Chef der Rüstungsfirma Vincorion im Interview„100 Milliarden werden nicht reichen“

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Die am 15. Februar 2023 von der Bundeswehr herausgegebene Aufnahme zeigt die Ausbildung ukrainischer Soldaten am Patriot-Flugabwehrraketensystem an einem unbenannten Ort.

Die am 15. Februar 2023 von der Bundeswehr herausgegebene Aufnahme zeigt die Ausbildung ukrainischer Soldaten am Patriot-Flugabwehrraketensystem an einem unbenannten Ort.

Stefan Stenzel, der Chef der Rüstungsfirma Vincorion, hält ein höheres Sondervermögen für nötig. Im Interview mit Karolina Meyer-Schilf spricht er über die deutsche Rüstungsindustrie.

Im holsteinischen Wedel hat die Rüstungsfirma Vincorion ihren Sitz. Hier entstehen elektronische Bauteile zur Energieversorgung unter anderem für den Puma und das Patriot-System. Ein Gespräch zwischen Redakteurin Karolina Meyer-Schilf und Geschäftsführer Stefan Stenzel über die deutsche Rüstungsindustrie und wie hoch das Sondervermögen sein müsste, um die Bundeswehr auszustatten.

Herr Stenzel, mit dem Sondervermögen kann die Bundeswehr richtig einkaufen gehen. In der Theorie müssten Sie jetzt die Produktion hochfahren.

Sie formulieren das richtig, in der Theorie müsste unser Geschäft schon richtig „unter Dampf“ stehen. Aber Sie wissen auch, dass von den 100 Milliarden Sondervermögen nur 50 Millionen, also 0,05 Prozent, als Aufträge vergeben worden sind. Diese 100 Milliarden Euro muss man sich aber genauer ansehen.

Inwiefern?

Das ist zunächst eine politische Zahl, es müssen die Zinsen daraus bezahlt werden, und die Inflation wird weitere Milliarden aufzehren. Außerdem hat man sich ja entschieden, zwei wichtige Plattformen, nämlich die F-35 und den schweren Transporthubschrauber, in den USA zu kaufen, das macht noch einmal 20 Milliarden aus. Dann hat man festgestellt, dass die Bundeswehr zu wenig Munition hat, also benötigt man auch dafür 20 Milliarden. Es bleiben also von den 100 ganze 20 Milliarden übrig. Das ist dann genau der Betrag, der im Bundeshaushalt bislang auch schon für Investitionen in Gerät angesetzt worden ist.

Sie warten auf den Anruf?

Der Anfang einer jeden Materialbeschaffung ist eine Bestellung. Sie sehen das am zweiten Los des Puma-Panzers. Das stand im letzten Jahr im Haushalt, nach jahrelanger Debatte. Bestellt wurde bis heute nichts. Jetzt ist dieser Posten aus dem Haushalt und dem Sondervermögen verschwunden. Das heißt: Hätte ich letztes Jahr Material bestellt und Leute eingestellt, hätte ich jetzt ein Problem.

Das Amt des Verteidigungsministers gilt auch wegen des Beschaffungswesens als Schleudersitz.

Es war in den zurückliegenden 30 Jahren für Politiker immer eine Herausforderung, Verantwortung zu übernehmen für Rüstungsprojekte, die sie selbst gar nicht beauftragt haben, sondern ihre Vorgänger, und die über ihre Amtszeit hinauslaufen. Da wollten sie schlicht Problemen aus dem Weg gehen. Wir müssen in einen schnellen Beschaffungsmodus gelangen, der Goldrandlösungen vermeidet.

Bei jeder deutschen Komponente muss Berlin vor dem Export sein Okay geben.

Ja. Auf ausländischen Rüstungsmessen wird schon mit „German-free Content“ geworben. Also nicht mit „Made in Germany“. Es ist vielmehr ein Gütesiegel für ausländische Rüstungsprodukte, wenn sie ohne deutsche Komponenten hergestellt werden. Derjenige, der Ihnen ein Rüstungssystem mit einer deutschen Komponente verkauft, der kann Ihnen nicht garantieren, dass er sie auch liefern kann. Weil er immer von der Berliner Exportgenehmigung abhängig ist. Und die kann recht volatil sein. Unsere Regierung hat sich etwa jahrelang schwergetan, Polen mit Panzern zu beliefern. Jetzt machen es die Koreaner.

Wie schnell kann man die Produktion hochfahren?

Es ist wichtig, dass Bestellungen ausgelöst werden. Wir haben bei unseren Materialien Lieferzeiten von sechs bis zwölf Monaten. Dann können wir Geräte zusammenbauen und montieren, gerne auch schnell. Aber anschließend liefere ich es ja erst an die großen Hersteller der Panzer. Zwischen dem Auftrag bei mir und dem Ausliefern der Plattform vergehen mindestens zwölf, eher 24 Monate. Wenn man das weiß, dann ist es zumindest verwunderlich, dass Deutschland erst 14 Panzer abgibt und einen Monat später immer noch keine Bestellung da ist – zumal schon ein Jahr lang Krieg herrscht. Deswegen läuft unsere Bundeswehr gerade leer. Wenn man nur abgibt und nichts nachbeschafft, ist irgendwann nichts mehr da.

Die Bundeswehr soll zurück zur Vollausstattung. Was muss darüber hinaus passieren?

Es wird ja nicht nur die Vollausstattung einer Brigade benötigt, sondern es braucht eine sogenannte „Umlaufreserve“. Wenn ein Panzer oder ein Hubschrauber mal zur Inspektion muss, dann ist eine solche Inspektion nicht wie bei einem Volkswagenhändler an einem Dienstagnachmittag gemacht, sondern das dauert auch mal Monate. Sie benötigen Ersatzteile und Lagerbestände. Wenn dann kein Ersatzfahrzeug bereitsteht, ist schon wieder die Sollstärke nicht erfüllt. Berücksichtigen müssen wir auch, was wir mittelfristig benötigen und was wir jetzt abgeben. Und deswegen werden die 100 Milliarden auch nicht reichen. Wir werden den Bundeshaushalt um 20 bis 30 Milliarden Euro pro Jahr aufstocken müssen, um die nötigen Investitionen zu hinterlegen.

Und da fehlt es jetzt an strategischer Weitsicht? Oder an Mut?

Wahrscheinlich fehlt es am Mut zur politischen Kommunikation. Die Weitsicht und der Intellekt sind mit Sicherheit vorhanden, zumindest bei denen, die im Verteidigungsministerium Verantwortung haben. Aber jetzt hier aus den 100 Milliarden 400 Milliarden zu machen, wie es Emmanuel Macron gemacht hat, dafür ist in Berlin offenbar noch nicht genügend Mut vorhanden. Aber diese Zahl muss man jetzt aussprechen.

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