Der Kölner Coach Sohrab Salimi erklärt in seiner Kolumne, warum lange ausgetüftelte Strategien nicht immer der Weg zum Erfolg sind.
Die Job-KolumneWer plant, statt zu handeln, plant sein Scheitern

Im Arbeitsalltag herrscht die Haltung, dass ein guter Plan die Voraussetzung für gutes Handeln ist – nicht zwangsläufig, findet unser Kolumnist.
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Neulich bei einem Kunden. Es ging um eine neue Software, die eingekauft werden sollte. Ich erwähnte, dass man prüfen könnte, ob sich das mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz nicht auch intern entwickeln ließe. Schneller, günstiger, passgenauer. Die Antwort: „Wir erarbeiten gerade unsere Fünfjahres-KI-Strategie. Bis die steht, dürfen wir mit KI nichts machen.“
Fünf Jahre. Für eine Technologie, die sich alle paar Monate neu erfindet. Erarbeitet von Menschen, die KI selbst kaum nutzen. Das ist, als würde man die Hochzeit planen, ohne eine Braut zu haben. Und wir alle wissen: Am Ende entscheidet sie über den Ablauf – nicht er.
Pläne scheitern aus zwei Gründen
Ich sage das nicht, um mich über diesen Kunden lustig zu machen. Die Haltung dahinter ist weit verbreitet. Und sie betrifft nicht nur KI. Es ist der Glaube, dass ein guter Plan die Voraussetzung für gutes Handeln ist. Erst denken, dann machen. Erst das Konzept, dann die Umsetzung. Erst Sicherheit, dann Bewegung. Klingt vernünftig. Ist es aber oft nicht.
Pläne scheitern aus zwei Gründen. Der erste ist banal: mangelnde Disziplin. Jeder kennt das vom Trainingsplan im Januar. Die Vorsätze sind ambitioniert, die Umsetzung hält zwei Wochen. Nicht weil der Plan schlecht war, sondern weil es die wenigsten durchziehen. In Unternehmen sieht es nicht anders aus. Strategiepapiere füllen Schubladen. Offsite-Ergebnisse verstauben in PowerPoint-Dateien. Der Plan war nie das Problem. Das Tun war es.
Der zweite Grund ist tückischer: Der Plan war von Anfang an falsch. Nicht aus Dummheit, sondern weil er auf Annahmen basierte, die sich als falsch herausstellten. Und das ist kein Ausnahmefall, sondern der Regelfall. Denn jeder Plan über einen längeren Zeitraum ist eine Wette auf die Zukunft. Und die Zukunft hält sich nicht an unsere Tabellen.
Die Wahrheit ist: Wir wissen weniger, als wir glauben. Über Märkte, über Kunden, über Technologien und über unsere Umsetzungsfähigkeit. Das einzige verlässliche Mittel, um Unsicherheit zu reduzieren, ist nicht besseres Planen, sondern früheres Handeln. Wer etwas ausprobiert, lernt in einer Woche mehr als ein Strategieteam in drei Monaten. Nicht, weil Strategie unwichtig wäre, sondern weil Strategie ohne Erfahrung Spekulation ist.
Plane weniger weit, aber handle schneller
Das bedeutet nicht, planlos loszurennen. Es bedeutet: Plane weniger weit, aber handle schneller. Setze um, beobachte, lerne, passe an. Die besten Unternehmen planen nicht weniger als andere. Aber sie planen kürzer. Und handeln früher. Sie akzeptieren, dass der erste Versuch nicht perfekt sein wird. Und genau deshalb werden sie schneller besser.
Das gilt nicht nur für Unternehmen. Es gilt für jede Entscheidung. Die Geschäftsidee, die seit drei Jahren „noch nicht reif“ ist. Das schwierige Gespräch mit dem Kollegen, auf das man sich „noch vorbereiten“ muss. Die Bewerbung, die man erst abschickt, „wenn der Lebenslauf perfekt ist“.
Planung wird oft zur elegantesten Form des Aufschiebens. Wir planen, weil es sich produktiv anfühlt, ohne dass wir uns dem Risiko des Scheiterns aussetzen. Solange wir planen, können wir nicht scheitern. Aber wir können auch nicht lernen. Und vor allem: Es entsteht kein Mehrwert. Kein Kunde profitiert von unserer Planung. Kein Produkt wird besser. Erst in der Umsetzung entsteht Wirkung.
Mein Kunde wird seine Fünfjahresstrategie fertigstellen. Vielleicht mit Hilfe von McKinsey, vielleicht intern. Professionell wird sie aussehen, in einer hübschen Präsentation stecken und von allen abgenickt werden. Und in dem Moment, in dem sie fertig ist, wird sie veraltet sein. Weil die Welt nicht gewartet hat.
Die unbequeme Frage ist nicht: Hast du einen Plan? Sondern: Was hast du heute ausprobiert? Von nichts kommt nichts.

Sohrab Salimi schreibt regelmäßig die Job-Kolumne
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Zur Person und zur Kolumne
Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. In seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ schreibt er einmal im Monat über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt.