Mehr Risikobereitschaft für Neues wünscht sich Rodrigo Diehl, Deutschland-Chef der Deutschen Telekom, von den deutschen Unternehmen.
Digital X„Köln und Bonn sind Heimat der Telekom“

Rodrigo Diehl, Deutschland-Chef der Telekom, freut sich auf die Digitalmesse Digital X im Kölner Rheinauhafen.
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Herr Diehl, Angela Merkel diskutiert am Dienstag mit Miriam Meckel auf der Digital X in Köln. Ist das PR oder bringt sie eine Botschaft mit?
Rodrigo Diehl: Technologie verändert sich gerade massiv und damit auch unsere Gesellschaft. Aber es geht nicht nur um Technologie. Es geht auch um Geopolitik, Energiepolitik und die Zukunft der Arbeit. Wir als Telekom wollen mit der DIGITAL X Impulse geben, die helfen, diese komplexe Welt besser zu verstehen. Aus diesen Impulsen kann sich jeder sein eigenes Bild bauen. Genau deshalb sind Top-Manager wie Siemens-CEO Roland Busch genauso dabei wie der Historiker Yuval Noah Harari und Angela Merkel. Frau Merkel ist spannend, weil sie als Kanzlerin gesellschaftliche und politische Umbrüche begleitet hat. Und ja: Wir alle kennen sie.
Das klingt nach Fontane: Ein weites Feld…
Exakt. Meine Hoffnung ist, dass unsere Besucher mit Impulsen zum Handeln herauskommen. Vielleicht braucht es danach noch etwas Reflexion. Es gibt keine einfachen Antworten. Man muss sie sich aus verschiedenen Blickwinkeln zusammenbauen.
Bleiben wir bei Merkel. Von ihr stammt das berühmte Wort vom „Neuland“. Ist KI Neuland oder ist sie längst so sehr Teil unserer Lebenswelt, dass wir ganz andere Fragen stellen müssen?
Neuland ja. Aber damals wie heute ist nicht die Technologie selbst die Frage, sondern was wir damit und daraus machen. KI zu nutzen ist das eine. Das eigene Unternehmen damit besser zu machen, gelingt noch nicht überall. Aber gerade für den deutschen Mittelstand ist KI eine große Chance. Denn wir stehen mit KI wieder vor einem Umbruch. Und der wird aus meiner Sicht noch größer als der Umbruch vor 20 Jahren durch Smartphone, Apps und Social Media. Die Dynamiken sind andere.
„Technologie verändert sich gerade massiv und damit auch unsere Gesellschaft. Aber es geht nicht nur um Technologie. Es geht auch um Geopolitik, Energiepolitik und die Zukunft der Arbeit.“
Sie waren gerade im Silicon Valley. Haben Sie etwas mitgebracht, das Sie schlecht schlafen lässt?
Schlecht schlafen lässt mich das nicht. Aber ich war vor ein paar Wochen im Valley, voriges Jahr in Asien. Was dort kommt, ist beeindruckend, vor allem die Geschwindigkeit. Man muss das vielleicht selbst sehen, um zu verstehen, was da an Technologie und Innovation entsteht.
Was passiert jetzt gerade, in diesem Moment?
Die Grundlogik der Smartphone-Welt mit iOS und Android war fast 20 Jahre erstaunlich stabil. Vergleichen Sie das iPhone von 2007 mit einem Smartphone von heute: Die Geräte sehen im Grundsatz ähnlich aus, wir nutzen Apps, und ein großer Teil der Datenverarbeitung läuft in Rechenzentren und Clouds. Diese Grundarchitektur hat sich lange nicht fundamental verändert. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem genau das passieren könnte. Ob in sechs Monaten, in zwei, drei oder fünf Jahren, ist ungewiss. Darüber gibt es auch im Valley sehr unterschiedliche Meinungen. Von einer Sache bin ich aber überzeugt: In den nächsten fünf Jahren werden wir wieder einen iPhone-Moment erleben.
Wie sieht der Ihrer Meinung nach aus?
Drei Dinge sind entscheidend. Erstens das Interface, also die Art, wie wir als Menschen mit Technologie interagieren. Wir haben fast alle sehr flinke Daumen entwickelt. Aber so richtig effektiv ist das eigentlich nicht. Wir sitzen hier ja auch nicht zusammen und tippen uns Fragen und Antworten. Wir sprechen und hören zu. Ich bin überzeugt, dass wir uns künftig auch viel stärker mit Technologie unterhalten werden. Die Stimme als Steuerinstrument ist schon Realität, dort fließt sehr viel Forschung und Investment hinein. Die Technologie ist inzwischen weit genug für einen Durchbruch. Es gibt sogar Start-ups, die daran arbeiten, dass wir über Gedanken mit Computern kommunizieren. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik.
