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Verhängnisvolle FehlerNeues Gutachten zur Loveparade zeigt Mängel in der Organisation

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Tausende Raver drängen sich auf der Loveparade 2010 in und vor dem Tunnel in Duisburg, in dem sich eine Massenpanik ereignet hat.

Duisburg – Zur Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg vor sieben Jahren ist es möglicherweise auch wegen einer lang anhaltenden Kapazitätsüberschreitung der Anlagen und des Veranstaltungsraumes gekommen. Darüber hinaus seien die im Vorfeld geplanten Maßnahmen, um solche Überbelastungen zu verhindern, nicht geeignet gewesen.

Davon sei die Hauptgefährdung für die Besucher ausgegangen, heißt es in einem 2000 Seiten umfassenden Gutachten der Staatsanwaltschaft zur Loveparade-Katastrophe, das unserer Redaktion vorliegt.

Tausende Aktenseiten und 300 Stunden Videomaterial gesichtet

Die Expertise untersucht, welche Fehler die Verantwortlichen bei der Planung und Genehmigung im Vorfeld des Festivals mit 21 Toten und mehr als 650 Verletzten gemacht haben. Für das Gutachten, das vom Sicherheitsexperten Jürgen Gerlach erstellt wurde, wurden Tausende Aktenseiten und rund 300 Stunden Videomaterial gesichtet - und das innerhalb eines Jahres von Juli 2016 bis September 2017. Das Gutachten wurde erst vor wenigen Tagen fertiggestellt.

Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft stützt Gerlach die Anklage gegen sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters. Die Angeklagten müssen sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Der Prozess beginnt am 8. Dezember. Nicht auf der Anklagebank sitzen der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland und Veranstalter-Chef Rainer Schaller. Das Gutachten beschreibt den Weg in die Katastrophe.

Vereinzelungsanlagen unangemessen aufgebaut?

Eine wichtige Rolle spielen in dem Gutachten die Vereinzelungsanlagen, die an neuralgischen Punkten des Veranstaltungsraumes den Besucherfluss lenken sollten. Diese Anlagen seien allerdings unangemessen aufgebaut worden. Besonders bei der Bemessung der Engstellen im Zugangs- und Abflussbereich der Besucherströme seien diesbezüglich Planungsfehler begangen worden. Aus Sicht des Gutachters sei es nicht nachvollziehbar, dass die Zufluss-Vereinzelungsanlagen West (Engstelle mit einer Breite von 6,3 Metern) und Ost (2,7 Metern) zum Teil sehr unterschiedlich ausgefallen und nicht breit genug gewesen seien.

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Kreuze stehen in Duisburg an der Gedenkstätte für die Opfer der Loveparade.

Dabei sei zu erwarten gewesen, dass die Besucher von beiden Seiten aufs Veranstaltungsgelände strömen. Das Gutachten kommt zu dem Schluss: Die Vereinzelungsanalgen waren für die erwarteten Besuchermengen nicht ausreichend. Auch der Tunnel, durch den die Menschen zum Festivaleingang gehen mussten, wird in dem Gutachten thematisiert. Der Weg durch die enge Röhre war der einzige Ab- und Zugang zum Gelände - ein Gefahrenpunkt. Man habe die Gefahr von Stockungen und Rückstaus im Tunnelbereich bei den Planungen möglicherweise unterschätzt. Zwar habe man erkannt, dass es zu Stockungen kommen könne, daraus aber nicht die richtigen Schlüsse gezogen.

Staubildung von Besuchern wurde nicht berücksichtigt

Stockungen durch temporäre Schließungen der Vereinzelungsanlagen und eine sogenannte Tunnelpatrouille zu verhindern, wie es das Konzept für den Ernstfall offenbar vorsah, hätte Stauungen laut Expertise nicht vermieden.

Der Einsatz einer Tunnelpatrouille (geplant waren dafür 16 Ordner) zur Gefahrenabwehr hätte ohnehin vorausgesetzt, dass der Tunnel zu keinem Zeitpunkt überfüllt gewesen wäre. Außer Acht gelassen wurde im Sicherheitskonzept für den Tunnel offenbar auch das Risiko, dass es beim abfließenden Besucherstrom, der auch durch den Tunnel musste, zu Staus kommen würde.

Bis heute ist nicht geklärt, wie viele Besucher auf der Loveparade waren. Möglicherweise waren es deutlich weniger, als von den Veranstaltern erwartet worden waren.

Der Analyse zufolge sollen bis 17.10 Uhr "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" maximal 118 000 Gäste auf der Eventfläche gewesen sein. Im Vorfeld hatte eine Prognose mit rund 290 000 Besuchern zu diesem Zeitpunkt kalkuliert.  

Die Chronologie der Loveparade-Katastrophe:

11 Uhr: Die Loveparade soll beginnen. Die Eröffnung muss wegen nicht abgeschlossener Arbeiten auf dem Veranstaltungsgelände verschoben werden.

14 Uhr: Im Zugangsbereich, an den Vereinzelungsanlagen (VEA), kommt es erstmals zu Drucksituationen. Wegen des Andrangs bilden sich Staus. Infolgedessen werden die Vereinzelungsanlagen kurzzeitig geschlossen, später aber wieder geöffnet.

15.30 Uhr: Der Rückstau ist mittlerweile so gewaltig angewachsen, dass Absperrzäune umgeworfen und überrannt wurden.

15.50 Uhr: Damit nicht noch mehr Besucher Richtung Gelände strömen, bildet die Polizei im Karl-Lehr-Tunnel zwei Polizeiketten.

16 Uhr: Eine dritte Polizeikette wird gebildet.

16.15 Uhr: Nach einer Schlägerei im Tunnel muss eine Polizeikette aufgelöst werden. Wenig später werden auch die anderen aufgelöst.

16.29 Uhr: Die Menschenmassen blockieren sich. Besucher drängen auf die schmale Treppe im Eingangsbereich zu, andere klettern auf Lichtmasten.

16.37 Uhr: Starke Wellenbewegungen in der Masse.

16.49 Uhr: Personen fallen nahe der schmalen Treppe zu Boden. Weitere Personen stürzen durch die Wellenbewegungen in der Menschenmasse, verkeilen sich ineinander und liegen in mehreren Schichten übereinander.

17.02 Uhr: Erste Todesfälle