Abo

„Erholung dauert Monate“Covestro-Chef Seele zu den Folgen der Hormus-Blockade

3 min
Straße von Hormus

Die Erholung der Lieferketten komme nicht über Nacht, sondern werde Monate dauern, sagt Top-Chemiemanager Rainer Seele.

Covestro-Aufsichtsratschef Rainer Seele warnt: Auch bei einer Öffnung der Straße von Hormus wird die Erholung Monate dauern.

Rainer Seele, der Aufsichtsratsvorsitzende von Covestro, prognostiziert, dass die Weltwirtschaft selbst bei einer Wiedereröffnung der Straße von Hormus mit fortdauernden Belastungen konfrontiert sein wird. „Die Erholung der Lieferketten kommt nicht über Nacht, sondern wird Monate dauern“, äußerte der frühere Chef von Wintershall gegenüber dem „Handelsblatt“.

Aktuell führen die USA und der Iran Gespräche über eine mögliche Öffnung des Seewegs. Die Straße von Hormus besitzt für den Welthandel eine hohe Relevanz. Etwa ein Fünftel der globalen Lieferungen von Öl und Flüssigerdgas wurde vor dem Konflikt über diese Meerenge abgewickelt. Die weitestgehende Sperrung hat zu einem Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise geführt, was Industrie und Konsumenten auf der ganzen Welt belastet.

Lieferketten: Seele erwartet monatelange Erholungsphase

Laut Seele würde es nach einer Freigabe der bedeutenden Schifffahrtsroute vor der iranischen Küste dauern, bis Öltanker den Rohstoff nach Asien liefern können. „Es werden zunächst auch die strategischen Reserven in vielen Ländern wieder aufgefüllt. Der Nachholbedarf ist riesig“, erläuterte der Manager, der seine Tätigkeit für den Ölkonzern Adnoc in den Vereinigten Arabischen Emiraten ausübt.

Er führte aus, dass die Rohstoffversorgung deshalb bis zum Ende des Jahres prekär bleiben werde, was vor allem die asiatische Chemiebranche treffen dürfte. Im Gegensatz dazu könnten die Energiekosten seiner Meinung nach rasch zurückgehen. Ein erheblicher Teil der gegenwärtigen Preise sei eine Risikoprämie, welche bei einer politischen Einigung verschwinden würde. Der Preis für Rohöl könnte sich dann wieder bei etwa 80 Dollar pro Barrel (entspricht 159 Litern) einpendeln, dem Niveau von vor dem Krieg.

Konjunktursorgen: Geringe Nachfrage und Inflationsdruck

Andere Auswirkungen bereiten Seele allerdings mehr Kopfzerbrechen. Zentral sei die Frage, ob nach einer Wiederaufnahme der Produktion in den Anlagen eine ausreichend hohe Nachfrage existieren wird. „Die Weltwirtschaft hat schon im Januar und Februar keine Anzeichen von Besserung gezeigt“, sagte Seele. Seit März seien Vorprodukte wie Chemikalien gehortet worden, da Unternehmen ihre Produktionsfähigkeit sichern wollten. „Das ist keine Nachfrage, die auf Wachstumserwartungen fußt.“

Das produzierende Gewerbe stehe jetzt vor der Herausforderung hoher Beschaffungspreise. „Sie wird versuchen, diese weiterzugeben, und das wird über die Inflation beim Verbraucher ankommen“, so Seeles Prognose. Er äußerte die Befürchtung, dass das Konsumentenvertrauen infolge des Konflikts am Golf zusätzlich erodieren könnte.

Ausblick für die regionale Chemiebranche

Europa ziehe aus den Lieferkettenproblemen in Asien nur einen vorübergehenden Vorteil. „Das ist nur eine Verschnaufpause. Spätestens nächstes Jahr geht der Stress auf dem Chemiemarkt wieder los, wenn China wieder große Mengen zu Billigpreisen auf den Weltmarkt bringt“, prophezeite Seele. Auf lange Sicht liege die Zukunft der europäischen Chemie nicht in der Produktion von Basischemikalien, sondern in den Bereichen Innovation und Spezialisierung.

„Bei der Basischemie sehe ich schwarz. Da investiert niemand in Europa, dazu ist der Kostennachteil viel zu hoch“, meinte der Fachmann. Die Fertigung in diesem Sektor werde an Standorte verlagert, an denen Rohmaterialien und Energie preiswert verfügbar sind. Mit „Chemie von der Stange“ könne Europa keinen Bestand haben. „Gerade Deutschland hat zwar kaum Rohstoffe, aber jede Menge Innovationskraft. Darauf müssen wir setzen.“ (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.