Brüssel – Ein Löwe auf dem Sofa, Giftschlangen im Wohnzimmer, Schimpansen auf dem Balkon, ein Alligator im Gartenteich – exotische Wildtiere im Zuhause scheinen im Trend zu liegen. In Deutschland wird es den Menschen, die nach dem ganz besonderen Begleiter suchen, auch noch leicht gemacht. Man kann sich fast jedes Tier relativ problemlos anschaffen. Strikte Regeln für das Geschäft mit der lebenden Ware gibt es ebenfalls nicht. Einige EU-Mitgliedstaaten wollen das nun ändern und gegen Europas Tigerkönige härter durchgreifen.
So haben Zypern, Litauen, Luxemburg und Malta ein neues Gesetz vorgeschlagen, durch das der Handel und die Haltung von bestimmten Exoten verboten werden sollen. Gestern berieten die EU-Agrarminister über eine Positiv-Liste, die die vier Länder in einem gemeinsamen Papier fordern. 19 Mitgliedstaaten unterstützen die Initiative für einen EU-weiten neuen Rechtsrahmen. Auch Deutschland begrüßt den Vorstoß.
Özdemir: Man solle exotische Tiere nicht zuhause halten
„Exotische Wildtiere gehören in der Regel in die Wildnis, nicht in die eigenen vier Wände“, sagte der Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir gegenüber unserer Redaktion. „Das ist für mich eine Frage des Arten- und Tierschutzes, aber auch der Gesundheit für Mensch und Tier.“ Der Grünen-Politiker findet es richtig, dass auf europäischer Ebene geeignete Maßnahmen geprüft werden, die in allen Mitgliedstaaten einheitliche Regeln vorgeben. „Eine europäische Positivliste – wie schon in manchen Ländern Standard – kann hier helfen“, so Özdemir.
Die Zahlen dürften viele Menschen zum genauen Blick auf den Nachbarn ermuntern: In dem Papier wird geschätzt, dass die Bürger in Europa mehr als 100 Millionen Tiere, die nicht Hunde oder Katzen sind, privat halten, darunter kleine Säugetiere, Vögel, Reptilien, Fische und Amphibien. „Viele dieser Arten wurden in der freien Wildbahn gefangen, wodurch die natürlichen Populationen dezimiert werden und die Artenvielfalt verloren geht“, heißt es. Der von den vier Mitgliedstaaten gewünschte Katalog würde eine „begrenzte Anzahl von Tierarten“ aufzählen, die von Privatpersonen als Haustiere geführt werden dürfen.
Auf diese Weise würde man „Besitzern und Behörden Klarheit verschaffen“. Der Verkauf und die Haltung von Tierarten, die nicht auf der Liste stehen, wären automatisch in der gesamten EU verboten.Morgane Le Dreau, Koordinatorin für Wildtierpolitik bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten, bezeichnete eine solche Liste gegenüber unserer Redaktion als „sehr erstrebenswert“. Sollte sie umgesetzt werden, „muss dann natürlich noch sichergestellt werden, dass die Kriterien auch streng genug sind“.
Tierschützer sind besorgt
Solche könnten sein, dass die Art nicht gefährdet ist oder dass die Besitzer nachweisen müssen, die Tiere artgerecht zu halten. Derweil sind Tierschützer nicht nur um das Wohl von in Gefangenschaft lebenden Pumas, Erdmännchen oder Stinktieren besorgt. „Auch die öffentliche Sicherheit kann durch Exoten wie Großkatzen und Schlangen, gefährdet werden, wenn diese nicht ausreichend gesichert sind“, so Le Dreau.
Die Initiatoren des Rechtsvorschlags betonen ebenfalls, die Tiere stellten aufgrund ihres natürlichen Verhaltens, das aggressive oder räuberische Wesenszüge einschließt, eine ernsthafte Gefahr für die Menschen dar. „Dies kann durch den Stress, dem sie in Gefangenschaft ausgesetzt sind, und durch ihre Unfähigkeit, natürliche Verhaltensweisen zu zeigen, noch verschlimmert werden.“ Immer wieder kommt es zu Unfällen, weil die Besitzer plötzlich den ausgewachsenen Tiger nicht mehr kontrollieren können oder sie aber gebissen, erstickt oder von der Kobra vergiftet werden.
Das könnte Sie auch interessieren:
Ein weiteres Problem: „Das Auftreten von Zoonosen wird mit dem Wildtierhandel in Verbindung gebracht.“ Dabei handelt es sich um Krankheiten, die von Tieren zum Menschen und umgekehrt übertragen werden können. Auch das Coronavirus stammt laut Weltgesundheitsorganisation von einem Tier genauso wie die Vogelgrippe und das Ebola-Virus. Schätzungen gehen laut EU-Papier davon aus, dass mehr als 70 % aller zoonotischen Krankheiten von Wildtieren übertragen werden. Wenn diese zu Haustieren würden, „erhöht sich durch ihre Nähe zu menschlichen Besitzern die Gefahr einer Ansteckung drastisch“, lautet die Warnung.


