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3200 Stellen fallen wegEvonik hält Kurs beim Konzernumbau

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Anlagen des Chemiekonzern Evonik am Standort Wesseling

Anlagen des Chemiekonzern Evonik am Standort Wesseling

Trotz zuletzt guter Zahlen setzt Interimschef Rettig den Umbau des Essener Chemiekonzerns fort - mit Auswirkungen auch auf den Chempark Wesseling.

Evonik setzt seinen im Juni angekündigten Konzernumbau fort, Abbau von rund 3200 Stellen inklusive. Ganz selbstverständlich ist das nicht, denn die Rahmenbedingungen für das Unternehmen haben sich zuletzt stark verändert. Vorstandschef Christian Kullmann, der den Spezialchemie-Konzern aus Essen seit beinahe einem Jahrzehnt gelenkt und noch länger geprägt hat, musste sich im August aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Kullmann war plötzlich erkrankt und musste sich einer schweren Operation unterziehen, hieß es aus dem Unternehmen.

Asienchef Rettig springt ein

In die Bresche sprang Claus Rettig. Der bisherige Asienchef siedelte dafür spontan von Singapur nach Essen um. Seit September führt er das Unternehmen. Wie lange, ist derzeit noch ungewiss. Kullmann werde voraussichtlich „im kommenden Jahr“ zurückkommen, ließ Rettig gegenüber Journalisten fallen. Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor in unsicheren Zeiten. Umso wichtiger ist das Signal an Belegschaft und Investoren: Rettig steht für Kontinuität. Evonik zieht durch. Es bleibt beim kommunizierten Umbauplan. Und der hat es in sich.

In den Jahren 2027 bis 2029 sollen insgesamt 3200 Stellen wegfallen, 2150 davon in Deutschland. Evonik argumentiert, das sei durch gesteigerte Effizienz, Digitalisierung und Outsourcing möglich. Dahinter steht aber auch die Aufgabe bestimmter Geschäftsfelder, die in absehbarer Zeit nicht mehr rentabel werden. Das Polyester-Geschäft, bisher als Sparte Custom Solutions geführt, wird im kommenden Jahr eingestellt. Die Standorte Witten, Marl und Shanghai sind hiervon betroffen. Allein dieser Schritt kostet etwa 300 Arbeitsplätze in Deutschland.

Keine betriebsbedingten Kündigungen

„Strukturelle Nachteile in Europa“ machten den Schritt alternativlos, erklärte die für das Geschäft zuständige Vorständin Lauren Kjeldsen mit Blick auf die hohen Energiekosten. „Nur wenn wir in dem, was wir tun, jeweils führend sind, werden wir uns dauerhaft in der Spitze unserer Industrie festsetzen können“, sagt Rettig. Insgesamt wird Evonik seine Belegschaft vom Oktober 2023 bis zum Ende des laufenden Jahres planmäßig um 2800 Stellen reduziert haben. Für die bisherigen wie die vorgesehenen Stellenkürzungen schließt das Unternehmen dabei betriebsbedingte Kündigungen aus. Die Abbauziele sollen über die Nichtbesetzung freiwerdender Stellen, frühere Übergänge in den Ruhestand und Abfindungslösungen erreicht werden.

Im Rahmen des nun bekräftigten Umbaus soll als nächstes das Massenchemiegeschäft, gebündelt in der Tochter Oxeno, verkauft werden. Der Chemieparkbetreiber Syneqt, der die Standorte Marl und Wesseling steuert und dort Services zur Verfügung stellt, dürfte bald folgen. Allein Syneqt beschäftigt weitere 3500 Mitarbeiter, die auf diese Weise aus dem Evonik-Konzern ausscheiden könnten.

Klare „Rollenprofile“ für einzelne Standorte

Dort nennt man die Schrumpfung freilich eine „Wachstumsstrategie“ und verweist darauf, dass andere Unternehmenssparten prosperieren. Auf diese „Zukunftsthemen und lukrativsten Märkte“ wolle man sich konzentrieren. Außerdem erhielten Geschäftsbereiche und Standorte „klare Rollenprofile“. Soll heißen: Sie werden entweder als „Cash-Generator“ weitergeführt oder als „Wachstumstreiber“ entwickelt. Letztere zielen vor allem auf Kunden aus den Branchen Luft- und Raumfahrt, Automobil sowie Gas-Separation ab.

Um Evonik resilienter zu machen, strebt das Unternehmen zudem an, seine Erlöse künftig zu gleichen Teilen in Europa, Asien und Amerika zu erzielen. Zuletzt stammte noch knapp die Hälfte der Umsätze aus Europa. Bedeutet also: künftige Investitionen sind in der EU eher nicht vorgesehen. Pläne für die anderen beiden Kontinente bestätigte Evonik hingegen, ohne Details zu nennen.

Prognose angehoben

Etwas Luft verschafft dem Chemieriesen im Rückwärtsgang unverhofft die Weltlage. Der Iran-Krieg hat den Essenern wie der gesamten deutschen Chemiebranche zuletzt eine Sonderkonjunktur beschert. Während die asiatische Konkurrenz von Vorprodukten aus Nahost abgeschnitten war, konnte Evonik liefern – und wegen der Verknappung des Angebots höhere Preise durchsetzen. Kullmann sprach Ende Juni noch von einem „warmen Sommerregen“ und hob die Jahresziele spürbar an. Statt eines Gewinns vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen von 1,7 bis 2,0 Milliarden Euro kalkuliert Evonik nun mit 2,0 bis 2,2 Milliarden Euro.

Insgesamt hat sich die Lage in der lange Zeit gebeutelten deutschen Chemieindustrie etwas aufgehellt - wie in der Wirtschaft insgesamt. „Die staatlichen Investitionen machen sich inzwischen bemerkbar und die Sperrung der Straße von Hormus hat den Importdruck aus Asien etwas gemildert“, erklärte der Verband der chemischen Industrie VCI gegenüber unserer Zeitung. Dennoch warnte der VCI vor zu viel Optimismus. Man erlebe derzeit „nur eine kleine Verschnaufpause.“ Auftragsmangel und damit nicht ausgelastete Anlagen blieben ein großes Problem in der Branche, die entgegen der landläufigen Ansicht stark mittelständisch geprägt ist.

Schlüsselindustrie in der Defensive

In NRW sind Chemie und Pharma absolute Schlüsselbranchen, hier im Westen erwirtschaften sie ein Drittel des gesamten Branchenumsatzes in Deutschland. Im vergangenen Jahr waren das 58 Milliarden Euro. Die rund 500 im Land ansässigen Unternehmen beschäftigen derzeit noch 120.000 Mitarbeiter. Als Hauptprobleme werden immer wieder die hohen Energiepreise und zu viel Bürokratie genannt. Mögen einzelne große Unternehmen wie Evonik oder auch der größte deutsche Konzern, die Ludwigshafener BASF, von den globalen Lieferengpässen im Zuge des Iran-Kriegs profitieren, die Branchenlage insgesamt bleibe schwierig, erklärte der VCI. 

Denn die alten Standortprobleme seien nicht verschwunden. Viele der Mitglieds- Unternehmen stünden unter extremen Druck und erwarteten ein schwieriges zweites Halbjahr. Energie und Rohstoffe blieben teuer, die Auslastung sei zu niedrig und die Unternehmen müssen weiter massiv auf Kosten und Effizienz achten.

Mit Sorge blickt der VCI auf die aktuellen politischen Debatten nach den Regionalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Die Bundesregierung müsse mit der Nabelschau aufhören und an ihrer Reformagenda festhalten. Sonst laufe die Zeit gegen die deutsche Industrie.