Vor allem Millennials wünschen sich mehr Nationalstolz und wollen weniger kritisch über die deutsche Geschichte nachdenken.
„Next-Generation“-StudieViele junge Menschen sehnen sich nach traditionellen Rollenbildern

Ein Mann schaut zu, während eine Frau den Abwasch erledigt. 28 Prozent der Befragten sehnen sich nach traditionellen Rollenbildern, das zeigt die repräsentative „Next-Generation“-Studie der Allianz-Foundation. (Symbolbild)
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Junge Menschen in Deutschland streben nach einer nachhaltigen Zukunft. Viele von ihnen blicken dazu allerdings mit Sehnsucht nach der Vergangenheit. Das zeigt die repräsentative „Next-Generation“-Studie der Allianz-Foundation, die die Organisation am Dienstag vorstellen will. Sie liegt der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vorab vor.
In einigen zentralen Zukunftsthemen herrscht demnach Einigkeit: Eine deutliche Mehrheit wünscht sich ein neues Verständnis von Wohlstand. Zwei Drittel der Befragten verbinden damit nicht nur wirtschaftliches Wachstum und höhere Einkommen – sondern auch Klimaschutz, Bildungschancen und mehr politische Mitbestimmung.
Knapp ein Drittel sehnt sich nach „früher“
28 Prozent sehnen sich jedoch nach einem vermeintlich besseren „früher“, mit weniger Zuwanderung und traditionellen Geschlechterrollen. Vor allem Millennials im Alter von 30 bis 39 Jahren wünschen sich mehr Nationalstolz und wollen weniger kritisch über die deutsche Geschichte nachdenken.
Zugleich wächst der Frust: Rund 40 Prozent der jungen Menschen fühlen sich politisch übergangen. Fast 60 Prozent erleben ihre Generation als tief gespalten. Gewaltsame Tendenzen verstärken laut Studie diesen Trend sogar noch: Viele junge Menschen befürworten radikale Mittel, um politische Ziele umzusetzen.
Allianz Foundation entwickelt Backlash-Barometer
Zehn Prozent der Befragten sprechen sich offen für Hass im Netz, illegale Protestformen oder Gewalt gegen Menschen mit politischer Verantwortung aus. Weitere elf Prozent stimmen teilweise zu.
Die Allianz Foundation hat zudem ein Backlash-Barometer entwickelt. Backlash meint eine politische Strategie, die einen vermeintlich besseren früheren Gesellschaftszustand wiederherstellen will. Die Ergebnisse, aus denen der „Spiegel“ zitiert, geben „Anlass zu Sorge“, berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin.
„Nostalgie wird dabei als politische Waffe eingesetzt“
Die 28 Prozent der Befragten, die eine Sehnsucht nach früheren Zuständen ausgedrückt haben, wünschen sich demnach eine Politik, die Minderheiten wie Zugewanderte und trans Personen weniger berücksichtigt, heißt es weiter. „Nostalgie wird dabei als politische Waffe eingesetzt“, sagt Allianz-Studienleiter Simon Morris-Lange dem „Spiegel“ dazu.
Der Slogan „Make America great again“ sei wohl das prominenteste Beispiel, das dieses „zurück zu“ adressiere. In Deutschland seien es wiederum Aussagen wie: „Wir müssen uns die Demokratie zurückholen“ oder „zurück zu traditionellen Familienmodellen“.
„Die Backlashs sind meist offen regressiv“
„Die Backlashs, die Europa heute erschüttern, sind meist offen regressiv“, heißt es außerdem in der Studie. Mit regressiv sind dabei Ansichten gemeint, die nicht alle Menschen als gleichwertig betrachten und somit etwa offen für die Einschränkung von Minderheitenrechten sind.
„Autoritäre Populisten verbinden rückwärtsgewandte Narrative mit Fremdenfeindlichkeit, Anti-Feminismus, Nationalismus und starr traditionellen Vorstellungen von Moral und gesellschaftlicher Ordnung“, heißt es dazu von den Autoren der Studie.
Europa: Gewalt wird zunehmend toleriert
Deutschland steht in Sachen Backlash im europäischen Vergleich derweil nicht alleine da: Es liegt bei der Billigung gewaltsamer Aktionen (zehn Prozent) im europäischen Vergleich im Mittelfeld – deutlich über Italien (fünf Prozent), aber unter Frankreich (17 Prozent). In Frankreich spricht sich außerdem mehr als ein Drittel der jungen Menschen für eine Rückkehr zu alten gesellschaftlichen Strukturen aus.
97 Prozent der jungen Menschen in Deutschland engagieren sich individuell, zum Beispiel durch Wählen, bewussten Konsum oder Spenden. 43 Prozent sind auch kollektiv aktiv, in Initiativen oder bei Demonstrationen. Politisch sind sie heterogen: 13 Prozent links, 17 Prozent Mitte, 13 Prozent rechts bis regressiv.
Umfrage unter 16- bis 39-Jährigen
Die Allianz-Foundation führte die „Next-Generation“-Studie zum zweiten Mal durch. Die Stiftung befragte dazu im Jahr 2025 junge Menschen zwischen 16 und 39 Jahren in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und Spanien. In der Europäischen Union machen sie rund 65 Prozent der Altersgruppe aus. Von ihnen leben 23 Millionen junge Menschen in Deutschland. (das/kna)
