Stefanie Stahl hat mit „Das Kind in dir muss Heimat finden“ das erfolgreichste Psychologie-Sachbuch Deutschlands geschrieben. Ein Gespräch über Therapie, Erfolg und die Frage, warum sie keine Patienten mehr behandelt.
Deutschlands erfolgreichste PsychologinZu Besuch bei der Frau, der Millionen ihre Seele anvertrauen

Die Heimat des inneren Kindes: Stefanie Stahl guckt aus ihrer Praxis in Trier.
Copyright: Daniel Benedict
Stefanie Stahl erreicht man über das Kopfsteinpflaster der Gilbertstraße in Trier, immer bergab der Mosel entgegen. Die psychologische Praxis, in der wir zum Erstgespräch verabredet sind, ist in einem hübschen, kleinen Altbau mit Schmuckgiebel. Das hätte man sich größer vorgestellt. Schließlich arbeitet hier die Therapeutin, der halb Deutschland vertraut.
Die Entstehung des Bestsellers
Vor zehn Jahren hat die 61-Jährige den Ratgeber „Das Kind in dir muss Heimat finden“ geschrieben. Zwei Jahre später stand das Buch zum ersten Mal auf Platz 1 der Jahres-Bestsellerliste. Seitdem hält es die Spitzenposition, mit über drei Millionen verkauften Exemplaren. Gerade entsteht eine Verfilmung, für die das Sachbuch eine fiktive Spielhandlung bekommt.

Stefanie Stahl und Daniel Benedict
Copyright: Praxisteam Stahl
Der Erfolg hat die Psychologin zur Marke gemacht. Stefanie Stahl ist ihr eigenes Unternehmen, mit einem Therapeutenteam in der eigenen Praxis, zwei Podcasts, Vortragsreisen, einer Bühnenshow und den Online-Angeboten der Stefanie-Stahl-Akademie. Aus dem Berufsalltag als Therapeutin und Gerichtsgutachterin heraus hat Stahl die Öffentlichkeit erobert.
Psychologische Konzepte für die Masse
Stahls Bücher haben psychologische Konzepte populär gemacht, mit denen jetzt Millionen Menschen über sich selbst nachdenken. Mit dem Modell des Schatten- und des Sonnenkindes beschreibt sie frühe familiäre Prägungen, negative und positive. Sie schildert die Glaubenssätze, die Menschen ein Leben lang begleiten können: Ich bin klein, ich werde geliebt, ich bin nichts wert. Stahls Buch führt auch vor, wie Schutzstrategien, die im Elternhaus mal wichtig waren, dem erwachsenen Ich störend in seine Beziehungen funken. Wer sich als Kind stark anpassen musste, kann sich später womöglich schlecht durchsetzen.
Ein Erstgespräch mit Stefanie Stahl
Viele Menschen haben sich damit selbst therapiert“, sagt Stahl. Aber natürlich ist sie nicht nur Autorin, sondern auch immer noch Psychologin und Psychotherapeutin. Um zu erleben, wie eine Therapiestunde bei ihr abläuft, teilen wir meinen Hausbesuch in zwei Teile: Bevor wir im Interview über sie sprechen, sagt sie mir als Therapeutin etwas über mich – in einem richtigen Erstgespräch, wie sie in den gut drei Jahrzehnten ihrer Praxis viele geführt hat.
Ausblenden lässt sich Stahls Bekanntheit dabei nicht. Schon am Empfang liegt ein Stapel ihrer Autogrammkarten und im Hintergrund steht einer von mehreren Tiktok-Awards. Hier behandelt unübersehbar ein Star. Weiter links klebt auf einer Glastür der Warnhinweis: „Tonaufnahme! Bitte Ruhe!“ Dahinter ist ein Podcast-Studio eingerichtet. Und in einem von zwei Therapiezimmern steht eine Vitrine mit allen Büchern von Stefanie Stahl, samt Übersetzungen.
