Sirenennetz unterstützt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit einem Förderprogramm. 88 Millionen Euro sollen bis Ende des Jahres deutschlandweit in das Sirenennetz fließen, NRW erhält allein 18 Millionen Euro aus dem Fördertopf. Das Geld ist nötig: Es fehlt nicht nur an Sirenen, auch deren Technik entspricht häufig nicht mehr dem aktuellen Stand.
Aufgelegt hat das Bundesamt das Förderprogramm vor allem wegen der Flutkatastrophe, aber auch wegen der Erfahrungen, die am ersten bundesweiten Warntag gemacht wurden. 2020 lief viel schief, Warnmeldungen kamen zu spät an oder erreichten die Bevölkerung gar nicht. Den zweiten bundesweiten Warntag ein Jahr später sagte der Bund ab. Auch in NRW ist unklar, wie einsatzfähig das Sirenennetz ist. Das Innenministerium des Landes hat auf Anfrage hierzu keine Angaben gemacht.
Warnsysteme
Zu den Warnmedien zählen neben den kommunalen Sirenen Radio und Fernsehen, Soziale Medien oder Warn-Apps wie Nina. Koordiniert werden diese über das Modulare Warnsystem – via Satellit und via Kabel. Das macht das System unter anderem unempfindlicher gegen Stromausfälle. Die gesamte Warninfrastruktur wird an Warntagen getestet. Beim Probealarm, wie er im März stattfinden sollte, geht es nur um die Funktionsfähigkeit der Sirenen.


