Die hohen Arbeitskosten machen der Autoindustrie immens zu schaffen, das Ringen um ihre Zukunft spitzt sich zu. Beim Aktionstag der IG Metall demonstrierten Tausende.
Automobil-Aktionstag auch in DüsseldorfFällt die 35-Stunden-Woche bei den Autobauern?

Rund 1300 Beschäftigte nahmen an einer Demonstration im Rahmen des bundesweiten Automobil-Aktionstags der IG Metall vor dem Mercedes-Benz Sprinterwerk in Düsseldorf teil.
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Die roten Westen baumeln lose über der schwarzen Arbeitshose. Hier und da blitzt der Mercedes-Stern hervor. Kartons mit Trillerpfeifen machen die Runde. „Nehmt sie, sie sollen uns hören“, sagt einer. Drehrasseln werden verteilt, Fahnen mit geballter Faust ausgerollt. Dann wird es laut. Vor dem Tor 1 des Düsseldorfer Mercedes-Werks haben sich nach Zählung der IG Metall rund 1300 Beschäftigte versammelt. Und längst nicht nur dort.
„Wir wollen bundesweit ein Zeichen setzen“, sagt Jessica Worrings, die Geschäftsführerin der IG Metall Düsseldorf-Neuss. Die Gewerkschaft hat zum Aktionstag für den Erhalt der deutschen Autoindustrie mobilisiert, bundesweit gehen Zehntausende vor die Werkstore wie in Düsseldorf; oder sie demonstrieren auf öffentlichen Plätzen und in Aktionen wie der „aktiven Mittagspause“. 175.000 Werktätige sollen mit dabei gewesen sein, meldet die IG Metall.
Jessica Worrings: „Die Misere der Industrie ist nicht von den Beschäftigten verursacht worden“
„Die Misere der Industrie ist nicht von den Beschäftigten verursacht worden“, sagt Funktionärin Worrings vor dem Sprinter-Werk in Düsseldorf. Vier große Forderungen hat die IG Metall aufgestellt, darunter neue, zukunftsfähige Produkte, mehr Geld für die Standorte statt für die Aktionäre, schlankes Management statt schlanker Produktion und vor allem: den Erhalt der 35-Stunden-Woche.
Vor den Mercedes-Beschäftigten arbeitet Worrings das IG-Metall-Programm sauber ab: „Das Management hat zu spät auf technologische Veränderungen reagiert“, sagt sie. Und die Beschäftigten sollten nun dafür aufkommen. „Mehr arbeiten für weniger Geld, das machen wir nicht mit.“ Worrings fordert Zukunftsinvestitionen vom Konzern und meint damit natürlich auch Garantien für die bestehenden Werke. Die Politik müsse „noch mal an den Industriestrompreis ran“, sagt sie. Auch strengere Regeln für sogenannten „local content“, also Mindestanforderungen für die Produktion innerhalb der Europäischen Union könnten helfen.
Mercedes-Produktionsvorstand kündigte die Schließung von Werken in Deutschland an, wenn Arbeitskosten nicht sinken
Düsseldorf ist an diesem Tag fast überall im Land. An mehr als 100 Standorten hat die IG Metall mobilisiert. Mit ihrem Automobil-Aktionstag will die Gewerkschaft „ein Zeichen für sichere Arbeitsplätze, zukunftsfähige Standorte und eine starke industrielle Basis“ setzen. Das haben die Arbeitgeber natürlich auch mitbekommen, sie stimmen die Öffentlichkeit parallel mit viel Medienarbeit auf ihre Positionen ein, in zahlreichen Interviews und Beiträgen bekräftigten sie zu Wochenbeginn, dass die zu hohen Arbeitskosten angesichts harter Konkurrenz auch in Europa zum massiven Standortnachteil geworden sind. Mercedes-Produktionsvorstand Michael Schiebe kündigte gar die Schließung von zwei Werken in Deutschland an, wenn diese Kosten in Deutschland nicht reduziert werden.
Fest steht: Das Ringen um die Zukunft der deutschen Automobilindustrie spitzt sich zu, dabei gerät die Frage längerer Arbeitszeiten zunehmend in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern, aber auch der Politik. Wie kritisch die Lage ist, zeigen auch neue Zahlen des Arbeitgeberverbandes Metall-NRW, dessen Präsident Arndt Kirchhoff sie am Donnerstag vorlegte. Demnach liegt der Auftragseingang im Bereich Automotive aus NRW im ersten Halbjahr 2026 um 17 Prozent unter dem Wert von 2018, also vor Corona. Zum Vergleich, die Branche „sonstiger Fahrzeugbau“ liegt beim Auftragseingang um 156 Prozent über dem Schnitt 2018. Dahinter verbergen sich unter anderem die Teilbranchen Rüstung und Schiffsbau, die durch staatliche Rüstungsaufträge boomen.
Dass die Bedingungen für die Autoindustrie nicht einfach seien, hätten die Beschäftigen sehr wohl zur Kenntnis genommen, entgegnete IG-Metall-Funktionärin Worrings am Montag in Düsseldorf. Man erwarte dennoch eine moderate Entgelterhöhung aus der anstehenden Tarifrunde. Moderat, damit dürften Gehaltsforderungen von etwa fünf Prozent gemeint sein. Genau hat sich die Tarifkommission noch nicht festgelegt.
Industrie mit knapp 700.000 Beschäftigten
An den nackten Fakten kommt aber auch der Aktionstag der IG Metall nicht vorbei. Die Autoindustrie verliert massiv Arbeitsplätze, schneller als jeder andere deutsche Industriezweig. Zum Ende des ersten Halbjahres waren laut Branchenangaben in einer von Deutschlands Leitindustrien noch 691.500 Menschen beschäftigt - und damit so wenige wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005.
Dabei wird es nicht bleiben: Angesichts der Krise läuft eine Reihe von Abbauprogrammen, die sich über Jahre erstrecken. Zehntausende sind betroffen – unter anderem bei Mercedes-Benz, BMW, im VW-Konzern und den dazugehörigen Marken sowie bei Zulieferern wie Bosch, ZF Friedrichshafen oder Mahle. Bei VW steht auch die Schließung der Werke Hannover, Emden, Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm im Raum.
Unternehmensberatung EY gibt eine Studie zur Zukunft der deutschen Autoindustrie heraus
Auf dem Aktionstag vor der Zentrale des krisengeschüttelten VW-Konzerns in Wolfsburg warf die Chefin der IG-Metall, Christine Benner, den Automanagern schwere Fehler vor. Die deutschen Unternehmen hätten für tolle Autos und gute Qualität gestanden. „Jetzt fahren Vorstände die Branche mit Vollgas gegen die Wand und begehen danach Fahrerflucht,“ sagte Benner laut einer Mitteilung. Medien waren nach einer Intervention der VW-Führung nicht zugelassen.
Pünktlich zum Aktionstag hatte die Unternehmensberatung EY eine Studie zur Zukunft der deutschen Autoindustrie herausgegeben, die die Krise nüchtern analysiert und den Finger in die Wunde zu hoher Arbeitskosten und mangelnder Flexibilität legt. EY-Branchenexperte Constantin Gall zufolge leiden die deutschen Konzerne massiv unter strukturellen Kostennachteilen: „Der hohe Produktionsanteil in Deutschland, lange ein Wettbewerbsvorteil und Symbol für Qualität und Stärke, ist angesichts einer viel zu geringen Lohnkostenproduktivität, hoher Energiepreise und hoher Bürokratie-Kosten zunehmend eine Belastung.“
Ford mit aktuellen Zahlen zu Neuzulassungen
Auch könnten notwendige Veränderungen nicht konsequent umgesetzt werden. „Deutsche Konzerne suchen daher ihr Heil in der Abwanderung an attraktivere Standorte“, resümiert Gall. Dazu zählen auch EU-Länder wie Polen, Ungarn oder Rumänien, die ein deutlich niedrigeres Lohnniveau bei längeren Arbeitszeiten aufweisen.
Die aktuellen Zahlen des Kölner Autobauers Ford spiegeln die schwierige Lage der Branche ebenfalls wider: Die Zulassungen der Fordwerke sind im Sommer leicht zurückgegangen. Im August wurden 1514 Fahrzeuge des vollelektrischen Ford Explorer zugelassen, ein Rückgang um 14 Prozent, wie die Fordwerke auf Anfrage unserer Redaktion mitteilten. Beim ebenfalls in Köln gebauten batterieelektrischen Ford Capri ist das Minus noch deutlicher: Im August wurden 330 Fahrzeuge zugelassen, im Juli waren es noch 507 Autos. Stabil verhält sich dagegen der Absatz beim Puma Gen-E, der leicht auf knapp unter 1000 Fahrzeuge anstieg.