Für das Erstgespräch gehen wir in das andere Behandlungszimmer. Dominiert wird der Raum von einer gelbgrünen Designer-Sitzgruppe. Zwischen dem Sofa und zwei wuchtigen Sesseln steht ein Marmortisch. Darauf ein Taschentuchspender, den wir nicht brauchen werden. Mitgebracht habe ich nämlich ein eher kleines Problem: Schwierige Texte schiebe ich gern vor mir her. Erscheinen Aufgaben mir größer, als sie sind? Wenn ja – warum?
Effiziente Sitzungen in kurzer Zeit
Obwohl die Polster behaglich sind, verführen sie uns nicht zur Entspannung. Beide sitzen wir vorn auf der Kante, fassen uns konzentriert ins Auge und unternehmen dann einen strammen Ritt durch mein Innenleben. Die gute Stunde nutzen wir effektiv. Als Leser ihres Bestsellers habe ich meine Konflikte schon selbst mit ihrem Handwerkszeug durchdacht. Meine Interpretationsangebote entwickelt Stahl dann in großen Bögen weiter, die über meine Ausgangsfrage weit hinausreichen.
Von der Geschwisterkonstellation meiner Kindheit kommen wir auf Erfolge und Misserfolge im Beruf, erweitern den Fokus auf meinen Umgang mit Sprache und auf die Funktion, die sie nicht nur bei meiner Arbeit hat, sondern auch in meinen Beziehungen. Am Ende landen wir bei der Frage, wie die Glaubenssätze aus meiner Kindheit jetzt meine eigenen Kinder prägen. Der Ausblick reicht weiter, als ich es mir ausgemalt hatte.
Das Modell der Persönlichkeitstypen
Das liegt auch an Stahls Methode. Ihr erstes Buch „So bin ich eben“, erschienen 2005, systematisiert Persönlichkeitstypen. Die menschliche Psyche gliedert es in vier Dimensionen. Und je nachdem, ob man extra- oder introvertiert ist, auf das Konkrete oder auf Abstraktes bezogen, formt sich einer von insgesamt 16 Typen. Die Psychologin selbst nennt sie „Minister“. Ob man eher ein Tugendminister ist oder vielleicht doch der Harmonieminister, kann jeder auf ihrer Homepage ausprobieren. Der Persönlichkeitstest ist ein Eintrittstor in Stahls Denken – und auch in ihre psychologische Produktwelt. Um mitzumachen, meldet man sich für den Sonnenkind-Newsletter an, der Übungen bereithält und Seminare bewirbt.
Die Typologie hilft Stahl, in bemerkenswertem Tempo Muster in all dem zu erkennen, was man ihr mitteilt. Man kann es natürlich auch umdrehen und das Modell auf sie selbst anwenden. Stahl ordnet sich den Beziehungsministern zu – und sie verhält sich auch wirklich so, wie ihr Buch es beschreibt.
Konfrontation mit dem Schattenkind
Zum Beispiel als sie mich zum Dialog mit meinem inneren Schattenkind ermuntert. Dazu beugt man sich mit guten Worten über ein imaginäres Kind und spricht dann mit ihm wie mit einem echten. Für mich funktioniert das nicht. Als ich das zugebe, kippt Stahls Ton – für mich überraschend – ins Konfrontative. Und genau das passt zum Beziehungsminister: „Obwohl sie warmherzig sind“, heißt es im Buch, „können sie (...) recht bestimmend, manchmal sogar streng auftreten.“ Genauso ist es.
Trotz der Irritation: Im Erstgespräch erweist die Psychologin sich als wendige Sparringspartnerin. Sie ordnet Anekdotisches in Zusammenhänge ein und entwickelt fruchtbare Denkanstöße. Die Aufteilung der Menschheit in 16 Persönlichkeitstypen hat etwas Schematisches. Es liegt aber auch eine Entlastung darin. Wenn meine Macken einfach ein Teil meines Bauplans sind, fühle ich mich gleich weniger schuldig. Stattdessen kann ich mir überlegen, wie ich besser damit umgehe. Außerdem hat Stahl Sinn für Ambivalenzen. In vermeintlichen Defiziten entdeckt sie immer wieder auch Kompetenzen. Wer alles auf den letzten Drücker macht, der entwickelt auch Talent zum Improvisieren.
