Abo

Folgen des Ukraine-Kriegs in Deutschland„Die Preise für Lebensmittel werden steigen“

4 min
Lebensmittel Preise

Symbolbild 

Berlin – Die Landwirtschaft ist eine der Vorzeigebranchen der Ukraine. Agrarökonom Alfons Balmann kommt regelrecht ins Schwärmen: „Spitzenbetriebe sind heute vielfach hochmodern, effizient und oft deutlich digitaler als in Deutschland.“ Balmann ist Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Halle/Saale und ausgewiesener Kenner der ukrainischen Landwirtschaft. Der Professor spricht im Gespräch mit unserer Redaktion von enormen Ertragssteigerungen in den zurückliegenden Friedensjahren.

So hat sich das Land einen der vorderen Plätze unter den Agrarexporteuren dieser Welt erarbeitet. Mais, Raps und Sonnenblumen sind wichtige Exportgüter, aber auch Getreide: Zwölf Prozent der weltweiten Weizenexporte kamen zuletzt aus der Ukraine. Das deutlich größere Russland lieferte 17 Prozent. Das Getreide ging vorrangig nach Nordafrika, in die Türkei und asiatische Länder. Aber nicht in Richtung Westen. Die EU hat einen hohen Selbstversorgungsgrad.

Das Gas ist ein Faktor auch bei der Lebensmittelproduktion

Das Bundeslandwirtschaftsministerium teilte mit Blick auf die aktuellen Ereignisse deswegen bereits mit: Für die Versorgung der Getreide- und Ölsaatenmärkte in Deutschland wären keine direkten Auswirkungen zu erwarten.

Das heißt aber nicht, dass der Ukraine-Krieg nicht doch in den hiesigen Supermärkten zu spüren sein wird. Denn was manchen Ländern das Getreide in diesem Konflikt ist, ist den Deutschen das Gas: ein Abhängigkeitsfaktor. Die Lebensmittelproduktion ist energieintensiv, die Produktion von Dünger noch einmal mehr.

Das bekam die Industrie in den zurückliegenden Monaten bereits zu spüren. Udo Hemmerling, Vize-Generalsekretär beim Deutschen Bauernverband, formuliert es so: „Viele denken beim Gas an die Heizung in der eigenen Wohnung. Tatsächlich fließen aber große Mengen in die Industrie und damit auch in die Lebensmittelverarbeitung. Bäckereien, Schlachthöfe und Molkereien benötigen Gas zum Erhitzen oder Kühlen von Produkten.“

Bislang bekommt der Verbraucher noch wenig zu spüren

Claus Niegsch, Analyst bei der DZ Bank, bezweifelt, dass etwaige Mehrkosten eins zu eins an die Kunden im Supermarkt weitergegeben werden. Der Handel habe in Deutschland eine sehr starke Verhandlungsposition. „Und die Verbraucher hierzulande sind in der Mehrheit nicht bereit, für Lebensmittel das zu bezahlen, was sie wirklich wert sind.“ Sprich: Die höheren Energiepreise blieben entlang der Produktionskette hängen – beim Bauern, beim Lebensmittelhersteller und so weiter. Aber ganz kämen auch die Verbraucher nicht umhin, tiefer in die Tasche zu greifen, so Niegsch: „Die Preise für Lebensmittel werden steigen.“ Wie stark, hänge von den aktuellen geopolitischen Entwicklungen ab. „Meine derzeitige Prognose wäre: Wir werden einen leicht überdurchschnittlichen Anstieg bei den Preisen für Lebensmittel sehen, aber keinesfalls so stark wie bei den Energiepreisen.“

Voraussetzung für dieses Szenario ist, dass das Gas irgendwie weiterfließt. Bauernverbandsvertreter Hemmerling sagt, sollte gar kein Gas mehr ankommen, sei die Produktion von Stickstoffdünger gefährdet. Schon vor Kriegsausbruch hatten entsprechende Preise Rekorde erklommen, was wiederum die Nachfrage nach Gülle und Gärresten als alternativen, natürlichen Düngern steigen ließ.

Komplett ersetzen lasse sich der Kunstdünger aber nicht, sagt Hemmerling. „Wenn Düngemittel knapp werden, werden wir das auch bei den hiesigen Ernten merken.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Verbandspräsident Joachim Rukwied formuliert es so: „Die Getreideversorgung in der EU ist durch eine hohe Eigenversorgung gesichert, vorausgesetzt, es stehen im Frühjahr genug Düngemittel und Pflanzenschutzmittel zur Verfügung.“ Angesichts des Krieges scheint der Bauernverband da seine Sorgen zu haben. Nun ist auch das nur ein Szenario. Aber beim Bauernverband vertritt man die Auffassung, dass angesichts des vielerorts nicht erwarteten russischen Angriffs nicht nur die Energie-, sondern auch die Agrarpolitik der EU auf den Prüfstand gehört. Rukwied sagt: „Versorgungssicherheit für Energie, Rohstoffe und Nahrungsmittel muss dabei im Mittelpunkt stehen.“

Vize-Generalsekretär Hemmerling verweist auf EU-Beschlüsse wie den Green Deal oder die Farm-to-Fork-Strategie. Beide setzen auf eine nachhaltigere Landwirtschaft, die im Zweifelsfall aber auch geringere Erträge erzielt. Etwa, indem Ackerflächen nicht bewirtschaftet werden. Hemmerling sagt, bei der Ausgestaltung seien Szenarien wie der jetzige Krieg nicht berücksichtigt worden. Abhängig davon, wie sich der Konflikt entwickelt, müssten die Beschlüsse diskutiert werden. „Können wir es uns noch leisten, Flächen stillzulegen?“, fragt er.