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„Vorliebe des Landes für Populismus“So blickt die Welt auf Deutschland und das Wal-Drama um „Timmy“

4 min

Internationale Medien blicken verwundert bis belustigt auf das deutsche Wal-Drama. Ein besonders scharfes Urteil gibt es in den Niederlanden.

Als der Buckelwal, den die Deutschen „Timmy“ nannten, im flachen Wasser vor der Ostseeküste trieb, schaute nicht nur Deutschland zu. Auch internationale Medien verfolgten das Geschehen – und sahen darin mitunter mehr als ein erschöpftes Tier, sondern vorrangig einen Spiegel für die deutsche Gesellschaft.

USA: Irrational, aber menschlich

Der freundlichste Blick kam dabei aus den Vereinigten Staaten. Der „New Yorker“ wertete die Rettungsaktion als zutiefst menschliche Geste. Strandungsexperte Sebastian Strand beschrieb die Bemühungen in dem Magazin so: „Ich würde sagen, es war irrational, getragen von Glauben und der Bereitschaft, angesichts eines ansonsten sicheren Untergangs sein Bestes zu versuchen.“

Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus wurde mit einem Satz zitiert, der das Gefühl einer halben Nation zu treffen schien: „Das ist für mich persönlich ein emotionales Thema, denn wenn man Tiere liebt, stirbt man mit dem Wal.“

Till Backhaus (SPD)

Till Backhaus (SPD)

Auch die „New York Times“ erkannte in der Posse um den Buckelwal ein Symptom der Verunsicherung westlicher Gesellschaften. „In diesem ersten Monat schien Timmy das Beste aus der deutschen Öffentlichkeit hervorzubringen. Am Ende hatte er etwas ganz anderes hervorgebracht“, schrieb das Blatt. Und weiter: „Zwei Sehnsüchte des modernen westlichen Lebens sind die nach Gemeinschaft und die nach Verschwörung. In den mehr als zwei Monaten, nachdem er erstmals in die Ostsee geraten war, befriedigte Timmy beides.“

Schweden: Symbol für alles, was schiefläuft

Schärfer fiel der Blick aus dem Norden aus: Die schwedische Zeitung „Sydsvenskan“ kommentierte trocken: „Vergesst die Straße von Hormus – jetzt zählt die Bucht von Wismar.“ Der Buckelwal sei das deutsche Gegenstück zum „Großen Elchmarsch“, bei dem alljährlich Hunderte Elche von der nordschwedischen Küste ins Landesinnere ziehen – nur dass hier nicht friedlich ziehende Tiere beobachtet würden, sondern „Zehntausende von Zuschauern auf den zerklüfteten Rücken eines langsam sterbenden Wals in kranker See“ starrten.

Der erschöpfte Wal sei zum Symbol für alles geworden, was in Deutschland schieflaufe, so die Einschätzung der Skandinavier: eine stagnierende Wirtschaft, marode Straßen, steigende Benzinpreise. Das Blatt formulierte es zugespitzt: „Die Botschaft lautet: Wer Timmy nicht retten kann, ist auch nicht in der Lage, Deutschland zu retten.“

Der schwedische Sender TV4 sah in dem Fall eine Fallstudie über gesellschaftliche Spaltung: „Der Wal einte Deutschland zunächst. Dann legte er tiefe Risse offen. Und schließlich lag die Vorliebe des Landes für Populismus für alle sichtbar da.“

Eine Tierärztin steht am Ufer unweit vom toten Buckelwal, der vor der dänischen Insel Anholt liegt. Es handelt sich um den als Timmy bekannten Buckelwal, der Ende März erstmals vor Timmendorfer Strand gestrandet war und rund einen Monat später in die Nordsee transportiert wurde.

Eine Tierärztin steht am Ufer unweit vom toten Buckelwal, der vor der dänischen Insel Anholt liegt. Es handelt sich um den als Timmy bekannten Buckelwal, der Ende März erstmals vor Timmendorfer Strand gestrandet war und rund einen Monat später in die Nordsee transportiert wurde.

Menschen pilgerten an die Küste, durchbrachen Absperrungen, schwammen zum Tier hinaus. Der Umweltminister erhielt Morddrohungen. In sozialen Netzwerken wurde spekuliert, warum die Regierung den Wal angeblich nicht retten wolle. TV4 resümierte: „Es ging nicht länger um einen Buckelwal. Timmy war zu einem Symbol für alles geworden, was die Elite falsch macht.“

Niederlande: Ein Musterbeispiel für Dekadenz

Die niederländische Zeitung „NRC“ nahm die Rettungsversuche besonders kritisch unter die Lupe. Die Aktion sei nicht nur tierfeindlich, sondern auch „ein Musterbeispiel für Dekadenz“. Die anderthalb Millionen Euro, die die Befreiungsaktion kostete, seien schlussendlich nicht für „Timmy“ ausgegeben worden. Statt an der Beziehung zwischen Tier und Natur zu arbeiten, sei es den Rettern um „die Beziehung zwischen ihnen selbst und einem todkranken Tier“ gegangen, so die Einschätzung in den Niederlanden. 

Großbritannien: Tierschutz vs. Naturschutz

Der britische „Guardian“ widmete sich unterdessen stärker den wissenschaftlichen Aspekten der Posse um „Timmy“. Das britische Blatt sah in Timmys gescheiterter Rettung vorwiegend ein Lehrstück über die Spannung zwischen Tierrechtsaktivismus und professionellem Naturschutz – befeuert durch soziale Medien.

Amy Dickman, Professorin für Wildtierkonservierung an der Universität Oxford, formulierte die grundsätzliche Kritik: „Es ist wirklich auffällig, dass der Fokus so stark auf diesem einzelnen Tier lag – zu so hohen Kosten –, während die Finanzierung des Wildtierschutzes weltweit in einer tiefen Krise steckt. Es ist wirklich fraglich, ob das eine gute Mittelverwendung war, besonders verglichen mit Problemen, die weit mehr Wale betreffen, wie Kollisionen mit Schiffen und Verfangen in Fischernetzen.“

Schließlich legte auch die vom „Guardian“ ausführlich zitierte Professorin den Finger in die Wunde: „Was sich für die Öffentlichkeit gut anfühlt, muss nicht unbedingt das Beste für das Tier sein“, erklärte Dickman. Der Fall zeige die Tendenz hin zu einem stärker durch soziale Medien gesteuerten Wildtiermanagement – das sei „beunruhigend“, führte die Professorin aus.

„Es entsteht ein enormer Druck, schnell zu handeln, und das gibt Experten nicht die Zeit, sorgfältig abzuwägen, was der beste Weg wäre – einschließlich Maßnahmen wie der Euthanasie, die bei der Öffentlichkeit vielleicht nicht populär sind, für das Wohlbefinden des Tieres aber die beste Option gewesen wären“, so Dickman. (das)