Keine Langzeitbegleitung mehr
Nach einer guten Stunde gehe ich mit hilfreichen Impulsen aus der Begegnung. Nicht schlecht für ein Erstgespräch. Mehr als das macht Stefanie Stahl ohnehin nicht mehr, und auch das nur noch im Podcast. Die therapeutische Arbeit übernimmt in der Praxis ihr Team. Sie selbst nimmt keine Klienten mehr an. „Ich bin supergut darin, im Erstgespräch den roten Faden zu erkennen, die Struktur eines Konflikts. Langzeitbegleitung will ich nicht mehr machen“, sagt Stahl. „Mit meinem Podcast, mit meiner Akademie, mit den Büchern erreiche ich am Ende viel mehr Leute als im Eins-zu-eins-Gespräch.“ Außerdem, sagt sie dann noch, habe sie auch keine Lust mehr darauf. Die vielen neuen Möglichkeiten, die das Buch ihr eröffnet, interessieren sie mehr.
Als wir den therapeutischen Teil unseres Treffens abschließen und für das Interview den Raum wechseln, ändert sich auch Stahls Haltung. Den Blick, mit dem sie mich eben noch fest ins Auge fasste, lässt sie jetzt schweifen – die Gedanken auch. Sie erzählt, wie sie zum Studium aus Hamburg nach Trier kam und hier hängen blieb, spricht von der Praxisgründung in den 1990ern und von dem Abend, der sie zur Autorin machte.
„Die Idee kam mir beim Wein mit einer Freundin: Melanie Alt, sie ist auch Psychologin“, sagt Stahl. „Mein damaliger Freund war gerade in Übersee, wir hatten telefoniert, ich hatte überhaupt keine Nähe gespürt und war frustriert. Melanie habe ich dann gesagt: Das liegt bestimmt daran, dass er introvertiert ist. Und das war dann die Idee: Introversion, Extraversion – an dieser Unterscheidung hängt ein ganzes Bündel von Persönlichkeitseigenschaften. Darüber sollte man mal ein Buch schreiben.“
Stahls erster Bestseller und der Durchbruch
2005 erscheint das Debüt „So bin ich eben!“. Schon die ersten Werke, berichtet sie, verkaufen sich gut. Trotzdem sind sie weit weg von der Millionenauflage des „Heimatkinds“, wie Stahl ihren Bestseller nennt. Und das hat sie gewundert! Schon beim ersten Buch habe sie mit einem „Riesen-Hype“ gerechnet, stellt Stahl fest. „Ich dachte, die Leute laufen bald alle mit Plaketten rum: Ich bin ein Ideenminister.“ Mit mehr Marketing hätte das auch geklappt, glaubt sie. Ihr damaliger Verlag sei aber klein gewesen.
500 Euro kostet die SitzungStefanie Stahl hat keine Probleme damit, sich zu loben. In ihrem Buch verspricht sie, dass ihre Methode „fast alle Probleme lösen“ kann. Im Gespräch nennt sie ihre Typologie „tausendmal besser“ als alle anderen – und setzt zur Erklärung dazu: „Ich darf das sagen, weil es gar nicht mein Verdienst ist. Das saustarke Konzept haben wir nicht entwickelt, sondern weiterentwickelt – und dann viel Originäres hinzugefügt.“ Das Selbstbewusstsein spiegelt sich auch im Honorar. Meine psychotherapeutische Sitzung, sagt Stahl, hätte 500 Euro gekostet. Die gesetzlichen Kassen vergüten 50 Minuten ambulante Psychotherapie oder Verhaltenstherapie mit 116,62 Euro. Ganz wohl ist ihr nicht damit, die Zahl zu nennen. Manch ein Coach, der schlechter ausgebildet ist, nehme deutlich mehr, betont sie noch. Stahl weiß, dass ihre Präsenz auch Kritiker auf den Plan ruft. Ein befreundeter Psychotherapeut, dem ich von dem Hausbesuch erzähle, nennt Stahl mit einem Stoßseufzer den „Dieter Bohlen der Psychotherapie“.