Nur zwei Tage nach den Zwischenwahlen brechen Tech-Aktien in den USA ein, Börsen weltweit folgen. Warum sind Tech-Werte jetzt auf Talfahrt?
Börse im Aufruhr nach MidtermsAbsturz der Tech-Aktien – platzt nun eine KI-Blase?

Der politische Umschwung in den USA hat an den Finanzmärkten einen Kursrutsch ausgelöst.
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Auf Euphorie folgt Panik: Die Angst vor mehr Regulierung von Künstlicher Intelligenz (KI) hat an der Wall Street zu einem Ausverkauf bei Tech-Aktien geführt. Zwei Tage nach dem Erfolg der Demokraten bei den US-Kongresswahlen, der die Börsen zunächst steigen ließ, brachen gerade Aktien rund um die Chipbranche ein, die als größte Profiteure des KI-Hypes gelten.
Der Tech-Index Nasdaq 100 erlitt am Donnerstag den stärksten Tagesverlust seit dem Corona-Crash 2020, sackte auf das Niveau von April ab und verlor rund 2,3 Billionen Dollar (2,06 Bio Euro) Marktwert. Der Ausverkauf erfasste Börsen weltweit, darunter den deutschen Aktienmarkt, der am Freitag weiter nachgab. War es das nun mit dem KI-Boom? Und müssen sich Privatanleger Sorgen um ihre Ersparnisse machen?
Warum stehen Tech-Aktien so stark unter Druck?
Nach dem Erdrutschsieg der US-Demokraten bei den Kongresswahlen sind die Finanzmärkte nervös. Denn die Demokraten stehen den Chancen von KI skeptischer gegenüber als die Republikaner, die sich traditionell für den Abbau staatlicher Vorgaben starkmachen. Tech-Konzerne müssen sich auf mehr Gegenwind bei ihren riesigen Rechenzentren für KI einstellen.
Schon im Wahlkampf formierte sich Widerstand gegen den Bau immer neuer Rechenzentren für den KI-Boom. Selbst Republikaner verhängten Moratorien für den Bau. Rechenzentren stehen in der Kritik wegen ihres immensen Strombedarfs, die auch die Energiepreise für die Bevölkerung in die Höhe treiben könnten. Dazu kommen Sorgen wegen Lärm, Luftverschmutzung und vor Wassermangel sowie die Befürchtung, dass durch Rechenzentren nur wenige dauerhafte Jobs entstehen.
Was würde eine schärfere Regulierung für den KI-Boom bedeuten?
Rechenzentren sind ein wesentlicher Bestandteil der KI-Infrastruktur und bestehen aus zahlreichen standardisierten Metallgestellen mit Halbleitern. Sollten die Investitionen in Rechenzentren gebremst werden oder gar sinken, hätte das erhebliche Folgen für Chiphersteller.
Daher erwischte es solche Unternehmen an der Wall Street besonders. Aktien von Nvidia sackten am Donnerstag um 9,3 Prozent ab; große Werte aus dem Speicherbereich wie Seagate, Western Digital und Sandisk brachen sogar um bis zu 22 Prozent ein. Ihre Produkte sind für Rechenzentren unverzichtbar. Aktien von Micron büßten 17,5 Prozent ein. Die Furcht vor einer schärferen Regulierung traf auch das Firmenimperium von Tech-Milliardär Elon Musk: Tesla-Aktien fielen um fast 11 Prozent und die des Weltraum- und KI-Unternehmens SpaceX um 9 Prozent.
Sind auch deutsche Aktien betroffen?
Auch deutsche Aktien, die bisher stark vom KI-Boom profitierten, wurden in Mitleidenschaft gezogen: Titel des Chipherstellers Infineon etwa rutschten um mehr als 8 Prozent ab. Mit Siemens Energy und dem Baukonzern Hochtief litten auch andere deutsche Dax-Werte, die stark von KI-Euphorie profitierten. Am Freitagmorgen erholten sie sich etwas.
Platzt nun die KI-Blase?
Schon lange gibt es Sorgen, dass sich die gigantischen Milliarden-Investitionen der US-Techkonzerne nicht so schnell in Gewinnen niederschlagen wie erhofft. Die Befürchtung, dass eine KI-Blase platzt, geht an der Börse seit mehr als einem Jahr um – die Kurse stiegen trotzdem. Dazu kommt, dass die Aktien der „Magnificent Seven“ – darunter Apple, Microsoft, Nvidia und Alphabet – an den Weltbörsen großes Gewicht haben. Der Boom der Tech-Werte ist seit langem Hauptgrund für den Aufschwung an den Börsen trotz aller Kriege und Krisen.
