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Studie der Bertelsmann-StiftungWie Kinder und Jugendliche unter Corona leiden

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Gedanken drehen sich im Kreis, sie haben keinen Antrieb für nichts: Jugendliche und Kinder leiden in der Pandemie. Mitunter können Depressionen und Essstörungen die Folge sein.

Marie (Name von der Redaktion geändert) liegt an manchen Tagen einfach den ganzen Tag im Bett und ist traurig. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis, sie hat keinen Antrieb für nichts. Seit Oktober, kurz vor dem zweiten Lockdown also, wurde es schlimmer. Die früher so fröhliche Teenagerin kommt nicht mehr zurecht.

Ihre Familie beobachtet, dass sie sich immer häufiger zurückzieht, nichts mehr isst, immer dünner wird. Seit einigen Wochen ist sie in Therapie. Die Diagnose: eine ernst zu nehmende Essstörung, einhergehend oder ausgelöst von einer depressiven Verstimmung. Als ihre Eltern sich auf die Suche nach professioneller Hilfe für ihre Tochter machen, sagen ihnen Psychologen und Therapeuten: „Ihre Tochter ist kein Einzelfall. Viele Jugendliche leiden gerade unter ganz ähnlichen Symptomen.“

64 Prozent der Jugendlichen fühlen sich psychisch belastet

Diesen Befund bestätigen Befragungen zum Thema „Jugend und Corona“ der Universitäten Hildesheim und Frankfurt, die die Bertelsmann-Stiftung ausgewertet hat. 61 Prozent der Jugendlichen fühlen sich einsam, 64 Prozent sehen sich psychisch durch die Pandemie belastet, 69 Prozent haben Zukunftsängste. Vielen von ihnen fehlen ihre Hobbies und Orte, an denen sie sich mit Gleichaltrigen und ohne Erwachsene treffen können. Mädchen leiden stärker unter den Einschränkungen der Pandemie als Jungen. 65 Prozent der befragten Jugendlichen haben den Eindruck, dass sich niemand für ihre Sorgen interessiert.

Immer mehr Psychotherapien

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Nordrhein-Westfalen werden einer Studie zufolge psychotherapeutisch behandelt. Von 2009 bis 2019 hat sich die Zahl der Behandlungen mehr als verdoppelt. In NRW waren 2019 rund 208 000 Kinder und Jugendliche in psychotherapeutischer Behandlung, das sind den Angaben zufolge 119 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Das geht aus dem aktuellen Arztreport der Barmer Krankenkasse hervor.

Im Jahr 2019 sind demzufolge 4,7 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen psychotherapeutisch behandelt worden. (dpa)

Maries Leiden an der Seele ist kein Thema bei den Corona-Gipfeln, bei denen die Bundesregierung und die Länderchefs darüber entscheiden, mit wie vielen anderen Menschen sich ein Mensch treffen darf oder ob Schulen geöffnet werden können oder nicht. Und doch hängt ihre Traurigkeit mit all dem so eng zusammen wie es ansonsten selten ist bei politischen Entscheidungen. Für Maries Vater ist völlig klar, dass ihre Krise eine Folge des Lockdowns ist. Der lähmende Corona-Zustand hat irgendwann auch Marie gelähmt.

„Ich bin die ganze Zeit mit mir selbst beschäftigt“

Sie sitzt wie so oft in diesen Tagen ohne Unterricht zuhause und spricht via Handy über die letzten Monate, die sie aus dem Tritt gebracht haben. Eine zarte Teenagerin an der Schwelle zum Alter, in dem viele junge Leute vor Tatendrang bersten und die Welt erobern wollen. „Es fällt mir so schwer, einfach zu Haus zu sein und keine Struktur mehr zu haben“, sagt sie. Derzeit hat sie in der Woche zwei Videoschalten mit ihrer Schule und bekommt ansonsten Hausaufgaben für die ganze Woche. Sie kann sich zu Hause schlecht konzentrieren, sagt sie. Es fehlt der Rahmen, die Gespräche mit Freunden in der Pause.

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„Jetzt bin ich die ganze Zeit mit mir selbst beschäftigt“, meint sie. Es gibt zu viel Zeit, in der sich jemand wie Marie in die fixe Idee verrannt hat, nicht mehr oder möglichst wenig zu essen. Und es gibt keine Ablenkung von dieser Idee. Früher spielte Marie Akkordeon. Das Interesse fiel weg, als der Unterricht nur noch online stattfinden konnte. Auch zum Badminton-Spielen kann Marie nicht mehr gehen. Seit Dezember war sie nicht mehr in der Schule, auch im vergangenen Jahr hat sie die meisten Tage in ihrem Zimmer verbracht. Corona hat den Stundenplan der Jugendlichen buchstäblich in allen Lebensbereichen außer Kraft gesetzt. Dass die Geschwister ebenfalls zuhause waren und die Eltern teilweise im Home-Office hat ihr nicht geholfen. „Ich habe mich immer stärker von meiner Familie zurückgezogen.“

Kinderhilfswerk pocht auf außerschulische Angebote

Für den Präsidenten des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, ist klar, dass Jugendliche wie Marie nicht die Verlierer sein dürfen. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass psychische Probleme, Vereinsamung und Zukunftsängste das Leben junger Menschen zunehmend bestimmen“, sagt er. Jugendliche befänden sich einer „sehr prägenden Lebensphase“. Sie dürften in der Diskussion nicht länger auf ihr Dasein als Schülerinnen oder Schuler reduziert werden. Gerade wenn die Schulen geschlossen sind, müsste es „außerschulische Angebote geben, die soziale Interaktion ermöglichen, Bewegungs- und Ernährungsangebote für Kinder und Jugendliche aufrechterhalten sowie Ansprechpartner in schwierigen familiären Situationen bieten“. Marie braucht jetzt Hilfe. Die Eltern sind erleichtert, dass es ihnen trotz so vieler Betroffener gelungen ist, für ihre Tochter einen Therapieplatz zu bekommen. Die 14-Jährige ist niemandem böse dafür, dass es ihr so schlecht geht. Sie klingt eher resigniert. „Wir können ja nichts daran ändern. Es ist unnötig, sich zu beschweren.“ Ob es etwas gibt, worauf sie sich freut? Mit ihren Freunden unterwegs sein und im Sommer vielleicht verreisen, das wäre was.