Was heißt das für das Gerät in der Hosentasche?
Wenn man nicht mehr tippen muss, muss man vielleicht auch nicht mehr ständig auf ein Display schauen. Dann verändert sich auch die Form der Geräte, mit denen wir kommunizieren: Brillen, Kopfhörer, Armbänder und anderes. Und dann ist da das zweite Feld: Robotik. Dort passiert ebenfalls enorm viel. Gerade für eine Industrienation wie Deutschland ist das ein wichtiges Feld.
Bleibt Punkt drei…
Die Latenz. In einer Welt mit KI-Systemen und insbesondere bei zeitkritischen Anwendungen werden Reaktionszeiten entscheidend. Viele Anwendungen werden auch künftig in großen zentralen Clouds laufen. Aber bei Robotik, industrieller Steuerung oder anderen Echtzeitanwendungen muss Rechenleistung näher an den Ort der Nutzung. Die Cloud-Welt wird also bleiben, gleichzeitig werden sich mehr Intelligenz und Rechenkapazität im Netz verteilen, näher an Unternehmen und Menschen.
Sie reden über die Zukunft der KI. Ich finde, da läuft doch jetzt schon etwas, was wir nicht mehr unter Kontrolle haben. Wir haben die Fälle, wo sie sich selbstständig gemacht hat. Haben wir es noch unter Kontrolle? Haben es die Leute in China oder im Valley unter Kontrolle?
Die ehrliche Antwort ist: Niemand kann seriös versprechen, jede Entwicklung dieser Technologie vollständig zu kontrollieren. Und ich glaube auch nicht, dass im Valley oder in China jemand auf alle Fragen schon eine Antwort hat. Umso wichtiger ist es, Kontrolle dort einzubauen, wo wir es können: bei Daten, Identitäten und Zugriffsrechten, bei Sicherheit und Nachvollziehbarkeit und bei der Frage, welche Entscheidungen ein Mensch freigeben muss. Gleichzeitig dürfen wir über das Morgen das Heute nicht vergessen. Die Realität vieler Unternehmen hierzulande ist, dass ihre Daten schon heute nicht ausreichend geschützt sind. Und gerade weil das Potenzial von KI eine andere Dimension hat, brauchen wir vertrauenswürdige Clouds, Sicherheitslösungen und Infrastruktur für KI. Das sehe ich als Rolle einer Deutschen Telekom.
Ist es nicht so, dass die KI-Modelle immer schneller immer leistungsfähiger werden?
Ja. ChatGPT hat der Welt gezeigt, welches Potenzial KI entfalten kann. Seitdem ist enorm viel passiert: neue Modelle, neue Fähigkeiten, immer kürzere Entwicklungszyklen. Vor zwei Jahren haben wir vor allem über die großen sogenannten Frontier-Modelle gesprochen. ChatGPT, Anthropic, Gemini… Heute reden wir gleichzeitig über Open-Source-Modelle und kleinere, spezialisierte Modelle, zum Beispiel für Industrie oder Wissenschaft. Die Zukunft wird wahrscheinlich eine Kombination daraus. Mir ist in dieser Diskussion aber ein Begriff besonders wichtig: Vertrauen. Wem gehören die Daten, wem die Modelle? Wer hat Kontrolle und Wahlfreiheit? Und dahinter steht für mich eine noch grundsätzlichere Frage: Vertrauen wir den Akteuren, die diese Technologien in der Hand haben?
Kann ich Ihnen denn vertrauen?
Wir glauben, dass wir als Deutsche Telekom dabei eine zentrale Rolle spielen können. Meine Vision ist, ein Partner des Vertrauens in Deutschland und Europa zu sein, für Unternehmen und für Menschen, die wir in diese Zukunft begleiten. Und das bedeutet, dass wir die entsprechenden Fähigkeiten in unsere Netze und unsere Infrastruktur einbauen. Deswegen haben wir die KI-Fabrik in München gebaut, deswegen investieren wir in Infrastruktur.
„Meine Vision ist es, Partner des Vertgrauens in Deutschland und Europa zu sein.“
Wo ist da das Geschäftsmodell? Womit verdienen Sie in Zukunft Ihr Geld?
Das Geschäftsmodell liegt genau darin, dass Konnektivität, Rechenleistung, Cloud, Sicherheit und der Betrieb von KI immer stärker zusammenwachsen. Was braucht eine Infrastruktur der Zukunft? Erstens einen vertrauenswürdigen Partner, der Menschen und Unternehmen neue Technologien erklären, aber auch absichern kann. Wir haben Beziehungen zu Kunden auf allen Ebenen, von Großunternehmen über den Mittelstand bis zu Familien, die seit 20 Jahren in unsere Shops kommen. Zweitens wird diese Infrastruktur dezentraler. Zeitkritische Anwendungen brauchen niedrige Latenzen und leistungsfähige Netze. Sie muss also näher an Unternehmen und Menschen. Das ist eine Chance für uns, weil wir mit Netzen, Standorten und Rechenzentren schon heute nah dran sind. Und wir werden mehr Intelligenz, Chips und Rechenleistung in diese Infrastruktur bringen.
Vertrauen, das klingt nach einer neuen Dimension im Geschäft. Nicht mehr nur Infrastruktur, Netz und ein bisschen Content.
Absolut. Das Netz wird intelligenter. Dass Nvidia in Nokia investiert, ist dafür ein interessantes Signal. Es zeigt, dass KI-Rechenleistung künftig nicht nur eine Frage großer Rechenzentren ist, sondern auch der Netzinfrastruktur. Das war auch ein Aha-Moment im Valley: Wir hatten Gespräche mit Chipherstellern und die Frage war immer wieder, wie wir künftig zusammenarbeiten können.
Wie nutzen Sie selbst KI?
Ich mache inzwischen Dinge, die ich in meinem Leben nie gemacht habe, zum Beispiel Musik mit KI. Ich kann mich also kreativ noch einmal anders ausprobieren. Darüber hinaus habe ich sechs, sieben KI-Apps, die ich täglich benutze. Man muss selbst damit spielen, um zu verstehen, was die Technologie kann. Und, weil man nur so die Stärken, Schwächen und Unterschiede sieht. Ich stelle manchmal dieselbe Frage an vier verschiedene KIs, und die Unterschiede sind erstaunlich. Das zeigt aber auch: Bewerten und Entscheiden kann und sollte uns die KI nicht abnehmen.
Was verändert das ganz konkret im Alltag eines Vorstands?
Ich habe mehr Zeit zum Denken. Das klingt banal, aber ich schreibe deutlich weniger und spreche mehr. Wenn ich ein Strategiepapier brauche, kann ich mich stärker auf die Kerngedanken konzentrieren und weniger auf die Formulierung. Das wäre übrigens mein Wunsch für KI insgesamt: Sie soll uns nicht das Denken abnehmen, sondern Routine. Sie kann uns mehr Zeit zum Denken geben und mehr Zeit mit Menschen. Jemand im Vertrieb verbringt in einem deutschen Unternehmen heute nur 27 Prozent seiner Arbeitszeit tatsächlich bei Kunden. 80 Prozent wären besser. Und auch hier hat die Telekom eine Rolle, weil sie nicht nur Konnektivität und Sicherheit liefert, sondern auch digitale Lösungen.
Wenn nicht mehr geschrieben, sondern nur noch gedacht wird, hat das nicht massive Folgen gerade für die Jobs, die am Schreiben hängen? Und auf ganz viele andere?
Natürlich hat das Folgen. Es wäre falsch, das kleinzureden. Einzelne Tätigkeiten werden wegfallen, viele Berufe werden sich stark verändern und neue Aufgaben werden entstehen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob KI unsere Arbeit verändert, sondern wie wir diese Veränderung gestalten. Eine Erfahrung habe ich in den vergangenen 20 Jahren gemacht: Menschen wollen mit Menschen reden. Urteilskraft, Verantwortung, Kreativität und Beziehungen bleiben wichtig. Gleichzeitig wird KI uns bei fast allem unterstützen können. Jeder von uns muss sich deshalb fragen: Wie kann ich das, was ich heute tue, mit KI anders und besser machen?
Haben Sie ein Beispiel aus dem eigenen Haus?
Unsere Service-Center. Sie rufen an und sprechen mit einem Menschen, aber diese Person hat über eine KI bereits eine Zusammenfassung Ihrer Historie bekommen. Früher musste sie sich das aus verschiedenen Systemen zusammensuchen. Und nach dem Gespräch musste sie dokumentieren, was besprochen wurde. Das übernimmt heute teilweise die KI. Pro Anruf gewinnen wir so 30 bis 60 Sekunden. Das ist Zeit, die unsere Mitarbeitenden in wertvollere Aufgaben und in den Kontakt mit Kunden stecken können. Dazu lösen wir inzwischen Millionen von Kundenanliegen per Chat, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.
Vom Silicon Valley zum Kölner Dom und zur DIGITAL X: Die wurde einmal damit begründet, man wolle den deutschen Mittelstand an die Digitalisierung heranführen. Jetzt sind wir in der KI-Epoche. McKinsey sagt, nur ein Bruchteil der deutschen Unternehmen setzt KI so ein, dass sie für das Ergebnis relevant wird…
Solche Studienergebnisse wundern mich nicht, weil es immer einen Zeitversatz gibt. Erst nimmt man die Technologie, versucht zu verstehen, was man damit machen kann, und dann beginnt man, das eigene Geschäft anzupassen und zu verändern. KI-Nutzung allein ist noch keine Transformation. Produktivität entsteht erst, wenn Sie die Prozesse im Unternehmen wirklich anders bauen. Bei vielen Unternehmen kommen im Moment zuerst die Kosten an und es gibt Fragezeichen, wann die Wirkung folgt. Sie kommt aber nicht automatisch. Genau diese Umsetzung müssen wir besser machen. Mit der DIGITAL X wollen wir helfen, dass das in Deutschland schneller gelingt.
Sind Sie da wirklich optimistisch? Hängt Deutschland, hängen die deutschen Unternehmen nicht meilenweit zurück?
Ich bin in Argentinien aufgewachsen und habe in den USA studiert, in einer Welt, in der es weltweit eine große Bewunderung für den deutschen Mittelstand gab. In Fallstudien an der Universität war der deutsche Mittelstand Forschungsgegenstand und Vorzeigemodell. Diese Kraft ist immer noch da. Wir waren bei vielen Technologien, die die Welt in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben, nicht an der Spitze der Entwicklung. Aber wir waren sehr stark darin, Technologie in industrielle Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle zu übersetzen. Ich sehe keinen Grund, warum wir diese Stärke bei KI nicht wieder ausspielen können.
Fehlt trotzdem etwas?
Mut. Risikobereitschaft. Die Bereitschaft, Neues zu testen. Eines hat mich im Valley beeindruckt: Was da rauskommt, ist nicht perfekt. Test- und Beta-Modus ist Alltag.
Ist dieser Mut in Deutschland noch da? Diese Frage hört man oft.
Ich würde zwei Welten trennen. Bei der Entwicklung der leistungsfähigsten Basismodelle, an der so genannten Frontier also, haben wir in Europa strukturelle Nachteile: kleinere und fragmentiertere Märkte und dadurch weniger Größenvorteile, hohe Energiekosten und weniger Risikokapital. Da haben die USA und China große Vorteile, und Europa liegt zurück. Auf der anderen Seite haben unsere Unternehmen und unser Mittelstand enormes industrielles Wissen, Prozesse, Daten und Kundenbeziehungen. Deshalb haben wir die Chance, bei der Anwendung dieser Technologien weltweit vorne mitzuspielen. Da bin ich optimistisch.
Die EU hat eine Gigafactory-Initiative für KI-Infrastruktur mit Fördermitteln aufgelegt. Beteiligt sich die Telekom?
Wir haben ja vorab Interesse bekundet. Mehr kann ich aktuell nicht dazu sagen.
Warum veranstaltet die Telekom ihre DIGITAL X ausgerechnet in Köln?
Köln und Bonn sind Telekom-Heimat. Viele Telekomerinnen und Telekomer leben und arbeiten hier. Und wir haben in Köln zwei starke Telekom-Marken, auf die ich sehr stolz bin: congstar und fraenk. Beide wachsen stark. Deshalb war für uns immer die Frage: Was können wir hier in Köln machen? Eine Antwort darauf ist die DIGITAL X.
Wie steht es um den Netzausbau in Köln?
Unser Ziel ist eine nahezu flächendeckende Glasfaserversorgung bis in die Wohnungen. Köln hat dafür einen guten Startpunkt. Viel Glasfaser reicht bereits bis in Gebäude. Entscheidend ist jetzt, sie bis in die einzelnen Wohnungen zu bringen. Technisch gesprochen: Von FTTB zu FTTH. München und Hamburg sind da weiter. Aber genau das ist die Infrastruktur, die Köln langfristig zukunftssicher macht.
Wie viele Haushalte sind schon so weit?
Rund 150.000 Haushalte in Köln können heute schon Glasfaser bei uns bestellen. Das ist ein guter Zwischenstand. Und auch hier liegt die Glasfaser noch nicht in allen Wohnungen. Entscheidend ist darum unser Ziel: möglichst flächendeckend FTTH. Und das meine ich ernst.
Aber das werden Sie nicht ohne Partner schaffen?
Wir können und werden selbst bauen. Aber mit Partnern geht es vielerorts schneller und besser. Wir haben inzwischen mehr als 50 Kooperationen in Deutschland. Auch in Köln sind wir in Gesprächen über mögliche Kooperationen.