„An der Wall Street ist genau das eingetreten, was Anleger seit Monaten befürchten: dass sich das Klumpenrisiko aus wenigen Tech-Schwergewichten rächt und die großen Indizes mit in die Tiefe reißt, wenn sie einmal stärker fallen sollten“, kommentierte Marktanalyst Jochen Stanzl von der Consorsbank.
Steht der Erfolg von KI-Unternehmen grundsätzlich infrage?
Branchenexperten und Ökonomen verneinen dies ganz überwiegend. Die aktuelle Krise an den Aktienmärkten wird nicht als Scheitern der Technologie selbst gewertet, sondern als schmerzhafte Anpassung überzogener Marktphantasien. Der fundamentale Nutzen von KI bei Automatisierung, Datenanalyse, medizinischer Forschung und Softwareentwicklung gilt weiterhin als unbestritten, und die Nachfrage in Unternehmen nach praxistauglichen Anwendungen wächst kontinuierlich.
Infrage steht vielmehr der Zeitplan, in dem sich die gigantischen Investitionen in Hardware und Rechenzentren amortisieren müssen. Während die Börsenkurse zuletzt ein nahezu fehlerfreies, exponentielles Gewinnwachstum eingepreist hatten, holt die Unternehmen nun die Realität infrastruktureller Engpässe und politischer Hürden ein. Das Geschäftsmodell gerät damit nicht grundsätzlich ins Wanken, doch die Phase des leichten Wachstums und des blinden Vertrauens der Anleger in jede KI-Meldung weicht einer Phase nüchterner Kosten-Nutzen-Rechnungen.
Ist mein ETF-Portfolio in Gefahr?
Für Privatanleger ist der Kursrutsch vor allem deshalb spürbar, weil gängige Welt-Indizes wie der MSCI World den vergangenen Jahren stark technologielastig geworden sind. Durch die enorme Marktkapitalisierung von Apple, Nvidia, Microsoft und Co. machten die Top-Tech-Titel zuletzt oft mehr als 20 bis 25 Prozent eines Standard-Weltaktien-ETFs aus. Die Folgen des Tech-Einbruchs sehen viele Privatanleger direkt in ihrem Portfolio.
Wer über viele Jahre hinweg breit gestreut für die Altersvorsorge spart, sollte nach Ansicht von Verbraucherschützern und Vermögensverwaltern dennoch Ruhe bewahren. Korrekturen von 10 bis 20 Prozent gehören zur normalen Schwankungsbreite an den Aktienmärkten, und bei laufenden Sparplänen ermöglicht der Rücksetzer sogar den Zukauf vorübergehend günstigerer Anteile.
Wer allerdings gezielt auf Branchen-ETFs aus dem Halbleiter- oder KI-Sektor gesetzt hat, muss sich auf anhaltend hohe Kursschwankungen einstellen und sollte prüfen, ob das eigene Portfolio durch andere Sektoren wie Industrie, Konsumgüter oder Gesundheit ausreichend ausbalanciert ist
Was ist nun mit der Jahresendrally an der Börse?
Die Hoffnung auf eine unbeschwerte Jahresendrally hat durch den Tech-Schock einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Nachdem der Dax mit Hoffnung auf einen milderen Kurs der US-Regierung zunächst ein Rekordhoch erreicht hatte, drehte der deutsche Leitindex ins Minus. „Auf die Wahleuphorie folgt die Ernüchterung“, sagte Salah-Eddine Bouhmidi vom Broker IG. Zwar gelten die Monate November und Dezember an den Finanzmärkten historisch als saisonal stark, doch für eine spürbare Erholung zum Jahreswechsel bräuchte es rasche Entwarnungssignale.
Damit die Kurse wieder anziehen, wären nach Einschätzung von Marktbeobachtern beruhigende Töne aus der US-Politik hinsichtlich künftiger Regulierungspläne oder überraschend robuste Konjunktur- und Quartalsdaten nötig. Bleibt die politische Unsicherheit hingegen hoch und halten sich Großinvestoren mit Neuanlagen zurück, könnte die traditionelle Jahresendrally ins Wasser fallen und einer Phase erhöhter Nervosität weichen – zumal es mit Nahostkonflikt, Inflation und hohen Zinsen genug weitere Sorgen gibt. (dpa/red)
