Nach 45 Toten bei Zugkollision gesteht Sánchez ein: Das Ansehen des Hochgeschwindigkeitsnetzes ist angeknackst. Im Februar droht ein Lokführer-Streik.
Nach Zugunglücken mit TotenHitzige Debatte über Zustand von Spaniens Bahnnetz

In dieser Aufnahme aus einem von der Guardia Civil zur Verfügung gestellten Video sammeln Beamte nach einem Zusammenstoß mit einem Hochgeschwindigkeitszug Beweise neben einem gebrochenen Gleis. 45 Menschen kamen am Abend des 18.01.2026 bei der Entgleisung von zwei entgegen fahrenden Hochgeschwindigkeitszügen bei Adamuz in der andalusischen Provinz Córdoba ums Leben.
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Nach der Zugkatastrophe in der südspanischen Provinz Córdoba und der Entgleisung eines Pendlerzuges nach Barcelona wenige Tage später hat sich eine hitzige Debatte über den Zustand der spanischen Bahninfrastruktur entzündet. Ausgerechnet jene Berufsgruppe, die das Netz aus täglicher Praxis am besten kennt, will nun aus Protest den Betrieb lahmlegen: Die Lokführergewerkschaft Semaf kündigte eine landesweite Arbeitsniederlegung im Februar an, um auf mutmaßliche Mängel in der nationalen Bahninfrastruktur aufmerksam zu machen.
„Die Kollegen sind wütend“, sagt ein Gewerkschaftssprecher. Die Arbeitnehmervertreter pochen auf Sicherheit als oberste Priorität und wollen konkrete Zusagen der spanischen Regierung und des staatlichen Schienennetzbetreibers Adif hinsichtlich der Wartung der Bahnschienen. Dabei geht es auch um die brisante Frage, ob genügend Geld in die Unterhaltung des Bahnnetzes investiert oder ob die Infrastruktur „kaputtgespart“ wurde.
Tragischer Zusammenstoß: Tödliche Hochgeschwindigkeitszug-Unfälle
Bei dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge am 18. Januar nahe des andalusischen Ortes Adamuz waren 45 Menschen ums Leben gekommen – darunter ein Lokführer. Nur zwei Tage später hatte sich ein weiteres tödliches Unglück im katalanischen Nahverkehr ereignet, mit einem Toten und 37 Verletzten; auch bei diesem Zugunfall starb der Lokführer.
Die Rettungsarbeiten an der Unfallstelle nahe Adamuz sind inzwischen beendet. Die Bergung hatte sich über Tage hingezogen, weil einige der völlig zerstörten Waggons Stück für Stück zerschnitten werden mussten, um an Todesopfer zu gelangen, die zwischen den Trümmern eingeklemmt waren. Nach Angaben der staatlichen Presseagentur EFE wurden inzwischen 43 der insgesamt 45 Toten zweifelsfrei identifiziert, überwiegend per Fingerabdruck.
Die spanischen Behörden bestätigten, dass sich drei ausländische Staatsangehörige unter den Todesopfern befinden, aus Deutschland, Marokko und Russland. Beim deutschen Todesopfer handelt es sich um eine Frau, die offenbar im südspanischen Costa-del-Sol-Ort Málaga in einen der beiden Unglückszüge gestiegen war. „Die Familienangehörigen werden vom deutschen Konsulat in Málaga betreut“, teilte das Außenministerium in Berlin mit. Die Provinz Málaga am Mittelmeer ist eine internationale Tourismushochburg, in der zudem mehr als 10.000 deutsche Bürger mit ihrem ersten Wohnsitz gemeldet sind.
Mögliche Unfallursache: Schienendefekt unter Verdacht
Das Unglück hatte sich am vergangenen Sonntagabend in Südspanien gegen 19.45 Uhr auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Córdoba und Madrid ereignet. Ein aus Málaga kommender Zug der privaten Bahngesellschaft Iryo war mit seinen hinteren Wagen entgleist, diese gerieten auf das Nachbargleis. Sekunden später näherte sich mit Tempo 200 aus der Gegenrichtung ein Zug der staatlichen Bahn Renfe und kollidierte mit den entgleisten Waggons.
Unterdessen verdichten sich Hinweise, dass ein Schienenproblem den Iryo-Zug zum Entgleisen brachte. Nach Angaben aus Ermittlungskreisen gilt ein Schienendefekt als „derzeit wahrscheinlichste“ Erklärung. Nach den bisherigen Erkenntnissen sei die Schiene bereits vor dem Unfall beschädigt gewesen, wurde am Freitag mitgeteilt. Die Experten hatten die letzten Tage akribisch sowohl Gleise als auch Räder und Drehgestelle der Waggons unter die Lupe genommen.
Untersuchung und Reaktionen: Regierung betont Investitionen
Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente warnt zwar vor voreiligen Schlüssen – lieferte aber zugleich neue Details, die die Hypothese eines Schienenbruchs kurz vor dem Unglück befeuern: An den Drehgestellen der fünf ersten Wagen des aus den Gleisen gesprungenen Iryo-Zuges seien „Kerben“ festgestellt worden, die möglicherweise von einer Unregelmäßigkeit – wie etwa einer aufgeplatzten Schienenschweißnaht – stammen könnten.
Ähnliche Spuren habe man auch bei mehreren anderen Zügen gefunden, die kurz zuvor den Unfallabschnitt passiert hatten. Ein Gleisdefekt sei somit eine „nicht von der Hand zu weisende Möglichkeit“. Gleichzeitig betonte der Minister, dass der Abschnitt zuletzt mehrfach überprüft worden sei. Bis zu einem definitiven Bericht wird sich die Öffentlichkeit aber wohl noch Monate gedulden müssen. Die Untersuchungskommission hat laut Gesetz ein Jahr Zeit, um ihre Ergebnisse vorzulegen. Spaniens Regierung wies unterdessen zurück, dass beim Unterhalt des staatlichen Bahnnetzes gespart werde. Die Investitionen in die Infrastruktur seien in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, und zwar stärker als in vergleichbaren Nachbarländern wie etwa Frankreich oder Deutschland.
Hohe Geschwindigkeit: Spaniens Schnellbahnnetz wächst weiter
Das Hochgeschwindigkeitsnetz Spaniens ist mit 4000 Kilometern Streckenlänge eines der größten Europas. Demnächst sollen mit neuen Zügen Geschwindigkeiten von 350 Stundenkilometern möglich sein.
„Das Schnellbahnnetz Spaniens ist ein Stolz für das ganze Land“, sagte Spaniens Premier Pedro Sánchez. Aber er gab zu, dass das Ansehen nach dem Horrorcrash angeknackst ist. Sánchez teilte mit, man müsse nun hart dafür arbeiten, „dass die Menschen das Vertrauen in den Hochgeschwindigkeitsverkehr zurückgewinnen“.

